Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
News Neonazis-Aufmarsch in Ostritz: Löst die Musik rechte Gewalt aus?
Region Mitteldeutschland News Neonazis-Aufmarsch in Ostritz: Löst die Musik rechte Gewalt aus?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:40 23.06.2019
Im sächsischen Ostritz treffen sich am Wochenende wieder hunderte Neonazis zum „Schild und Schwert Festival“. Quelle: Daniel Schäfer/dpa
Ostritz

Dutzende Autos wollen auf das Gelände des Hotels „Neisseblick“. Doch sie müssen warten, die Polizei kontrolliert. Jeder einzelne Kofferraum wird von den Beamten ausgeräumt, Schlafsäcke werden zusammengedrückt, um Gegenstände wie Messer zu erkennen. Auch Bier und andere alkoholische Getränke müssen die Festivalbesucher abgeben – es gilt Alkoholverbot.

Wer es durch die Polizeikontrolle geschafft hat, ist auf einem der bekanntesten Neonazi-Treffen Deutschlands. Auf den T-Shirts der Konzertteilnehmer steht „Rassist“, „Adolf“ oder „Nationale und Soziale Aktion“. 750 Teilnehmer hat der NPD-Chef von Thüringen Thorsten Heise für die Wochenendveranstaltung in Ostritz (Landkreis Görlitz) angemeldet - zwischen 500 und 600 waren da, hieß es von der Polizei.

Die Ostritzer wollten die ungebetenen Gäste am liebsten sofort loswerden. „Könnt ihr nicht einfach wieder wegfahren?“, ruft ein Einwohner zwei Besuchern zu, die sich in den Ort verirrt haben. Hier sei einfach kein Platz für sowas, sagt er. Einen etwas anderen Protest übten die Mitglieder des Internationalen Begegnungszentrums St. Marienthal: Nachdem ein Alkoholverbot für den Neonazi-Treff verhängt worden war, kauften sie mit mehr als 100 Kästen die Biervorräte des örtlichen Supermarktes auf. Ostritz veranstaltet seit dem ersten Festival im April 2018 – Gegenproteste - 2000 Menschen waren dieses Mal nach Polizeiangaben insgesamt gekommen.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer in Ostritz dabei

Darunter war auch Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). „Ich bin sehr beeindruckt, wie an einem so kleinen Ort an der Neiße jedes Mal aufs Neue die Zivilgesellschaft, die Bürgerschaft aufsteht, um klarzumachen, diese Rechtsextremisten sind hier nicht gewollt“, sagt er am Freitagnachmittag - nur ein paar Hundert Meter vom Festivalgelände entfernt. „Aus Gedanken und Sprache werden am Ende auch Taten. Das sehen wir jetzt in diesem schrecklichen Mordfall in Hessen“, sagt Kretschmer.

Im Mordfall des Kasseler Regierungspräsidenten Walter Lübcke prüft das Landeskriminalamt Sachsen Verbindungen in die Neonazi-Szene des Bundeslandes. Der mutmaßliche rechtsextreme Täter Stephan E. hatte laut dem ARD-Magazin „Monitor“ im März 2019 an einem Neonazitreffen in Mücka (Landkreis Görlitz) teilgenommen.

Der unter anderem wegen Volksverhetzung und Körperverletzung verurteilte NPD-Mann Thorsten Heise gibt an, Stephan E. zumindest nicht bewusst zu kennen. „Ich wüsste nicht“, sagt er. „Ich kann es nicht ausschließen, dass ich mit dem auf einer Demo gewesen bin.“ Er sagt, dass er keine Gewaltbereitschaft in seiner Szene sehe. Allerdings soll mindestens einer der mutmaßlichen Angreifer auf zwei Journalisten im April 2018 aus dem Umfeld von Heise stammen. Das ergaben die Ermittlungen zu den zwei Männern, die die Journalisten im thüringischen Hohengandern mit Messer und Schraubenschlüssel erheblich verletzt haben sollen.

Am Dienstag hatte Sachsen zusammen mit Thüringen erklärt, unter anderem im Kampf gegen Rechtsrockkonzerte stärker zusammenarbeiten zu wollen. Diese seien eine Bedrohung für die freiheitlich-demokratische Grundordnung, sagte Ministerpräsident Kretschmer.

Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs sieht Musik nicht direkt als Ursache für rechte Gewalt

Doch schlägt Rechtsrock direkt in Gewalt um? Der Mainzer Musikwissenschaftler und Rechtsrock-Experte Thorsten Hindrichs hält die These für schwierig. Eine direkte Folge von Rechtsrock auf rechte Gewalt ist „eindimensional und platt gedacht“, sagt der Experte. Ob letztlich Gewalt verübt wird, hänge von der ganzen Lebenswelt der Menschen und den dazugehörigen Radikalisierungsprozessen ab. „Extrem Rechte funktionieren ja strukturell nicht großartig anders als andere Leute“, sagt Hindrichs. Sie machten und hörten Musik, weil es zur Gestaltung des Lebens dazugehöre.

Aus Gesprächen mit Aussteigern kennt der Forscher die unterschiedlichsten Fälle. Es gebe einige, die sich vor Gewalttaten durchaus richtig aufputschten mit Songs, die ihnen was bedeuteten. „Es gibt aber genauso auch Neonazis, die gewalttätig sind und die sagen: Die Musik ist mir vollkommen egal.“ Zum rechtsextremen „Schild und Schwert Festival“ sagt Hindrichs: „Die wissen, was sie tun. Die strafrechtlich relevanten Vernichtungsfantasien“ würden aber auf privaten Konzerten entwickelt.

Verfassungsschutz listet 23 Bands aus der rechtsextremistischen Szene

Allein in Brandenburg hat der Verfassungsschutz für das vergangene Jahr 23 Bands und 14 Liedermacher aus der rechtsextremistischen Szene gelistet. Allerdings gab es nur vier Konzerte, 2017 waren es noch fünf. Das Innenministerium sprach davon, dass sich die Aktivitäten wegen eines hohen Drucks der Sicherheitsbehörden auf vergleichsweise niedrigem Niveau bewegten.

Von Simon Sachseder