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Mitteldeutschland „Möchten offene jüdische Gemeinde in Sachsen sein“
Region Mitteldeutschland „Möchten offene jüdische Gemeinde in Sachsen sein“
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21:00 29.01.2019
Frischer Wind aus Leipzig: Sachsens neuer Landesrabbiner Zsolt Balla (rechts) mit dem Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden, Küf Kaufmann. Quelle: André Kempner
Leipzig

Seit 2012 gab es keinen Landesrabbiner in Sachsen?

Das stimmt. Landesrabbiner Salomon Almekias-Siegel ist damals in Rente gegangen. Gleichzeitig gab es die Neuerung, dass jede Gemeinde in Sachsen einen eigenen Rabbiner bekam. Mittlerweile hat sich das geändert. In Chemnitz und Dresden sind die Rabbinerstellen zurzeit nicht besetzt. Aber die Gemeinden brauchten Führung und Koordination. Und an dieser Stelle komme ich ins Spiel. Meine Aufgabe ist es, die sachsenweiten Aktivitäten zu koordinieren.

Gehen Sie dafür nach Dresden?

Nein, ich werde meinen Sitz in Leipzig behalten. Aber natürlich muss ich mich mehr mit den Bedürfnissen der Gemeinden in Dresden und Chemnitz beschäftigen, um ihnen zu helfen.

Sie haben ungarische Wurzel?

Ja, und bis zu meinem neunten Lebensjahr wusste ich gar nichts von meinen jüdischen Wurzeln. Meine Familie war sozusagen klassisch assimiliert im sozialistischen Regime eines Ostblocklandes. Später habe ich dafür ein Interesse entwickelt und meine Eltern beschlossen, mich auf die Lauder Javne Jewish Community School in Budapest zu schicken, die sich mit der jüdischen Erziehung in ganz Europa beschäftigen. Diese Schulen gehören zu einer Stiftung, die der Sohn der Modeschöpferin Estée Lauder, Ronald Lauder, gegründet hat. Nach der Oberschule habe ich meine Kenntnisse als Jugendleiter im Lauder-JOINT, einem jüdischen Ferienlager erhalten. Damals entschied ich, das Judentum zu einem Teil meines Lebens zu machen. Dennoch studierte ich in Ungarn von 1997 bis 2002 an der Technischen Universität von Budapest Wirtschaftsingenieur.

Wann sind Sie nach Deutschland gekommen?

2002. Ich war 23 und ich kam zunächst für ein Jahr an das Lauder Jüdische Lehrhaus, das später Rabbinerseminar zu Berlin geworden ist. Ich wollte nur meine jüdischen Erkenntnisse etwas erweitern, aber dieses Jahr hat dann mein ganzes Leben verändert. Ich entschied, meine Managementkenntnisse lieber für die jüdische Erziehung zu nutzen. Dafür habe ich dann ein Rabbiner-Diplom gemacht, obwohl ich mir noch nicht vorstellen konnte, später Gemeinde-Rabbiner zu werden.

Im Rückblick: Trauern Sie heute der Zeit Ihres Studiums nach?

Nein, bis heute schätze ich meine säkularen Kenntnisse, weil Sie mein Leben bereichern.

Was verbindet Sie mit Sachsen?

Meine Frau Marina, die seit ihrem 13. Lebensjahr in Sachsen lebt, kommt eigentlich aus der Ukraine, ist aber mit Leib und Seele eine Leipzigerin geworden. Ich habe in die Gemeinde eingeheiratet. Meine Frau und ihre Freunde engagierten sich besonders für die jüdische Jugendarbeit in Leipzig. Ich bin hier kein angestellter Rabbiner, sondern ein Teil dieser Gemeinde. Und das bleibe ich auch als Landesrabbiner.

Wie groß ist die Gemeinde in Leipzig?

Sie ist mit 1250 Mitgliedern die größte in Sachsen. Insgesamt gibt es mit den Gemeinden in Dresden und Chemnitz rund 3000 Mitglieder. Leider schrumpfen sie wieder, weil wir viele ältere Mitglieder haben und die Jüngeren noch vor zehn, fünfzehn Jahren in den Westen oder in andere Großstädte gezogen sind, weil die Arbeitsmöglichkeiten dort besser waren. Das hat sich mittlerweile geändert.

Wie nehmen Sie die veränderte politische Stimmung in Sachsen wahr?

Als Rabbiner ist meine Haupttätigkeit die Religion. Im politischen Bereich folge ich den Hinweisen des Zentralrates der Juden in Deutschland sowie dem Landesverband Sachsen der Jüdischen Gemeinden. Aber, ja, ganz klar: Die Jüdische Gemeinschaft in Sachsen ist in großer Sorge. Die Radikalisierung und die Fremdenfeindlichkeit in der Gesellschaft sind ein großes Problem. Dabei ist egal, ob die Radikalisierung von rechts, von links oder von sonst woher kommt.

Wurden Sie persönlich schon angegriffen?

Ich persönlich nicht. Gott sei Dank. Aber ich kenne Gemeindemitglieder, die das schon erlebt haben.

Wie gehen Sie damit um?

Ich bin Gründungsmitglied von RIAS, der Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus, die im vergangenen Oktober als bundesweite Institution in Berlin gegründet wurde und gemeinsam mit nichtjüdischen Organisationen antisemitische Übergriffe erfasst und helfende Hinweise gibt.

Gibt es auch Dinge, die Ihnen Mut machen?

Ja, die Einsetzung eines Beauftragten der Bundesregierung für das jüdische Leben im vergangenen April beispielsweise. Auch hier wäre es gut, wenn es in Sachsen eine vergleichbare Funktion gäbe.

Was überwiegt: das Positive oder das Negative?

Ich bin optimistisch, aber gleichzeitig müssen wir unsere Augen gut offenhalten. Radikalisierung und Fremdenfeindlichkeit machen uns große Sorgen.

Was verändert sich in Ihrem Leben als Landesrabbiner am stärksten?

Natürlich bedeutet das für mich mehr Arbeit. Aber ich bin sehr glücklich damit. Und ich hoffe, wir können eine stärkere Vernetzung der jüdischen Gemeinden in Sachsen schaffen und darüber hinaus auch eine besser integrierte jüdische Gemeinde.

Wie wollen Sie das schaffen?

Sachsen ist gut repräsentiert in den einschlägigen Gremien. Der stellvertretende Vorsitzende des Landesverbandes Sachsen der Jüdischen Gemeinden, Küf Kaufmann ist Präsidiumsmitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland. Ich selbst bin Vorstandsmitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz. Diese Verbindung zur Bundesebene hilft, besser zu verstehen, wie wir unsere Gemeinschaft noch mehr einbringen können. Wir möchten eine offene jüdische Gemeinde in Sachsen, die Teil der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland, aber auch der jüdischen Gemeinschaft der Welt ist. Wir existieren nicht mehr in einem isolierten Zustand. Wenn es ein Verbot für koscheres Schlachten in Belgien gibt, dann hat das auch Auswirkungen auf uns in Sachsen. Unser Fleisch kommt von dort. Die Welt ist globalisiert. Das betrifft auch ihren jüdischen Teil.

Gibt es denn Unterschiede zwischen den jüdischen Gemeinden in Ost und West?

Ja, doch. Die Kontinuität im Westen ist logischerweise eine andere als im Osten. Es gibt darüber hinaus auch finanzielle Unterschiede, welche die Existenz der Gemeinden sichern.

Wie tragen Sie denn das Wissen um das Judentum in die Leipziger Bevölkerung?

Neben Vorträgen in der Volkshochschule, an Schulen und Gymnasien, halte ich an der Leipziger Universität, an der Theologischen Fakultät, Vorlesungen. Dort gibt es auch einen Lehrstuhl für Judaistik. Das ist mir unheimlich wichtig, um zu zeigen: Wir, die jüdische Gemeinschaft, sind nicht fremd in der Gesellschaft. Wir sind ein Teil der Gesellschaft. Wir sind offen und möchten in Kontakt treten. Für eine respektvolle Partnerschaft mit unseren Mitbürgern. Meine Erfahrungen möchte ich auch gern im sächsischen Raum erweitern.

Was tun Sie, wenn Sie nicht für Ihre Gemeinde unterwegs sind?

Für Sport muss man sich die Zeit nehmen. Das ist sehr, sehr wichtig. Seelische und körperliche Gesundheit sind nicht zu trennen. Ich gehe joggen und mache ein wenig Krafttraining. Ich mag darüber hinaus Musik und spiele Bassgitarre. Mit einem Freund sind wir auf Konzerten „Rund um das jüdische Jahr“ unter der Schirmherrschaft des Zentralrats der Juden in der ganzen Bundesrepublik in den Gemeinden unterwegs. Unsere Konzerte sind nicht nur Musik, sondern auch Wissensvermittlung über unsere Lithurgie und deren musischen Teil.

Sie wollen auch promovieren?

In meiner - eigentlich nicht existierenden - Freizeit versuche ich an der Philosophischen Fakultät in Halle meine Doktorarbeit „Die biblischen Akzente in ihrer Rolle in der Exegese“ zu schreiben. Aber ich bin nicht der beste Student dort, weil ich sehr langsam arbeite. Mir fehlt einfach die Zeit. Dennoch ist eine wunderbare Ergänzung zu meinem Rabbinerstudium. Und ich gestalte Gebetsbücher - insbesondere für Jugendliche. Und unter anderem für meine ursprüngliche Heimatgemeinde in Budapest. Es gibt immer etwas zu tun. Und Fußball mag ich ja auch.

Gehen Sie zu RB Leipzig?

Klar, aber wegen des Shabats ist es schwierig. Für Rabbiner ist das in Deutschland nicht einfach (lacht). Deshalb gehe ich eher mal in der Woche, wenn RB in der Euroleague spielt.

Sie haben drei Kinder?

Ja, zwei Töchter (8 und 10 Jahre alt) und einen Sohn (3). Der Shabat ist für uns immer eine Familienzeit, auch wenn der Papa viel vorbeten muss. Wir sind jedes Wochenende zusammen. Das ist uns sehr wichtig. Unsere Kinder sind wunderbar, wie eigentlich alle Kinder auf der Welt.

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Zsolt Balla (39) ist seit Jahresbeginn neuer Landesrabbiner in Sachsen. Der gebürtige Ungar wirkt seit zehn Jahren in der Israelitischen Religionsgemeinde zu Leipzig. Balla wurde in Budapest, Jerusalem, New York, London und Berlin ausgebildet. Er gehört dem Präsidium der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschlands an, ist in der Jüdischen Welt gut vernetzt und genießt hohe Autorität in Rabbiner-Kreisen. Zu seinen Aufgaben zählen unter anderem die Führung des interreligiösen und interkulturellen Dialogs, aber vor allem die Koordinierung der religiösen Zusammenarbeit der jüdischen Gemeinden in Leipzig, Dresden und Chemnitz. Heute will er sich in Dresden der Öffentlichkeit vorstellen.

Von Roland Herold

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