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Mitteldeutschland Große Trauer in Sachsen – Nachruf auf Kurt Biedenkopf
Region Mitteldeutschland

Kurt Biedenkopf mit 91 Jahren gestorben - Trauer um CDU-Politiker in Sachsen

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10:22 13.08.2021
Kurt Biedenkopf (1930–2021), der erste Ministerpräsident von Sachsen nach der Wiedervereinigung.
Kurt Biedenkopf (1930–2021), der erste Ministerpräsident von Sachsen nach der Wiedervereinigung. Quelle: Hendrik Schmidt/dpa
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Dresden

Sonntag, 19. September 1999: Frenetischer Jubel brandet auf, als Kurt Hans Biedenkopf den Dresdner Landtag betritt. König Kurt hat gerade zum dritten Mal in Folge die absolute Mehrheit für die CDU in Sachsen errungen, der kleine Professor ist der größte. Biedenkopf ist auf dem Gipfel seiner Macht. Das strahlende Lächeln des Siegers, der sich insgeheim auch darüber freut, dass ihm sein Erzfeind Helmut Kohl am nächsten Tag huldigen muss, ist eines der Bilder, die man in Erinnerung behalten wird. Eines von vielen.

Kurt Biedenkopf: (Macht-)Mensch und Politiker

Ein anderes versinnbildlicht aber noch besser den (Macht-)Menschen und Politiker Biedenkopf. Da sitzt er – wie so oft – auf dem Mittelbalkon der Semperoper in der ersten Reihe Mitte händchenhaltend mit seiner Gattin Ingrid. In diesen Momenten schaut er versonnen, leicht entrückt, strahlt aber doch unter der Krone sitzend die absolute Souveränität des Machthabers aus. Aber es wäre falsch, Biko auf König Kurt zu reduzieren. Nicht dass er diesen Titel, den ihm seine Untertanen verliehen, nicht genossen hätte. Mit Lob und Anerkennung konnte Biedenkopf umgehen. Aber es wird dem Macher Biedenkopf nicht gerecht.

CDU-Politiker, promovierter Ökonom und Jurist

Kurz nach der Wende lehrt der promovierte Ökonom und Jurist Biedenkopf an der Uni Leipzig, als ihn der Ruf ereilt, Spitzenkandidat der Union im Freistaat zu werden. Der 1930 in Ludwigshafen geborene und in Merseburg aufgewachsene Vollblutpolitiker sagt zu, tritt an und gewinnt haushoch. Was die Jahre danach passiert, wird als Wiedergeburt Sachsens in die Geschichtsbücher eingehen. Biedenkopf erkennt das intellektuelle und vor allem das industrielle Potenzial und Kapital Sachsens. Mit als erstes rettet Biedenkopf die Sachsenring Werke in Zwickau. Das gelingt ihm, weil er Überzeugungskraft besitzt und im Westen Deutschlands bestens vernetzt ist. Zu seinem Netzwerk gehört auch der damalige VW-Vorstandsvorsitzende Carl Hahn, gebürtiger Chemnitzer. Volkswagen steigt ein, investiert Milliarden und wird dieses Engagement keinen Tag bereuen.

Geniestreich mit Siemens

Ein ähnlicher Geniestreich gelingt ihm mit Siemens. Hier kann er dessen Vorstandsboss Heinrich von Pierer gewinnen, die erste Chipfabrik im Dresdner Norden zu bauen. 1994 fällt der Startschuss. Nur fünf Jahre später beginnt die Produktion im zweiten großen Chipwerk von AMD (Advanced Micro Devices, heute Globalfoundries). Es waren nicht die Fördermittel, die die Amerikaner nach Dresden lockten (die natürlich auch). Biedenkopf, der in den USA studiert hatte, konnte die Investoren von seiner Vision überzeugen, dass an diesem Standort das sächsische Silicon Valley wachsen würde. Denn er hatte erkannt, welche Human Ressources, wie die Amerikaner sagen würden, am ehemaligen Robotron-Standort noch vorhanden waren. Man darf ohne Übertreibung sagen, dass das Silicon Saxony Biedenkopfs Lebenswerk krönt.

Kurt Biedenkopf war fast zwölf Jahre Ministerpräsident von Sachsen, übernahm im Oktober 1990 die Regierungsgeschäfte und prägte die Nachwende-Zeit im Freistaat. Der Politiker wurde am 28. Januar 1930 in Ludwigshafen am Rhein geboren.

Schwierigkeiten mit guten Kontakten

Mitunter bereiteten ihm seine guten Kontakte aber auch Schwierigkeiten. So verkaufte der Freistaat 1992 Bauland für das spätere Paunsdorf-Center deutlich unter Wert an einen Bekannten Biedenkopfs. Nach der Fertigstellung mietete der Freistaat Sachsen das neben dem Paunsdorf-Center liegende Behördencenter für 25 Jahre an. Der Sächsische Landesrechnungshof kritisierte das Objekt als zu groß und zu teuer und schätzte den bis zum Jahre 2020 anfallenden jährlichen Schaden für den Freistaat Sachsen auf 1,3 Millionen D-Mark (insgesamt etwa 16 Millionen Euro). Nach Aussage eines Abteilungsleiters des Finanzministeriums, der mit den Mietverträgen betraut war, hatte sich Biedenkopf 1993 mehrfach für einen schnellen Abschluss der Verträge starkgemacht. Es war der erste große Schatten auf der Ära Biedenkopf.

Einsatz für die Wissenschaft – Biedenkopf war immer auch Gelehrter

Aber das Licht überwog eindeutig. Nicht vergessen sollte man seinen Einsatz für die Wissenschaft. Biedenkopf war immer auch Gelehrter. Was den Umgang mit ihm alles andere als leicht machte. Ein Gespräch mit ihm war mühsam. Er dozierte, eine gelegentliche Zwischenfrage war ihm recht, um elegant auf ein anderes Thema umschwenken zu können. Ein Glas Bier mit ihm zu trinken wie mit seinem hemdsärmeligen Nachfolger Georg Milbradt – undenkbar! Aber: Biedenkopf legte den Grundstein für eine Wissenschaftslandschaft, die im Osten Deutschlands – und auch in den meisten westlichen Bundesländern – ihresgleichen sucht. Allein in Dresden siedelten sich drei Max-Planck-Institute an sowie zahlreiche Fraunhofer-, Helmholtz- und Leibniz-Institute.

Auf all das konnte Biedenkopf stolz zurückblicken, als er im September 1999 im Landtag gefeiert wurde. Er hatte sich als Glücksfall für Sachsen erwiesen – und Sachsen als Glücksfall für ihn. Denn vor der Wende steckte Biedenkopfs Karriere, die so hoffnungsvoll als CDU-Generalsekretär begonnen hatte, in der Sackgasse. Schon damals hatte sich Biko einen Namen als Querdenker gemacht (welch Schande, mit wem dieser Begriff dieser Tage assoziiert wird). Er war einer der ersten, der die Zukunftsfähigkeit des deutschen Rentensystems in Zweifel zog und Reformen forderte. Zu forsch für einen Parteivorsitzenden wie Helmut Kohl, der seine Wähler lieber einlullte (blühende Landschaften). Biedenkopf musste gehen und zog sich aus der Politik zurück.

Rücktritt von Kurt König: Abgang in allen Ehren blieb ihm verwehrt

Auch in Sachsen blieb ihm ein Abgang in allen Ehren letztlich verwehrt. Was allerdings zu großen Teilen an ihm selbst lag. Denn nach dem dritten Wahlsieg 1999 mehrten sich die Stimmen, wann denn der damals fast 70-Jährige seine Nachfolge regeln würde. Biedenkopf dachte nicht daran und entließ schließlich im Januar 2001 seinen Kronprinzen und Finanzminister Georg Milbradt aus dem Kabinett. Der wiederum gab nicht auf und wurde gegen den Willen von König Kurt auf einem Sonderparteitag im September zum neuen Parteivorsitzenden gewählt. Am 16. Januar 2002 verkündete Biedenkopf folgerichtig seinen Rücktritt. Auch das Bild, wie er mit gesenktem Kopf die Pressekonferenz verlässt, wird in Erinnerung bleiben.

Biedenkopf: CDU-Politiker in einer Liga mit Helmut Schmidt

Biedenkopf aber blieb Dresden treu und ein gefragter Mann als Elder Statesman. Er ließ sich als Anwalt nieder, schlichtete Tarifkonflikte und zog vor allem nach dem Rücktritt Georg Milbradts weiter die Fäden in der Partei. Sein Wort hatte Gewicht wie letztmals deutlich wurde, als er Stanislaw Tillich die Qualifikation für das Amt des Ministerpräsidenten absprach, der anschließend kapitulierte. Es kann nicht jeder ein Jahrhundertpolitiker sein – dass wusste König Kurt wohl am besten, der sich in einer Liga mit Helmut Schmidt sah. Nun ist auch er tot. Er sei am Donnerstagabend im Kreis seiner Familie friedlich eingeschlafen, teilte die Staatskanzlei in Dresden im Auftrag der Familie mit.

Seine Sachsen, denen er den Stolz wiedergegeben hat, werden ihn dankbar vermissen.

Von Dirk Birgel