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Mitteldeutschland Rentzing entschuldigt sich und beklagt Angriffe – wie geht’s in Sachsens Kirche weiter?
Region Mitteldeutschland Rentzing entschuldigt sich und beklagt Angriffe – wie geht’s in Sachsens Kirche weiter?
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17:53 15.11.2019
Der zurückgetretene sächsische Landesbischof Carsten Rentzing bat vor der Synode in Dresden um Verzeihung, beklagte aber auch die respektlosen Angriffe auf seine Person. Quelle: imago images/epd
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Dresden

Auf diesen Auftritt hatten viele mit Spannung gewartet: Carsten Rentzing erklärt sich nach bei seiner Entlassung aus dem Amt des sächsischen Landesbischofs in Dresden erstmals persönlich in der Öffentlichkeit. Sein Auftritt vor der Landessynode stieß dabei auf gemischte Gefühle. Eine Analyse der Ereignisse.

Wie hat Rentzing vor der Synode sein langes Schweigen erklärt?

Er habe sich nie vorstellen können, dass jemand nach einem „Angelhaken“ in seiner Biografie gesucht und ihn schließlich gefunden habe, sagte Rentzing in seiner Erklärung in der Dresdner Martin-Luther-Kirche. Gemeint sind jene Texte, die er von 1989 bis 1992 als Student für eine rechtskonservative Zeitschrift verfasst hatte. Die Kirchenleitung stufte sie als „elitär, in Teilen nationalistisch und demokratiefeindlich“ ein. Von dem, was dann in Gang kam, sei er „überfordert“ gewesen, so Rentzing. Er bat um Verzeihung für alle falsche und unzulängliche Kommunikation.

Wie hat Rentzing die Texte aus seiner Studentenzeit eingeschätzt?

Er hat sie aus seiner Biografie und der Veränderung seines Denkens zu erklären versucht. Sie seien nur „historisch-kritisch“ zu bewerten. Nach anfänglicher Sympathie für die CDU seien er und andere Studenten nach 1989 in einen „nationalen Überschwang“ geraten. Der habe allerdings nicht auf Abgrenzung, sondern Gerechtigkeit und Freiheit gesetzt. Er betonte: „Jeder nationale Geist, der sich selbst überhebt, andere Menschen, andere Nationen, Völker und Kulturen verachtet und abwertet, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus. Jeder Geist, der die Freiheit der Lebensführung und der Lebensüberzeugung, sofern diese nicht anderen Menschen Schaden zufügen, in Frage stellt, widerspricht dem Geist meines Herrn Jesus Christus.“

Damit versuchte er seine konservative Auffassung deutlich von Rechtsextremismus abzugrenzen. Bereits vor 25 Jahren habe er sich von allem distanziert, was dem Geist Christi widerspricht. Öffentlich habe er seine Vorgeschichte nie erzählt. „Ich wollte keine subjektive Bekehrungstheologie anhand meiner Biografie entwickeln.“

Wie begründete der Landesbischof seinen Rücktritt?

Er betonte, er habe die Entscheidung dazu allein getroffen. Er habe seiner Kirche in der jetzigen Situation keine „Debatte über einen vermeintlich rechtslastigen Bischof“ zumuten wollen.

Was hat Carsten Rentzing als Student geschrieben? Eine ausführliche Betrachtung seiner umstrittenen Texte gibt es hier.

Wie wertete Rentzing den Umgang mit seiner Person?

Er kritisierte die Art der Angriffe gegen ihn. Eine kleine Gruppe in der Landeskirche habe seine Äußerungen unter Verdacht gestellt. In Petitionen seien „Formen politischen Kampfes und politischer Agitation“ angewendet worden, welche die kirchliche Gemeinschaft zerstörten. Seine Ansicht: „Es gibt keine progressive, liberale oder konservative Kirche. Es gibt nur die Kirche unseres Herrn Jesus Christus.“ Diesem Christus näherten sich Kirchenmitglieder von verschiedenen Seiten, bildeten jedoch eine Gemeinschaft. „Wenn uns das gelingt, dann könnten wir der Gesellschaft, in der wir leben, ein Vorbild bieten; ein Vorbild des Miteinanders gegen den Geist der Ausgrenzung, der Spaltung und des Unfriedens.“

Abschied aus dem Bischofsamt: Carsten Rentzing legte am Freitag im Gottesdienst in Dresden seine Amtskette ab, der Landesbischof von Hannovers, Ralf Meister (li.)., nahm sie entgegen. Quelle: Matthias Rietschel

Wie reagierten die versammelten Synodalen und Gäste?

Einige spendeten Rentzing an mehreren Stellen seiner Erklärung Beifall, am Ende auch stehend. Andere taten dies nicht und blieben sitzen. Dies zeigte erneut, wie unterschiedlich er bewertet wird und wie groß das Zerwürfnis in der Landeskirche ist. Liberale Pfarrer, besonders aus Leipzig, aber nicht allein dort, kritisierten Rentzing schon seit seiner Wahl 2015 etwa wegen seiner Auffassung, Homosexualität sei mit der Bibel nicht vereinbar, jüngst dann seine fehlende klare Abgrenzung gegenüber der AfD. Für Konservative und Evangelikale hingegen, von dem ein Teil in der „Sächsischen Bekenntnisinitiative“ sichtbar wird, war Rentzing ihr wichtigster Mann. Sie halten ihn für das Opfer einer böswilligen und unfairen Medienkampagne.

Gibt es auch Zuspruch für ihn?

Nicht wenige, bei weitem nicht nur Konservative, scheinen innerlich zerrissen: Einerseits Kopfschütteln über Rentzings radikale Studententexte, andererseits Sympathie und Dankbarkeit gegenüber dem aufgeschlossenen Menschen, als den sie ihn in seiner Bischofszeit erlebten. Synodalpräsident Otto Guse würdigte Rentzing in einer Erklärung im Gottesdienst als Theologen, der sich „reflektiert und besonnen“ in die Debatten eingebracht habe. Für seine Fähigkeit, Brücken zu bauen, sei er schließlich auch zum Landesbischof gewählt worden. Wochen zuvor hatte Guse erklärt, er bedauere den Rücktritt maßlos. „Ich habe selten so einen wunderbaren Geistlichen kennengelernt. Ich würde mich jederzeit unter die Kanzel setzen, auf der er das biblische Wort auslegt.“

Welche Folgen hat sein Rücktritt?

Zunächst beschäftig der Fall die Synode: Die Delegierten des Kirchenparlaments wollen an diesem Wochenende zum einen darüber beraten, ob Internet und soziale Medien der angemessene Umgang miteinander in der Landeskirche sind. „Die Redefähigkeit und das Zuhören scheinen aus dem Blick zu geraten“, meinte Otto Guse. Sehr schnell und ohne gründliches Nachdenken würden Ansichten verbreitet, die Personen beschädigen könnten. Die Synodalen müssten sich die Frage stellen: „Wie können wir Nächstenliebe ins Internet transportieren?“ Schon die Kirchenleitung hatte zu Mäßigung in öffentlichen Stellungnahmen und zu einer „geistlichen Haltung untereinander“ aufgerufen.

Auch Ralf Meister, der Leitende Landesbischof der Vereinigten Evangelisch-Lutherischen Kirche (VELKD) warnte in seiner Predigt: „Petitionen über Personen sind gnadenloses Gift.“ - wofür er spontanen Beifall erntete. Er appellierte, genau auf seine Sprache zu achten, sei es in Leserbriefen oder bei Facebook, darauf, ob es eine Sprache des Friedens oder des Zorns sei.

Trafen sich kurz am Rande des Gottesdienstes in Dresden: Der zurückgetretene Landesbischof Carsten Rentzing und Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU). Quelle: imago images / epd

Zum anderen wollen die Synodalen klären: Was ist ein konservativer Christ, der noch zu akzeptieren wäre, und wann sind Äußerungen rechtsextrem, mithin nicht mehr tolerierbar?

Welche Folgen der Rücktritt für die Landeskirche insgesamt hat, lässt sich noch schwer abschätzen. Für Kirchensprecher Matthias Oelke geht es jetzt auch „um den inneren Frieden, der nachhaltig gestört ist durch verbale Aufrüstung.“ Oelke hatte bereits vor einigen Tagen berichtet, es würde „stapelweise“ Post im Verhältnis 10 zu 1 pro Rentzing eingehen, wobei auch mit Austritt gedroht oder Vollzug angegeben werde. „Genaue Zahlen dazu gibt es nicht.“

Wann gibt es einen neuen Landesbischof?

Ein neuer Landesbischof soll auf einer Sondersitzung der Landessynode am 29. Februar und 1. März 2020 gewählt werden. Die Kirchenleitung werde aus eingereichten Vorschlägen bis zu drei Namen auswählen und diese bis 24. Januar 2020 der Synode bekanntgeben, erläuterte Synodalpräsident Otto Guse. Die Synode könne einen weiteren eigenen Kandidaten vorschlagen. In der Befragung einen Tag vor der Wahl müssten die Synodalen Genaueres über die Vergangenheit der Kandidaten erfahren. Otto Guse könnte sich zum Beispiel vorstellen, von ihnen eine Bibliografie ihrer bisherigen Veröffentlichungen zu erbitten. Böse Überraschungen wie bei Carsten Rentzing will die Landeskirche künftig vermeiden.

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Von Tomas Gärtner

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