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Mitteldeutschland Messerattacke in Chemnitz: Angeklagter Alaa S. muss knapp zehn Jahre in Haft
Region Mitteldeutschland Messerattacke in Chemnitz: Angeklagter Alaa S. muss knapp zehn Jahre in Haft
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20:02 22.08.2019
Der Angeklagte Alaa S. wurde am Donnerstag wieder von Beamten in den Gerichtssaal geleitet. Quelle: Matthias Rietschel/dpa
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Dresden

Mit einem überraschend eindeutigen Urteil ist am Donnerstag am Dresdner Oberlandesgericht der Prozess nach dem tödlichen Messerangriff auf den Chemnitz Daniel H. zu Ende gegangen. Die vorsitzende Richterin Simone Herberger sah es als unwiderlegbar erwiesen an, dass der angeklagte Alaa S. das Opfer am 26. August 2018 gemeinsam mit einem noch flüchtigen Iraker erstochen hat. Herberger verhängte gegen den 24-Jährigen eine Haftstrafe von neun Jahren und sechs Monaten wegen Totschlags und gefährlicher Körperverletzung. Das Urteil ist allerdings noch nicht rechtskräftig.

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Wie die Richterin in ihrer Begründung erklärte, seien in den 19 Verhandlungstagen jegliche Zweifel an der Schuld des Täters ausgeräumt worden, habe sich anhand der Zeugenaussagen ein letztlich auch schlüssiges Puzzle ergeben, das zur Verurteilung von Alaa S. geführt habe. Der Hauptbelastungszeuge erkannte Alaa S. unter anderem an seiner Kleidung, konnte auch die Stichbewegungen beschreiben – auch wenn er kein Messer erkennen konnte, so Herberger. Die Staatsanwaltschaft als Anklageführerin hatte aufgrund des Totschlags-Vorwurfs eine Haftstrafe von zehn Jahren gefordert, die Nebenklage ging von elf Jahren als notwendiges Strafmaß aus.

Angeklagter beteuert Unschuld

Alaa S. verweigerte während des Prozesses die Aussage, beteuert aber seine Unschuld – auch in einem Anfang der Woche veröffentlichten Interview. Die Verteidigung forderte am Donnerstag entsprechend auch einen Freispruch des 24-Jährigen. Es gebe keinerlei Beweise darauf, dass ihr Mandant am Rande des Chemnitzer Stadtfests 2018 auf Daniel H. eingestochen und ihn getötet habe.

Tatsächlich war die Faktenlage auch nach 19 Verhandlungstagen, inklusive einer aufwendigen Begehung des Tatortes mit allen Prozessbeteiligten, überschaubar, ließen sich weder DNA-Spuren an der Tatwaffe noch andere verwertbare Beweise sicherstellen, die den Angeklagten eindeutig belasteten. Die Staatsanwaltschaft stützte sich bei ihrer Anklage deshalb vor allem auf die Zeugenaussagen eines ehemaligen Angestellten in jenem Imbiss, vor dem der Streit zwischen Opfer und Täter einst eskaliert war. Im Verlauf des Prozess hatte dieser Zeuge seine Aussagen allerdings mehrfach geändert.

Verteidiger: „Trauriger Tag für den Rechtsstaat“

Die Verteidigung kündigte am Donnerstag bereits an, Rechtsmittel am Bundesgerichtshof einlegen zu wollen. Anwältin Ricarda Lang sprach von einem „traurigen Tag für den Rechtsstaat“ und warf dem Gericht, das „nicht unbeeinflusst von politischen Verhältnissen“ geurteilt habe, Befangenheit vor. Im Vorfeld des Urteilsspruchs hatte sich unter anderem die Chemnitzer Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) geäußert. Sie sagte, sie hoffe auf eine Verurteilung damit die Angehörigen von Daniel H. Ruhe finden könnten.

In den sozialen Netzwerken war das Urteil am Donnerstag mit besonderer Spannung erwartet worden – auch weil bei einer möglichen Freilassung erneut rechte Aufmärsche in Chemnitz drohen könnten. Nach Bekanntwerden des Richterspruchs gab es vor allem polarisierende Meinungen. Im rechten Lager wurde das Strafmaß als deutlich zu gering aufgefasst, andere User wunderten sich darüber, dass eine Verurteilung überhaupt möglich war. Wieder andere warfen dem Gericht vor, ein politisches Urteil gefällt zu haben.

Alaa S. war kurz nach der Tat zusammen mit einem Bekannten festgenommen worden. Der Mitinhaftierte musste später aus Mangel an Beweisen frei gelassen werden. Der dritte Tatverdächtige Farhad A. ist seit einem Jahr auf der Flucht. (mit dpa/epd)

Von Matthias Puppe