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Mitteldeutschland Warum jeder achte Sachse auch am Sonntag arbeitet
Region Mitteldeutschland Warum jeder achte Sachse auch am Sonntag arbeitet
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13:14 24.12.2018
Eine Pflegekraft begleitet in einem Pflegeheim eine ältere Dame. In vielen Berufen müssen die Beschäftigten regelmäßig auch am Wochenende arbeiten. Quelle: dpa
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Leipzig

In Sachsen arbeiten besonders viele auch am Wochenende. Jeder Vierte im Freistaat geht ständig oder regelmäßig auch am Sonnabend in die Firma. Für jeden Achten ist sogar der Sonntag ständig oder regelmäßig Arbeitstag. Der Freistaat liegt damit deutlich über dem Bundesschnitt.

Besonders hoch ist mit 435.000 der Anteil derer, die Samstag arbeiten. Weitere 243 000 Sachsen sind regelmäßig am Sonntag auf Arbeit. Von den insgesamt 1,6 Millionen sozialversicherungspflichtig Beschäftigten im Freistaat arbeiten 226.000 an beiden Wochenendtagen – das sind 12,8 Prozent. Bundesweit liegt der Wert hingegen nur bei 10,9 Prozent. Das geht aus Zahlen des Statistischen Bundesamtes hervor, die die Zwickauer Bundestagsabgeordnete der Linken, Sabine Zimmermann, ausgewertet hat. „An Tagen, an denen andere Zeit mit ihrer Familie oder mit Freunden verbringen, leisten diese Menschen wichtige Arbeit. Das sollte mehr Anerkennung finden“, sagt Zimmermann den Dresdner Neuesten Nachrichten.

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Nicht jeder erhält Zuschläge

Stark verbreitet ist Sonn- und Feiertagsarbeit besonders in Hotel- und Gaststättenberufen, im Pflegebereich, im Gesundheitswesen, aber auch beim Wachschutz oder in der Logistik. Aber auch bei Beschäftigten der Medien-Branche, in Land-, Tier- und Forst­wirtschaftsberufen, in Berufen der Le­bensmittelherstellung und -verarbeitung sowie in nicht medizinischen Gesundheits-, Körperpflege und Wellnessberufen gehörten Sonn- oder Feiertage ständig, regelmäßig oder gelegentlich zum Arbeitsalltag, heißt es bei der Landesarbeitsagentur in Chemnitz.

Gerade in der Gastronomie gehört Wochendend- und Feiertagsarbeit fest dazu. Quelle: Patrick Seeger/dpa

Für die Verlagerung der Arbeitszeiten auf Wochenenden gibt es laut Agentur viele Gründe. Im Handel hat beispielsweise die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten dazu beigetragen. Stark vertreten in Sachsen ist die Logistikbranche mit dem Schwerpunkt Gütertransport. Hier, so ein Agentursprecher, würden die Fahrzeuge meist am Wochenende auf ihre Einsätze vorbereitet.

Zimmermann gibt zu bedenken, dass längst nicht alle Betroffenen einen materiellen Ausgleich für ihre Einsätze am Wochenende erhalten. „Viele Tarifverträge sehen Zuschläge vor. Tarifverträge gelten aber für immer weniger Beschäftigte“, kritisiert Zimmermann. Bundesweit sei eine Abnahme der Tarifbindung zu beobachten, bestätigt die Landesarbeitsagentur. In Sachsen lag 2017 der Anteil der tarifgebundenen Firmen bei 14 Prozent und damit vier Prozentpunkte unter dem Vorjahreswert. „Somit ist heute nur noch jeder siebente Betrieb im Freistaat an einen Flächen- oder Haustarifvertrag gebunden“, sagt Agentur-Sprecher Frank Vollgold.

Genehmigung für Wochenendarbeit war leicht zu bekommen

„Weil Tarifverträge häufig in Sachsen nicht angewandt werden, werden auch die fälligen Zuschläge für Sonn- und Feiertagsarbeit eher willkürlich gezahlt“, erklärt Markus Schlimbach, Chef des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) im Freistaat. Ein gesetzlicher Anspruch bestehe nämlich nicht, außer für Nachtarbeit. In Tarifverträgen seien für Sonn- und Feiertagsarbeit zwischen 50 und 150 Prozent Zuschläge vorgesehen. Die geringe Tarifbindung werde ausgenutzt, um Beschäftigte länger für weniger Lohn arbeiten zu lassen. Die Linken-Politikerin Zimmermann: „Die Bundesregierung muss Maßnahmen zur Stärkung von Tarifverträgen ergreifen und vor allem die Allgemeinverbindlichkeit von Tarifverträgen erleichtern.“

Schlimbach führt den hohen überdurchschnittlichen Wert bei der Arbeit an Wochenenden auf die großzügig erteilten Genehmigungen insbesondere in der Industrie und bei Versandunternehmen und Logistikern zurück. „Vor allem durch den Verweis auf ausländische Konkurrenz war es Betrieben in der Vergangenheit möglich, leicht eine Genehmigung zur Wochenendarbeit zu bekommen“, sagt der DGB-Chef. Nicht zuletzt auf Drängen der Gewerkschaft habe man reagiert, heißt es aus dem sächsischen Wirtschafts­ministerium, und im Oktober die Bedingungen für die Bewilligung verschärft. Wollen heute Betriebe mit mehr als 51 Mitarbeitern Teile der Belegschaft an Sonn- und Feiertagen einsetzen, muss zuvor die jeweilige Branchengewerkschaft zustimmen.

Von Andreas Dunte