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Mitteldeutschland Nach Skandal um Rassentheorie: Sachsen ändert Lehrplan für Bio-Unterricht
Region Mitteldeutschland Nach Skandal um Rassentheorie: Sachsen ändert Lehrplan für Bio-Unterricht
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15:13 18.04.2019
Der sächsische Bildungsminister Christian Piwarz (CDU, Archivfoto). Quelle: dpa
Leipzig/Dresden

Sachsens Bildungsminister Christian Piwarz (CDU) hat nach Rassismusvorwürfen gegen Passagen im Biologie-Lehrplan eine Überarbeitung der Vorgaben angeordnet. Wie Behördensprecher Dirk Reelfs am Donnerstag gegenüber der LVZ erklärte, werde ein umstrittener Absatz zur Evolutionsgeschichte der Menschheit komplett gestrichen und künftig durch neue Formulierungen ersetzt.

Im Lehrplan für die zehnte Klassenstufe der Gymnasien ist bisher beim Thema „Stammesgeschichte der Menschen“ von „Merkmalen von europiden, negriden und mongoliden Menschen“ die Rede. Künftig sollen statt dieser Unterscheidung die „prinzipielle Gleichartigkeit moderner Menschen, Merkmalsunterschiede durch Klimaanpassung und eine Werteorientierung“ thematisert werden, erklärte Reelfs.  Die Korrekturen erfolgten im Zuge einer grundlegenden Überprüfung des sächsischen Lehrplans „bezüglich der Stärkung von Medienkompentenz, politischer Bildung und Bildung für nachhaltige Entwicklung“. Bis zum Start ins neue Schuljahr im August sollen die Anpassungen abgeschlossen sein.

Rassentheorie“ im aktuellen Unterricht

Die Änderungen sind vor allem ein Erfolg für die Chemnitzer Landtagsabgeordente Petra Zais (Grüne). Entrüstete Eltern hatten ihr im vergangenen Jahr Fotos von Unterrichtsmaterialen ihrer Kinder geschickt, in denen sogar von „negriden, mongoloiden und europäischen Rassenkreisen“ die Rede war. Illustriert waren die Texte mit Fotos von angeblich typischen Vertretern, inklusive Beschreibung der Merkmale – wie dicke Lippen, untersetzter Körperbau und Gelbton der Haut. In einer Übung sollten die Jugendlichen zudem Schaubilder mit verschiedenen Nasen- und Augenformen beschriften und den „Rassen“ zuordnen.

Ausschnitt aus dem Themenheft "Naturwissenschaft Biologie, Chemie, Physik - Farben" Quelle: privat

Wie sich später herausstellte, handelte es sich bei dem Buch um ein Themenheft des DDR-Verlags „Volk & Wissen“ aus den frühen 1990er Jahren, das in einer Schule südlich von Dresden auch 2018 noch in Anwendung war. Im Freistaat sind die Bildungseinrichtung selbst für die Auswahl ihrer Lehrmittel verantwortlich – solange sie den gesetzlichen Vorgaben entsprechen. Nach Veröffentlichung dieses Skandals durch die Grünen-Politikerin forderte Bildungsminister Piwarz alle Schulleiter per Brief dazu auf, veraltetes Unterrichtsmaterial mit Bezügen zu „Rassenkreisen“ und „Großrassen“ endlich aus dem Verkehr zu ziehen.

Grünen-Politikerin fordert Änderungen im Lehrplan ein

Damit war das Problem allerdings immer noch nicht behoben. Petra Zais forschte weiter und entdeckte sogar im geltenden Lehrplan eben jenen Abschnitt, der die Menschheit grob in drei unterschiedliche Gruppen einteilt. Diese Unterscheidung entspricht allerdings nicht mehr dem wissenschaftlichen Kenntnisstand und steht laut Zais auch entgegen der bereits 2004 getroffenen Vorgaben, dass „Rasse“ in Zusammenhang mit Menschen nicht mehr im Unterricht gebraucht werden soll.

Petra Zais, Landtagsabgeordnete der sächsischen Grünen. (Archivfoto) Quelle: Grüne

„Die Staatsregierung muss beim Thema 'rassistisches Lehrmaterial' offenbar zum Jagen getragen werden“, sagte die Grünen-Politikern und ärgert sich, dass diese Einteilung auch 15 Jahre später noch Bestand hatte. Nicht zuletzt offenbare der Fall auch Kommunikationsprobleme innerhalb des sächsischen Bildungsapparats. Zais forderte die Schaffung einer Stelle, an die sich Eltern in ähnlichen Fällen künftig unbürokratisch wenden könnten. „Rassismus hat nirgends einen Platz – erst recht nicht in Lehrplänen oder im Unterricht“.

Rassentheorie“ beruht auf Kolonialisierung

Die Theorie verschiedener menschlicher „Rassen“ wurde maßgeblich im Zuge der Kolonialisierung Afrikas und Südamerikas durch mitteleuropäische Staaten entwickelt und stützte sich dabei auf äußerliche Eindrücke der Eroberer. Deren Beschreibungen waren nicht selten von herabwertenden Begriffen geprägt – um ihre eigene Herkunft als überlegen darzustellen.

Ihren verheerenden Höhepunkt erlebte die Rassentheorie in der Zeit des Nationalsozialismus, in der die Unterscheidungen einer angeblich arischen und einer semitischen Rasse Millionen Menschen in den Gaskammern der Nazis das Leben kostete. Mit zunehmender Erforschung der Gene im 20. Jahrhundert stellte sich heraus, dass die Unterschiede verschiedener Menschengruppen viel geringer sind als angenommen. Die Rassenbiologie wird heute als veraltete Pseudowissenschaft angesehen, mit einem hohen Potential an Diskriminierung.

Von Matthias Puppe

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