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Mitteldeutschland Konkurrenzkampf vor AfD-Parteitag: Urban und Chrupalla ringen um Spitzenposition
Region Mitteldeutschland Konkurrenzkampf vor AfD-Parteitag: Urban und Chrupalla ringen um Spitzenposition
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22:09 22.01.2019
In der sächsischen AfD wird mit Blick auf die 2019er Landtagswahl um die Spitzenposition gerangelt. Quelle: dpa
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Dresden

Das wirklich Wichtige spielt sich in der Politik nicht selten hinter den Kulissen ab. Dass die AfD in dieser Beziehung nicht nur längst auf Betriebstemperatur gekommen ist, sondern die von ihr als etabliert kritisierten Parteien bereits hinter sich gelassen hat, demonstriert in diesen Tagen der sächsische Landesverband.

Im Grunde geht es darum, wer die AfD als Spitzenkandidat in die Landtagswahl am 1. September 2019 führen darf. Weil die Partei aber einen Machtanspruch für sich formuliert hat und den nächsten Ministerpräsidenten im Freistaat stellen will, geht es letztlich um die Frage, wer – nach AfD-Lesart – in die Geschichte eingehen soll.

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Jörg Urban (54) ist seit Februar 2018 Vorsitzender der sächsischen AfD. Er sitzt im Landtag – als Fraktionschef seiner Partei – und ist auch Mitglied des Stadtrats in Dresden. Quelle: dpa

Dieses Kräftemessen läuft inzwischen auf zwei Konkurrenten hinaus, die sich seit Wochen ihrer Gefolgschaft versichern. Der eine ist Jörg Urban (54) und als Partei- und Fraktionschef so etwas wie der starke Mann in der Sachsen-AfD. Angesichts der Wahlergebnisse und Umfragewerte beanspruchte der Dresdner bereits im vergangenen Jahr die potenzielle Regierungsspitze für sich. Interne Kritiker werfen ihm allerdings immer unverhohlener eine gewisse Farblosigkeit vor, zudem nehmen ihm nicht wenige übel, dass er erst über die Stationen Grüne Liga und Piratenpartei zur AfD gekommen ist.

Tino Chrupalla (43) ist seit 2017 Bundestagsabgeordneter. In der Fraktion seiner Partei ist er einer der fünf Vize-Chefs. Quelle: dpa

Der andere heißt Tino Chrupalla (43) und gilt, wenn man das so sagen kann, als „Sunnyboy“ der Partei: Der Görlitzer wurde bei der Bundestagswahl 2017 als Bezwinger von Michael Kretschmer (CDU) bekannt, ist mittlerweile Vize-Fraktionschef im Bundestag, gibt sich gemäßigt und hält sich – im Gegensatz zu Urban – von den Rechtsauslegern des „Flügels“ um den Thüringer AfD-Chef Björn Höcke und von Pegida fern. Mit Blick auf die Landtagswahl, bei der auch in der bürgerlichen Mitte stärker gepunktet werden soll, könnte taktisch also einiges für Chrupalla sprechen, der allerdings noch nicht über eine ausreichende Hausmacht zu verfügen scheint.

Bei der AfD ist man sichtlich bemüht, diese verfahrene Situation nicht eskalieren zu lassen. Urban sagt: „Natürlich strebe ich den Spitzenplatz auf der Landesliste an. Eine Entscheidung ist aber noch nicht gefallen.“ Bei Chrupalla klingt das so: „Ich möchte eine größere Rolle im Wahlkampf spielen. Wie diese aussehen wird, ist noch nicht zu Ende definiert.“

Beide werben aktuell in den Lagern und sind in Sachsen unterwegs, auch die Bundespartei hat sich in die Gespräche eingeschaltet. Es gebe „unterschiedliche Auffassungen über die Strategie“, heißt es.

Laut LVZ-Informationen könnte es auf eine Arbeitsteilung zwischen beiden hinauslaufen: Demnach dürfte Urban die Landesliste anführen, ohne sich offiziell Spitzenkandidat zu nennen – und Chrupalla stiege im Sommer, etwa sechs bis acht Wochen vor der Landtagswahl, als Kopf eines sogenannten Schattenkabinetts in der heißen Phase ein. Das käme einer verkappten Doppelspitze gleich.

Der Vorteil wäre: Der Machtkampf würde auf die Zeit nach der Wahl vertagt, sofern die AfD in Sichtweite der Staatskanzlei kommen sollte – wobei es kein Geheimnis ist, dass dann der joviale Chrupalla die besseren Karten haben dürfte. Urban käme in diesem Szenario wohl die Rolle des Stimmensammlers zu, der auch mithilfe des in Sachsen starken nationalistischen „Flügels“ akquirieren könnte.

Die Gruppierung, die laut Verfassungsschutz unter Extremismusverdacht steht und in der auch Brandenburgs AfD-Chef Andreas Kalbitz eine wesentliche Rolle spielt, trifft sich am Mittwoch in Klipphausen (Landkreis Meißen), um das weitere Vorgehen abzustecken. Klar ist bereits, dass sich die Köpfe der Bewegung in den bevorstehenden Landtagswahlkämpfen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg gegenseitig unterstützen wollen. „Es wird einen gemeinsamen Wahlkampf in den drei Bundesländern geben“, kündigt Urban an.

Das heißt auch, dass Höcke und Kalbitz – die in ihrer Heimat selbst nach Höherem streben – verstärkt als maßgebliche Redner nach Sachsen kommen werden. Das Gleiche gilt für AfD-Bundeschef Alexander Gauland, der ebenfalls beim letzten großen „Flügel“-Treffen in Burgscheidungen (Sachsen-Anhalt/Burgenlandkreis) aufgetreten war.

Eine strategische Entscheidung für die Sachsen-AfD muss spätestens auf dem Parteitag ab 8. Februar in Markneukirchen (Vogtland) fallen: Dann geht es um die Listenplatzierungen zur Landtagswahl, die wohl auch auf den folgenden Rängen hart umkämpft sein werden. Im Jahr 2014 hatte die AfD, noch unter Frauke Petry, 14 Sitze gewonnen. Nach dem Rückzug der ehemaligen Vorsitzenden und einiger ihrer Vertrauten sind davon noch neun übrig.

Die in Markneukirchen zu beschließende Liste soll dem Vernehmen nach 60 Plätze – und damit mehr als bei der regierenden CDU – umfassen, wobei 30 bis 40 Mandate als realistisch betrachtet werden.

AfD-Bundeschef Gauland gab jüngst in Dresden die Richtung vor: „Wir müssen in Sachsen stärkste Partei werden. Angekommen sind wir überall, aber zum Regieren brauchen wir noch ein paar Punkte mehr.“ Allerdings, so wird bereits von führenden Parteimitgliedern in Sachsen befürchtet, könnten sowohl Petrys Abspaltung als auch die neue Patrioten-Formation des früheren AfD-Chefs von Sachsen-Anhalt, André Poggenburg, die entscheidenden Prozentpunkte kosten, um im Freistaat tatsächlich an die Macht zu kommen.

Voraussetzung für eine Regierungsbeteiligung wäre aber in jedem Fall die Kooperationsbereitschaft der CDU, da ansonsten kein anderer Partner infrage käme, heißt es. Führende AfD-Kreise gehen fest davon aus, dass die Union – trotz mehrfacher gegenteiliger Aussagen von Ministerpräsident Kretschmer – „für den Machterhalt umfallen“ wird.

Innerhalb der AfD finden nicht wenige, dass es einen besonderen Charme hätte, wenn dann ausgerechnet Chrupalla in Lauerstellung sein würde, um abermals Kretschmer beerben zu können. Doch zunächst muss sich die Partei irgendwie auf eine gemeinsame Linie einigen. Und das scheint jenseits des Traumes vom Regieren unter den aktuellen Vorzeichen schwierig genug.

Von Andreas Debski