Kretschmers Diaglogversuch mit Corona-Leugnern: Was hat es gebracht?
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Kretschmers Diaglogversuch mit Corona-Leugnern: Was hat es gebracht?

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22:02 29.01.2021
Bildschirmfoto Zoom-Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Joachim Klose (Konrad-Adenauer-Stiftung), Dr. Mathias Mengel (Klinikum Zittau), Bergit Kahl (Pflegeheimleiterin Görlitz), Thomas Zenker (OBM Zittau), Dr. Thomas Grünewald (Sächsische Impfkommission, Virologe) am 29.01.2021 in Leipzig (Sachsen).
Bildschirmfoto Zoom-Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, Joachim Klose (Konrad-Adenauer-Stiftung), Dr. Mathias Mengel (Klinikum Zittau), Bergit Kahl (Pflegeheimleiterin Görlitz), Thomas Zenker (OBM Zittau), Dr. Thomas Grünewald (Sächsische Impfkommission, Virologe) am 29.01.2021 in Leipzig (Sachsen). Quelle: Christian Modla
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Dresden

Es ist ein Warten, ein zweistündiges Ausharren. Mehr als 800 Zuschauer verfolgen am Freitagabend das Online-Gespräch des sächsischen Ministerpräsidenten Michael Kretschmer (CDU) mit dem Titel „Fakten statt Fake-News“ – doch die Eskalation, die im Vorfeld erwartet und von manchen vielleicht sogar erhofft wurde, tritt nicht ein. Die Corona-Rebellen kommen nicht aus der Deckung.

Diskussion mit klaren Regeln

Der Ansatz war ein anderer. Es solle auch jenen Menschen ein Podium gegeben werden, die eher nicht diskutieren wollen, sagt Joachim Klose eingangs. Klose ist Chef der Konrad-Adenauer-Stiftung in Sachsen und damit Gastgeber der Runde. Er ist ein Mann, der stets für den Dialog plädiert. Egal unter welchen Umständen. Für das Treffen hat Klose klare Regeln aufgestellt: Das Publikum kann schriftlich Fragen stellen, mündliche werden nur mit Klarnamen zugelassen, es gibt maximal eine Minute Redezeit. Und, ganz wichtig: Wer ausfällig wird, wird abgeschaltet.

Kretschmers Prinzip heißt permanente Kommunikation

Dass diese Warnung nicht aus der Luft gegriffen schien, hatten Wortmeldungen der vergangenen Tage nahegelegt. Auf dem Nachrichtendienst Telegram wurde Kretschmer von den Corona-Rebellen öffentlich als „Dreckfresse“ und „Milchreisbubi“ beleidigt. Dennoch wollte der Regierungschef mit ihnen reden. So wie er es seit seinem Amtsantritt vor gut drei Jahren quasi ständig getan hat. Sein Prinzip heißt: permanente Kommunikation. Er kommt den Menschen in ihrem Groll entgegen – und versucht zugleich, Grenzen zu setzen.

Bildschirmfoto Zoom-Konferenz der Konrad-Adenauer-Stiftung mit Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer u.a. am 29.01.2021 in Leipzig (Sachsen). Quelle: Christian Modla

Die größeren Formate, die sich vor dem Corona-Jahr etabliert hatten, nennen sich beispielsweise Sachsengespräch und Bürgerdialog. Normalerweise kommen hunderte Menschen, um mit Kretschmer und den Ministern zu diskutieren. Und ja, auch um zu streiten. Im vergangenen Mai war der Politiker an einem Wochenende zu demonstrierenden Querdenkern in den Dresdner Großen Garten geradelt. Dass es auch daran Kritik gegeben hatte, ficht Kretschmer nicht an.

Ministerpräsident lädt Demonstranten zur Diskussion

„Ich weiß, dass es Menschen gibt, die man nicht erreichen kann. Aber es gibt viele, die Fragen haben“, erklärt der Ministerpräsident zum Auftakt der Freitagsrunde. Auch der Zittauer Oberbürgermeister, der Görlitzer Krankenhausdirektor, eine Pflegeheimleiterin aus der Region und der Chef der Sächsischen Impfkommission sind zugeschaltet. Das Angebot richtet sich vor allem an die Menschen im sächsischen Dreiländereck, wo das Virus besonders heftig grassierte, aber auch Verschwörungsmythen kursieren. Kretschmer hat besonders jene eingeladen, die seit Monaten mit Reichskriegsflaggen an der Bundesstraße 96 demonstrieren – und die ihm vor drei Wochen vor seinem Privatgrundstück in der Oberlausitz abgepasst hatten. Kretschmer diskutierte damals mit ihnen an seiner Hauseinfahrt. Nach 20 Minuten brach er allerdings ab, als eine Frau demonstrativ ein Tuch in den Farben der Reichskriegsflagge zeigte. „Jedem ist klar, was damit gemeint ist“, sagt Kretschmer am Freitagabend, die Flagge sei mittlerweile „ein Symbol der Rechtsextremen“.

Sachliche Gespräche beim Online-Forum

Doch die quasi persönlich Eingeladenen ducken sich offenbar weg. Während Kretschmer vor der mit Büchern und einer Plastik gefüllten, braunen Schrankwand geduldig auf die Fragen – und möglicherweise auch auf neue Anfeindungen – wartet, sammeln sich zwar etwa 150 Fragen an die Runde. Doch nur ein Mal blitzt so etwas wie ein Corona-Leugner aus dem virtuellen Hintergrund. Sein Vorwurf lautet: „Das ist keine zielführende Diskussion.“ Auch die von Dresdens Querdenken-Chef Marcus Fuchs angekündigte breit ausgelegte Fragestrategie bleibt aus.

Dagegen füllen sich die Kommentarspalten im begleitenden Chat zusehends mit Sachfragen, etwa zu Lockdown-Lockerungen, 15-Kilometer-Radius, Grenzschließungen, Schulöffnungen und Erleichterungen für Einzelhändler. Eine Teilnehmerin, die sich Enia nennt, fasst die Wortmeldungen schon frühzeitig zusammen: „Das laut schreiende Volk hat nicht immer Recht.“

Durchschnittsalter auf Intensivstation liegt bei 69 Jahren

Doch so sachlich die Diskussion über die zwei Stunden auch über weite Strecken ist – sie hat auch ihren emotionalen, äußerst bewegenden Moment. Einen Moment, der das Ausmaß dieser Pandemie beschreibt und Zweifler verstummen lassen müsste. „Das Durchschnittsalter der Menschen, die an Corona sterben ist hoch, um die 80 Jahre“, sagt Mathias Mengel, der Direktor des Klinikums Oberlausitzer Bergland. Es handelt sich um jenen Arzt, der kurz vor Weihnachten offen über die Triage gesprochen und damit bundesweit für Aufsehen gesorgt hatte. Triage bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen.

„Die Situation hat sich entspannt, aber nicht komplett“, erklärt Mengel am Freitagabend. Im Vergleich zum Dezember sei die Zahl der Intensivpatienten um etwa die Hälfte gesunken. Laut Sächsischer Impfkommission liegt das Durchschnittsalter der Intensivpatienten bei 69 Jahren, etwa jeder Vierte stirbt.

Ministerpräsident: Drastische Maßnahmen zeigen Wirkung

„Unsere drastischen Maßnahmen zeigen Wirkung“, macht Kretschmer klar. Er appelliert an die Menschen, „die Nerven nicht zu verlieren“ – auch wenn die Einschränkungen momentan noch gravierend seien und es eine Rückkehr zur Normalität auch in den nächsten Wochen nicht geben könne. Sollten die Zahlen sinken, „werden wir die Maßnahmen Schritt für Schritt zurücknehmen“, verspricht der Regierungschef in seinem Schlusswort. Damit wollen sich die Corona-Leugner, die offenbar zugeschaut haben, nicht begnügen: Sie verlangen über ihre eigenen Kanäle ein weiteres Gespräch, diesmal im Kleinen. Dabei hätten sie eigentlich mit den Experten diskutieren können. Wenn sie denn gewollt hätten.

Von Andreas Debski