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Mitteldeutschland Arzt: „Das grenzt schon an Vergiftung“
Region Mitteldeutschland

Krankenkasse: Medikamentenübermaß gefährdet sächsische Patienten

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12:00 25.10.2020
Wer behält noch den Überblick bei so vielen Tabletten und Pillen?
Wer behält noch den Überblick bei so vielen Tabletten und Pillen? Quelle: Matthias Hiekel/dpa
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Leipzig

Immer mehr Patienten in Sachsen bekommen von verschiedenen Ärzten Medikamente verordnet, ohne dass die Wechselwirkung genügend überblickt wird. Das geht aus dem aktuellen Arzneimittelreport der Barmer hervor. Danach erhalten drei Viertel aller sächsischen Patienten von mehr als einem Mediziner Medikamente verschrieben. Jeder Fünfte sogar von vier oder noch mehr Ärzten.

Mängel in der Praxis

Eine besonders kritische Schnittstelle sei dabei der Übergang ins oder aus dem Krankenhaus. Vor allem unter den vollstationären Behandlungsfällen, die operiert werden, befänden sich viele solcher Polypharmazie-Patienten, die fünf oder mehr Medikamente gleichzeitig und andauernd einnehmen. „Gerade bei dieser besonders gefährdeten Gruppe müssen Informationsdefizite über eingenommene Medikamente bei der Aufnahme ins und der Entlassung aus dem Krankenhaus ausgeschlossen werden, um schlimmstenfalls lebensbedrohliche Folgen aufgrund von Behandlungsfehlern zu verhindern“, fordert darum Barmer-Landesgeschäftsführer Fabian Magerl.

Beim Übergang zwischen dem stationären und ambulanten Bereich sei es unabdingbar, dass wichtige Informationen zur Arzneimitteltherapie in Form eines bundeseinheitlichen, digitalen Medikationsplans weitergegeben würden. Die Praxis sähe allerdings anders aus. Laut Arzneimittelreport wurde jeder zweite Versicherte mit zehn und mehr Wirkstoffen durchschnittlich mindestens einmal pro Jahr stationär im Krankenhaus behandelt. Jeder dritte Patient hat dabei nach der Behandlung im Krankenhaus, trotz geänderter Medikamenten-Therapie, keinen aktualisierten Medikationsplan erhalten.

Oft fehlen wichtige Hinweise

Dadurch stocke der Informationsfluss vom stationären Bereich zum weiterbehandelnden Arzt. Eine Umfrage im Rahmen des Arzneimittelreports unter 150 niedergelassenen Ärzten ergab, dass nur bei jedem dritten betroffenen Patienten Therapieänderungen begründet wurden und Hinweise auf notwendige Kontrollen, Nebenwirkungen und zu prüfende Therapieergebnisse regelmäßig fehlen.

Laut einer im Rahmen des Reportes durchgeführten Befragung unter Patienten über 65 Jahren hatten nur 29 Prozent bei der Klinikaufnahme den bundeseinheitlichen Medikationsplan von ihrem behandelnden Arzt erhalten. „Wer mindestens drei verordnete Arzneimittel parallel einnimmt, sollte von seinen Ärzten die Erstellung eines Medikationsplanes einfordern“, empfiehlt Magerl. Immerhin 54 Prozent der Befragten hätten zwar einen Medikationsplan bekommen, allerdings ohne QR-Code zur schnellen digitalen Übertragung.

Krankenhäuser kritisieren fehlende Information

Die Krankenhausgesellschaft Sachsen sieht ebenfalls Risiken durch die Polypharmazie. Geschäftsführer Stephan Helm sagt, die Kliniken forderten seit Jahren sichere digitale Kommunikationsverfahren, um die immer noch bestehenden kommunikativen Grenzen zwischen den Sektoren der medizinischen Versorgung überwinden. Dafür seien allerdings eine digitale Telematikinfrastruktur und elektronische Patientenakten erforderlich, deren Realisierung noch immer auf sich warten lasse.

In Bezug auf die Medikationspläne spielt er aber den Ball zurück: „Würden diese in jedem Fall überhaupt vorliegen, vollständig und aktuell sein, wäre das für den Fall einer Krankenhausbehandlung außerordentlich hilfreich“, so Helm. „Dann wären zusätzliche Untersuchungen und Aufwände entbehrlich.“

Bei der Entlassung eines Patienten sei das Krankenhaus in jedem Fall verpflichtet, dem weiterbehandelnden Vertragsarzt alle relevanten Informationen zu übermitteln, darunter auch bezüglich empfohlener oder veranlasster Medikation. Diese Information solle auch dem Patienten in geeigneter Form ausgehändigt werden.

Hoffen auf die elektronische Patientenakte

Patienten bekämen vor allem deshalb viele Medikamente, da jeder Arzt unterschiedlicher Fachrichtung jegliche Normabweichung vor allem im Alter als Krankheit definiere und sie therapiere, sagt Thomas Lipp, Chef des Hartmannbundes Sachsen und niedergelassener Allgemeinmediziner in Leipzig. Ein alter Mensch leide aber per se an zahlreichen Erkrankungen. Daraus resultiere eine hohe Medikamentenzahl. Lipp: „Das grenzt schon an Vergiftung.“

Deshalb sei es die schwierigste Aufgabe des Hausarztes, Medikamente zu reduzieren. Um überhaupt einen Überblick zu erhalten, bedürfe es zunächst eine Auflistung. Der elektronische Medikationsplan sei eine solche Möglichkeit, um einen Abgleich zwischen Hausarzt, Facharzt, Krankenhaus, Pflegeheim und Apotheke zu ermöglichen. Dazu gehörten auch privat gekaufte Arzneimittel.

Ursachen liegen nicht beim einzelnen Arzt

Ursache der Informationsdefizite ist laut Barmer tatsächlich weniger der einzelne Arzt, als vielmehr der unzureichend organisierte und nicht adäquat digital unterstützte Prozess einer sektorenübergreifenden Behandlung. „Offenbar erreicht der erst 2016 eingeführte bundeseinheitliche Medikationsplan noch nicht, was damit vorgesehen war“, kritisiert Magerl, der sich Abhilfe durch die elektronische Patientenakte (ePA) erhofft, die alle gesetzlich Krankenversicherten ab Januar 2021 freiwillig nutzen können.

Von Roland Herold