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Mitteldeutschland Leipziger Forscher Zacher: „Das Glück muss man sich hart erarbeiten“
Region Mitteldeutschland Leipziger Forscher Zacher: „Das Glück muss man sich hart erarbeiten“
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13:03 03.01.2019
Prof. Dr. Hannes Zacher von der Uni-Leipzig, in seinem Büro. Quelle: Dirk Knofe
Leipzig

Quellen des Glück sind andere Menschen und die eigene Aktivität, sagt der Leipziger Psychologieprofessor Hannes Zacher. Und statt allgemeiner guter Vorsätze fürs neue Jahr, bringen überschaubare konkrete Ziele, die man auch erfüllen kann, mehr Erfolgserlebnisse, ist sein Rat für den Silvesterabend.

Bei den Ostdeutschen geht die Glückskurve etwas steiler nach oben als bei den Westdeutschen. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Im Osten ist noch viel mehr im Wandel. Und die Menschen schauen sich bei der Bewertung ihres Lebensgefühls nicht nur den aktuellen Zustand an, sondern vergleichen auch die Gegenwart mit der Vergangenheit. Eine positive Veränderung vermittelt noch einmal zusätzliches Glücksempfinden. Aber es gibt ja insgesamt eine hohe Zufriedenheit. Und Ost und West haben sich immer mehr angeglichen.

Wundert es Sie, dass die meisten Bürger, also immerhin vier von fünf, doch mehr oder weniger zufrieden sind mit ihrem Leben – trotz Flüchtlingsdebatte, Dieselskandal und Parteienverdruss?

Nein, überhaupt nicht. Denn diese gesellschaftlichen Entwicklungen spielen für die persönliche Zufriedenheit eher eine untergeordnete Rolle. Da zählen vielmehr die eigene Gesundheit, die der Angehörigen, ob es der Familie gut geht, ob die Leute mit ihrer Wohnung zufrieden sind, ob man sich wohlfühlt in der Stadt, in dem Ort, wo man lebt, ob die Arbeit Spaß macht und das soziale Umfeld stimmt. Zufriedenheit ist immer ein Abgleich von persönlichen Erfahrungen mit bestimmten Erwartungen, also was wollte ich und was habe ich erreicht. Oder jemand sagt: Das war zwar ein schwieriges Jahr, aber ich bin gut damit umgegangen und deshalb zufrieden.

Aber die Deutschen gelten doch häufig als unzufriedene Miesepeter.

Das Vorurteil stimmt so nicht. In den meisten Studien sind über 70 Prozent der Deutschen zufrieden oder sogar sehr zufrieden mit ihrem Leben. Auch mit ihrem Arbeitsplatz sind viele allgemein zufrieden. Aber fragt man dann weiter nach dem Chef oder Aufstiegsmöglichkeiten, dann sehen das einige doch eher kritisch. Zufrieden zu sein bedeutet ja nicht, dass bestimmte Zustände nicht hinterfragt werden.

Nun ist aber die öffentliche Debatte voll gestopft mit Ängsten vor Klimaerwärmung, vor einem Verfall der Demokratie, vor Kriminalität, den Drohungen Trumps und vielem mehr. Wie beeinflussen diese äußeren Umstände das persönliche Glücksempfinden?

Kaum. Man muss sich das wie die Ringe einer Zwiebel vorstellen. Alles, was näher am Kern dran ist, also Partner und Kinder, die erweiterte Familie, die persönliche Lebenssituation, das zählt. Da ist Trump ganz weit weg. Menschen kehren auch nach negativen Ereignissen über kurz oder lang immer wieder auf ihr persönliches Glücksniveau zurück, auch nach Scheidungen oder Krankheit. Es müssen schon einschneidende Erlebnisse sein, wie wiederkehrende Erwerbslosigkeit, die das Glück drücken. Gesellschaftliche Ereignisse, Debatten, Wahlen oder diffuse Ängste wirken sich kaum auf das persönliche Glück aus.

Ist Zufriedenheit gleichbedeutend mit Glück?

Ich würde das differenzieren. Die Zufriedenheit stellt sich ein, wenn meine Bedürfnisse und Erwartungen einigermaßen gut erfüllt sind. Das Glücksempfinden geht darüber hinaus. Es entsteht, wenn ich etwas Besonderes geschafft habe: etwa, wenn jemand eine neue berufliche Anforderung meistert, wenn man positive Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen kann oder die Familie zusammen eine schwere Zeit durchsteht. Wenn also das Leben einen tieferen Sinn hat.

Das klingt nach Anstrengung. Eigentlich heißt es doch: Jemand hat Glück, so, als bricht es über einen herein. Macht es Sinn, auf das Glück zu warten?

Nein, überhaupt nicht. Zu Hause zu sitzen und etwa unglücklich auf die große Liebe zu warten, bringt rein gar nichts. Aktivität ist der Schlüssel zum Glück. Also lieber rausgehen, in einen Sportverein oder ehrenamtlich etwas bewegen. Das Glück muss man sich hart erarbeiten, es fällt einem nicht in den Schoß.

Gibt es eine Anleitung zum Glücklichsein?

Ja, es gibt eine ganz wichtige Quelle des Glücks, und das sind andere Menschen. Das kann die Familie sein, der Sportverein oder die Kollegen. Die Forschung sagt, je mehr Gruppen man angehört, desto glücklicher ist man, und desto besser kann man auch mit Schicksalsschlägen oder Übergängen im Leben, wie der in die Rente, umgehen. Wer ein stabiles soziales Netzwerk hat, bewältigt auch Krankheiten besser. Einsamkeit ist dagegen eine Art psychologischer Schmerz. Man muss aktiv sein und sich seine Kontakte gestalten. Eine stabile Partnerschaft ist ein großer Glücksfaktor, für Männer noch mehr als für Frauen. Ein weiterer Glücksfaktor sind physische und geistige Herausforderungen. Also spazieren gehen, sich bewegen, das trägt zum Wohlbefinden bei. Personen, die einen geistig fordernden Job haben, sind zufriedener als jene mit eher einfachen Tätigkeiten. Der Beruf kann eine große Quelle von persönlichem Glück sein.

Steigt deshalb auch in der LVZ-Umfrage der Glücksfaktor mit dem Bildungsgrad?

Das hat damit zu tun, dass Bildung auch Türen öffnet zu Tätigkeiten, die geistig und sozial mehr herausfordern, die zwar anstrengend, aber abwechslungsreich und erfüllend sind. Schon Sigmund Freud hat gesagt, Arbeit und Liebe sind die zentralen Faktoren im Leben. Dabei kann Arbeit auch ehrenamtlich sein, oder die Pflege eines Angehörigen. Arbeit ist nicht nur Broterwerb, sie schafft Zufriedenheit durch Strukturen, soziale Kontakte, Sinn und Aktivität.

Also doch Rente mit 70?

So pauschal kann man das nicht sagen, es ist aber sehr wichtig so gut es geht im Alter körperlich, geistig und sozial aktiv zu bleiben. Der Dachdecker muss mit 70 natürlich nicht mehr aufs Dach, aber er kann im Sportverein mitmachen oder im Chor singen. Mein Vater hat bis 70 gearbeitet. Und jetzt kümmert er sich um seine zahlreichen Enkel.

Wie wichtig sind Karriere und ein hohes Einkommen fürs Glück?

Das ist kaum von Belang. Mit Geld kann man sich das Glück nicht kaufen. Der Millionär ist nicht glücklicher als der Verwaltungsangestellte. Bis zu einem gewissen Grad, bis die Grundbedürfnisse gedeckt sind, ist das Einkommen wichtig. Darüber hinaus spielen andere Dinge, wie soziale Kontakte und sinnvolle Tätigkeiten eine viel größere Rolle.

Warum sind beim Jahresrückblick die Männer etwas zufriedener als Frauen?

Das überrascht mich nicht. Frauen haben viel mehr zusätzliche Belastungen als Männer, machen immer noch mehr im Haushalt und in der Kindererziehung. Da gibt es noch keine Gleichstellung.

Gehen Sie selbst mit guten Vorsätzen ins neue Jahr?

Ich habe mir vorgenommen, im nächsten Jahr weniger Vortragsreisen zu unternehmen und mehr bei meiner Familie zu sein.

Wie sollten die Vorsätze fürs neue Jahr sein?

Konkret. Also der Vorsatz: Ich will reich und berühmt sein und den Mann oder die Frau meiner Träume finden, der bringt gar nichts. Solche Fantasien machen eher unglücklich. Glücklich machen kleine realistische Ziele, durch die man dann auch Erfolgserlebnisse hat.

Und was ist mit den Vorsätzen, sich das Rauchen abzugewöhnen, abzunehmen und so weiter?

Die sind viel zu unkonkret. Ich bin dafür, statt von guten Vorsätzen von persönlichen Zielen zu reden. Die müssen klein und konkret sein, wie zum Beispiel, ich mache 30 Minuten in der Woche Sport. Oder ich will die Oma einmal im Monat im Heim besuchen. Da hat man dann auch Erfolgserlebnisse, wenn man das macht.

Lebt Ihre Familie in Leipzig?

Ja, und wir fühlen uns hier sehr wohl. Unser Sohn ist dieses Jahr in die erste Klasse gekommen, unsere Tochter geht in die Kita.

Wie machen Sie Ihre Kinder glücklich?

Indem ich ihnen die Möglichkeit gebe, sich ihr Glück eigenständig zu erarbeiten. Kinder sind dann glücklich, wenn sie Herausforderungen selbst bestehen können. Deshalb ist es nicht hilfreich, ihnen alle Steine aus dem Weg zu räumen. Wichtig ist, sie immer wieder zu ermutigen, Lösungen für Probleme selbst zu finden und sich persönlich zu verbessern.

Sprechen Ihre Kinder schon sächsisch?

Ja, „dreggsch“ und „naggsch“ sagen sie schon. Die Sachsen haben eine sehr herzliche Kultur. Das gefällt uns gut.

Wo verbringen Sie Silvester?

Mit meiner Familie und Freunden aus Australien in Leipzig.

Zur Person Hannes Zacher: 39, ist seit 2016 Professor für Arbeits- und Organisationspsychologie an der Universität Leipzig. Vorher forschte und lehrte er an Universitäten in den Niederlanden und Australien. Der gebürtige Göttinger hat in Braunschweig Psychologie studiert und in Gießen promoviert. In seinem Forschungsprogramm untersucht er Stress und Wohlbefinden, Eigeninitiative sowie erfolgreiches Altern. Hannes Zacher lebt mit seiner Frau und zwei Kindern, einem sechsjährigen Sohn und einer dreijährigen Tochter in Leipzig.

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Von Anita Kecke

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