Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Mitteldeutschland Neuer Touristen-Rekord in Sachsen - Leipzig boomt
Region Mitteldeutschland Neuer Touristen-Rekord in Sachsen - Leipzig boomt
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
09:08 27.12.2018
Landtagspräsident Matthias Rößler (63, CDU) ist auch Präsident des Landestourismusverbandes in Sachsen. Quelle: Dietrich Flechtner
Dresden

Sachsens Tourismusbranche boomt und bricht immer neue Rekorde – sie muss aber in Zeiten von Klimawandel und Internet umdenken. Das sagt Landtagspräsident Matthias Rößler (63, CDU), der zugleich seit drei Jahren auch Präsident des Landestourismusverbandes Sachsen ist, im Interview.

Herr Rößler, es ist Zeit, Bilanz ziehen: Wie war das sächsische Tourismusjahr 2018?

Der Tourismus ist in Sachsen ein Wirtschaftszweig mit Zuwachs: Alle Regionen haben Gäste hinzugewonnen. Als Zielort ist Dresden zwar nach wie vor auf Platz 1, aber die größten Anstiege stellen wir in Leipzig und dem Vogtland fest. Das Jahr ist zwar noch nicht ganz zu Ende, unsere Bilanz ist aber schon jetzt sehr positiv: Während wir 2017 insgesamt 19,2 Millionen Übernachtungen hatten, sind für 2018 knapp 20 Millionen Übernachtungen zu erwarten. Das ist ein neuer Rekord und ein super Ergebnis für Sachsen.

Also alles eitel Sonnenschein?

Nein, bei weitem nicht. Die Betriebe beklagen eine überbordende Bürokratie und fehlende Arbeitskräfte, hinzu kommt ein Substanzverlust vor allem in ländlichen Regionen. Und, rein touristisch: Wir müssen erreichen, dass der Anteil der Übernachtungen deutlich steigt. Momentan liegt das Schwergewicht deutlich im Tagestourismus: Das betrifft etwa drei Viertel der insgesamt fast 150 Millionen Aufenthaltstage. Oder anders: Auf eine Übernachtung kommen sieben Tagesbesucher, die häufig mit PKW anreisen. Das bringt den meisten unserer Betriebe aber nichts. Für sie ist entscheidend, dass die Menschen wenigstens eine Nacht hierbleiben.

Einerseits steigen die Besucherzahlen, andererseits hat Sachsen ein Problem mit Rechtsextremen und macht entsprechend bundesweit Schlagzeilen. Inwieweit schadet dieses Image?

Ich halte dem inzwischen gängigen Sachsen-Bashing einfach Argumente entgegen. So ist die Gästezufriedenheit in Sachsen enorm: Wir erreichen mit 83,3 Prozent Platz 3 in Deutschland, nur Bayern und Schleswig-Holstein sind noch besser. Damit ist Sachsen das beliebteste Ost-Bundesland und liegt auch noch über dem bundesweiten Durchschnitt. Das heißt, dass die Sachsen die nettesten Gastgeber sind – das beweisen die Online-Auswertungen von Trust You und die Analysen des Ostdeutschen Sparkassenverbandes von immerhin 260 000 Menschen.   

Die negativen Berichte schlagen sich also nicht nieder – oder haben noch nicht die Auswirkungen?

Die Auswirkungen werden in der Öffentlichkeit überschätzt. Der ganz normale Besucher lässt sich davon – zum Glück – nicht abhalten. Wir hatten vor drei Jahren einmal eine Stagnation bei den Besucherzahlen, doch jetzt gehen die Zahlen wieder deutlich nach oben. Übrigens steigen die ausländischen Touristenzahlen sogar stärker als aus dem Inland.  

Stichwort Substanzverlust: Das heißt, dass Gaststätten, Pensionen und Hotels schließen?

So ist es. In den vergangenen sechs Jahren haben drei Prozent der Beherbergungsbetriebe und fünf Prozent in der Gastronomie aufgegeben oder werden anders genutzt. Das ist eine nicht zu unterschätzende Größenordnung. Die Dynamik der Entwicklung in Leipzig und Dresden ist größer als in den ländlichen Regionen. Das spiegelt sich auch in den Investitionen wider, die es häufig nur in wenigen ausgewählten Standorten gibt, etwa in den beiden großen Städten oder in den Seenländern.

Das bedeutet, gerade die ländlichen Regionen brauchen mehr Unterstützung?

Im nächsten Doppelhaushalt sind die Tourismusgelder auf mehr als zehn Millionen Euro im Jahr erhöht worden – das ist ein wichtiges Zeichen. Denn wir müssen einiges tun, gerade im ländlichen Raum. Die Anzahl der Gästebetten im ländlichen Raum ist in den vergangenen zehn Jahren um 5000 gesunken. Ähnlich sieht es bei den Gasthöfen aus: Seit dem Jahr 2000 hat sich deren Zahl etwa halbiert. Doch was einmal weg ist, kommt nur selten wieder. Das bedeutet nicht nur einen Verlust an Infrastruktur, sondern auch an Unternehmen, gerade von Familienbetrieben, von Kultur und Lebensqualität auf dem Land.

Dagegen sind die Städte offenbar Selbstläufer.

Wer so denkt, hat schon verloren. Es gibt in Sachsen keinen einzigen Selbstläufer. Wir haben nun mal keine Ostsee oder Hochgebirge. Selbst Dresden und Leipzig müssen um Touristen kämpfen. Man muss immer wieder Anlässe schaffen, damit die Menschen zu uns kommen – und nicht woanders hinfahren. Auch die mittlerweile mit hohen Bekanntheitsgraden ausgestattete Sächsische Schweiz ist ein gutes Beispiel: So toll die Natur hier auch ist, braucht es doch immer wieder ein kreatives Marketing, damit die Gäste kommen. Von allein passiert da gar nichts.

Was bedeutet das für die Tourismuswirtschaft?

Die Urlaubsmacher in Sachsen leben von Ideen und Gastfreundschaft. Die Zufriedenheit ist eine zentrale Größe. Glücklicherweise haben wir eine Vielzahl an kulturellen Angeboten, die sich auch mit der Natur kombinieren lassen. Damit meine ich nicht nur Dresden und LeipzigSachsen braucht Kultur in der Fläche des Landes, vom Heimatmuseum über Bergwerke bis zur Kunst. Das Musikfestival Erzgebirge ist ein solches Beispiel, auch die Tradition der Volkskirchen. Das alles muss am Leben erhalten werden. Mir ist klar, dass diese Identitätsbildung natürlich Geld kostet. Doch regionale Identität, die Verbindung zur Heimat, wird immer wichtiger. Andererseits brauchen wir auch in der Tourismusbranche unbedingt den Breitbandausbau.

Der Breitbandausbau wird sich aber noch einige Jahre hinziehen.

Ja, leider. Der Rückstand im Breitbandausbau in Sachsen schlägt auch in der Tourismusbranche durch. Nur ein Fünftel der Touristinformationen bietet bislang eine mobil optimierte Internetseite an, und nicht einmal zehn Prozent verfügen über einen Wlan-Hotspot. Damit sich das ändert, nehmen wir im nächsten Jahr das Thema Digitalisierung in den Fokus. Und, ganz wichtig: Die Kabel müssen schnellstmöglich in den Boden und die Abdeckung der Funknetze muss deutlich erweitert werden.

Heißt das auch, dass sich die Branche neu aufstellen muss?

Daran führt kein Weg vorbei. Nur noch ein Beispiel: Der Anteil der Reisen, die online gebucht werden, steigt seit Jahren kontinuierlich an. Es ist damit zu rechnen, dass es 2020 bereits die Hälfte der Buchungen sein werden. Genau darauf müssen wir uns viel besser einstellen. Wenn man – gerade als kleines Unternehmen – nicht mitzieht, wird man schnell abgehängt. Wir als Verband werden diese Entwicklung mit unserer Initiative „ZukunftSchmiede“ begleiten.

Auf dem Papier haben wir gerade Winter, von dem insbesondere das südliche Sachsen lebt. Wie stellt sich die Branche auf den Schneemangel ein – muss in Zeiten den Klimawandels umgedacht werden?

Der Schlüssel heißt Ganzjahrestourismus. Wir müssen uns in den Höhenlagen darauf einstellen, dass es mehr Angebote gibt, die sowohl im Winter als auch im Sommer die Besucher anziehen. Das heißt: Wir müssen uns davon lösen, vom Schnee abhängig zu sein. Das hört man vor allem in den Gebirgslagen nicht gern und deshalb wird es Diskussionen geben – doch wir kommen an einer Neuausrichtung nicht vorbei. Die Regionen sind einfach nicht mehr schneesicher und damit bricht eine der größten naturgebundenen Attraktionen weg.

Mit anderen Worten: Es gibt heute schon Probleme?

Natürlich leiden schon heute die Skigebiete in unseren Mittelgebirgen unter dieser Entwicklung. Deshalb müssen wir reagieren und eine ganze Palette als neue Ausrichtung dagegensetzen. Das betrifft Indoor- wie auch Outdoor-Angebote. Eine neue Möglichkeit ist beispielsweise die Mountainbike-Strecke Stoneman im Erzgebirge und die Straßenvariante Stoneman Road mit inzwischen 290 Kilometern und 4900 Höhenmetern in Sachsen und Tschechien.

Von Andreas Debski

Kommentare 0 Nutzungsbedingungen
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 23:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Es ist ein Christkind: Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung (60) und seine Frau Ayleena (38) freuen sich über eine Tochter. Die kleine Liva Bente Jung kam am 25. Dezember bei einer Hausgeburt zur Welt.

26.12.2018

In Sachsen leben 14 Menschen mit einer elektronischen Fußfessel. Das geht aus Zahlen des hessischen Justizministeriums hervor. Im bundesweiten Vergleich gibt es nur in Bayern noch mehr Träger einer Fußfessel.

25.12.2018

Vier Monate nach den Ereignissen von Chemnitz scheint die politische Aufarbeitung abgeschlossen. Anders dagegen die juristische. Drei verschiedene Staatsanwaltschaften sowie die Bundesanwaltschaft, LKA und Polizeidirektion Chemnitz arbeiten an der Aufklärung des Tötungsverbrechens und einer Vielzahl von Straftaten, die in der Folge verübt wurden.

25.12.2018