Mediensucht: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Sachsen gefährdet
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Mediensucht: Immer mehr Kinder und Jugendliche in Sachsen gefährdet

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11:11 06.10.2020
Die Zahl der mediensüchtigen Kinder und Jugendlichen in Sachsen steigt. Quelle: epd-bild / Thomas Lohnes
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Leipzig

Das Risiko, an einer Mediensucht zu erkranken, steigt bei immer mehr Kindern und Jugendlichen. Laut den ersten Ergebnissen einer Studie des „Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters zur Mediensucht“ und der DAK ist die Zahl betroffener Jugendlicher und Kinder auch in Sachsen gewachsen. Ein Grund dafür sei der Corona-Lockdown im Frühjahr. Das verdeutlicht ein Vergleich der Nutzungszeiten von digitalen Spielen und sozialen Medien vor und während des Lockdowns. Langeweile und der Drang nach sozialen Kontakten sollen bei der stärkeren Nutzung der Medien vorrangig eine Rolle gespielt haben, heißt es in der Studie.

Die Ergebnisse zeigen ein wachsendes Problem: Demnach nutzt bei den Zehn- bis 17-Jährigen jedes achte Kind in krankhafter oder riskanter Weise digitale Spiele. In Sachsen entspricht das rund 37.000 Kindern. Ähnlich problematisch zeigt sich die Nutzung der sozialen Medien. In Sachsen sind laut Hochrechnung rund 33.000 Kinder und Jugendliche gefährdet oder bereits suchtartig abhängig.

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Vorab-Screening soll Suchtgefahr erkennen

Als Reaktion auf die Zahlen der Studie entstand in Zusammenarbeit mit dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie der DAK-Gesundheit ein Pilotprojekt zur Suchtprävention. Mithilfe eines Fragebogens soll, im Rahmen der Vorsorgeuntersuchungen von Jugendlichen, eine mögliche Medienabhängigkeit frühzeitig erkannt werden. Das Projekt wird zunächst in Sachsen und vier weiteren Bundesländern durchgeführt. „Die Fragebögen werden von den Jugendlichen selber ausgefüllt und dann zusammen mit den Ärzten ausgewertet. Für die Kinder und Jugendlichen kann es dabei schon zu einem Effekt kommen, wenn sie zum Beispiel selber erkennen, wo es potenzielle Gefährdungen gibt“, erklärt Christine Enenkel, Leiterin der DAK-Landesvertretung in Sachsen.

Studien zur Mediennutzung führe die DAK bereits seit einem längerem Zeitraum durch. Die aktuellen Ergebnisse im Zusammenhang mit der Corona-Pandemie seien jedoch ein akuter Anlass, die Problematik der jugendlichen Mediensucht verstärkt in den Mittelpunkt zu rücken, erklärt Enenkel den Grund für das Pilotprojekt. Damit sollen Risiken frühzeitig erkannt und behandelt werden. „Wir wollen, dass die Kinder zu gesunden Erwachsenen heranwachsen.“

Christine Enenkel ist die DAK-Landesvorsitzende in Sachsen. Quelle: privat

Enenkel sieht die Verantwortung zur Suchterkennung jedoch nicht nur bei den behandelnden Ärzten und Ärztinnen. Ebenso seien die Eltern der Kinder in der Pflicht zur Aufmerksamkeit. Dabei müsse jedes Kind individuell betrachtet werden. Erste Anzeichen für eine gefährdende Mediennutzung zeigten sich beispielsweise durch Verhaltensänderungen bei den Kindern. Wenn sie nur noch wenige echte soziale Kontakte verfolgen, viel Zeit auf ihren Zimmern verbringen und nicht mehr am Familienleben teilnehmen, können das schon Hinweise sein. Ein weiterer Hinweis könne auch eine Verschlechterung der Schulnoten sein.

Mediennutzung regelmäßig thematisieren

Die empfohlenen Nutzungszeiten von Medien seien, so Enenkel, für jedes Kind einzeln zu überdenken und daher auch nicht immer zu pauschalisieren. Kleinkinder sollten keinen Zugang zu Smartphones haben: „Hinzu kommt auch der Grund der Nutzung. Schreibt mein Kind länger bei WhatsApp, weil es schulische Aufgaben bespricht oder nicht?“ Sie weiß, dass das Thema auch mit Konfliktpotenzial innerhalb der Familien beladen ist. Wichtig sei deswegen, dass die Eltern es nicht nur thematisieren, sondern auch mit guten Beispiel voran gehen. „Es muss auch mal Pausen von den Medien geben, die persönliche Kommunikation sollte nicht auf der Strecke bleiben“, so Enenkel.

Rund 380 Ärztinnen und Ärzte im Freistaat können sich an dem Screening-Programm beteiligen. Bisher richtet sich das Angebot nur an Kinder ab dem zwölften Lebensjahr, die auch bei der DAK versichert sind. Nach der Erprobungsphase wünscht sich der sächsische CDU-Bundestagsabgeordnete Alexander Krauß allerdings das Angebot bei allen Krankenkassen.„Computerspiele und das Daddeln am Handy nehmen leider von Jahr zu Jahr zu", so Krauß, Mitglied im Gesundheitsausschuss des Deutschen Bundestages. „Deswegen halte ich das Mediensucht-Screening für eine prima Sache. Ich hoffe, dass diese Leistung nach der Erprobungsphase deutschlandweit von allen Krankenkassen angeboten wird. Je früher eine Sucht erkannt wird, desto besser.“

Mehr Informationen, Anlaufstellen und ein erster Test finden sich auch auf der Homepage des Deutschen Zentrums für Suchtfragen des Kindes- und Jugendalters.

Von Vanessa Gregor/PM