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Mitteldeutschland Grundrenten-Kompromiss: „Viele wie ich gucken in die Röhre“
Region Mitteldeutschland Grundrenten-Kompromiss: „Viele wie ich gucken in die Röhre“
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19:30 11.11.2019
Regina (63) und Martin (68) Günther in ihrer Mietwohnung in Marienberg. Quelle: Privat
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Marienberg

Eine Frohnatur sei sie. „Ehe ich mich aufrege, da muss schon wirklich etwas Besonderes passiert sein“, sagt Regina Günther. Die Einigung der Großen Koalition bei der Grundrente sei so ein Ereignis. Die 63-Jährige wohnt mit ihrem Mann Martin im Erzgebirge, in der Bergstadt Marienberg. „Wissen Sie, wir haben wirklich schwer gearbeitet – bis uns die Arbeitslosigkeit erwischt hat. Das war wie ein Tritt in den A...“ Dass sich jetzt die GroKo darauf verständigt habe, dass nur Menschen in den Genuss der Grundrente kommen, die mehr als 35 Jahre gearbeitet haben, sei wieder so ein „Tritt in selbigen“. Dabei, sagt die Erzgebirgerin weiter, hätten sie das Geld wirklich gebrauchen können.

Nur knapp 34 Berufsjahre werden anerkannt

Knapp 34 Berufsjahre erkennt die Rentenversicherung bei Regina Günther an. 1972 hat sie ihre Lehre gemacht und fortan als Rinderzüchterin gearbeitet. Die LPG Tierproduktion „Frohe Zukunft“ in Marienberg sei so etwas wie ihre zweite Heimat gewesen. Hier habe sie auch ihren späteren Mann Martin kennengelernt, mit dem sie zwei Kinder hat. „Eine schöne, wenn auch wirklich schwere Zeit war das“, erzählt sie. Der jahrelange Schichtbetrieb in den Rinder- und Kälberställen sei gesundheitlich nicht spurlos an dem Ehepaar vorbeigegangen.

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Nach der Wende setzte auch in der Landwirtschaft im Erzgebirge ein gravierender Umstrukturierungsprozess ein. Aus den großen, zu DDR-Zeiten durch Zwangskollektivierung entstandenen Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) wurden kleinere Agrargenossenschaften, manche teilten sich in die ursprünglichen Familienbetriebe auf. Einher gingen zumeist Verschlankungen der Betriebe und Abbau der Belegschaften.

Entlassungen waren an der Tagesordnung

2005 kam auch für die Günthers das Aus. Ihre Chefs schickten sie nach Hause. Da es für ihn keine Jobs vor Ort gab, heuerte Martin Günther bei einer Montagefirma für Ladenbau an, reiste durch ganz Deutschland. Als die Firma pleiteging, hangelte sich der heute 68-Jährige mit Gelegenheitsjobs durchs Leben. „Die großen Unternehmen in der Region – insbesondere in der Holzindustrie – hatten zumeist alle mehr oder weniger Probleme, Entlassungen waren auch da an der Tagesordnung.“ Später plagten den Mann Hüftprobleme, jede Arbeit konnte er nicht mehr ausführen.

Für Regina Günther ging es gleich zum Arbeitsamt. Erst Arbeitslosengeld I, später Hartz IV, erzählt die 63-Jährige. Es folgten Computer-Lehrgänge, Schulungen und immer wieder Bewerbungen. Mitunter gab es eine Beschäftigungsmaßnahme etwa in einer Naturschutzstation. Später verdiente sie sich mit Reinemachen in einem Baumarkt etwas dazu. Auf ihre Rente hat sich das kaum positiv ausgewirkt. 540,42 Euro bekommt sie monatlich ausgezahlt, ihr Mann, der aus gesundheitlichen Problemen mit 63 in Rente gegangen ist, hat 860 Euro im Portemonnaie.

Gebrochene Erwerbsbiografie

„Dass ich kein Einzelfall bin, ist nur ein schwacher Trost“, sagt Regina. Überall im Osten hätten Betriebe nach der Wende aufgeben müssen, sei die Arbeitslosigkeit massiv gestiegen. Viele, vor allem Frauen, kommen aufgrund dieser gebrochenen Erwerbsbiografien nicht auf die erforderlichen Beitragsjahre.

„Wissen Sie, ich hätte wirklich gerne mehr gearbeitet. Jetzt kann ich es aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr – und vor Jahren brauchte mich einfach keiner“, sagt sie niedergeschlagen. Es ärgere sie, dass sich die Koalition in Berlin auf diesen Kompromiss geeinigt hat. „Das hätten sie bleiben lassen sollen. Viele wie ich gucken in die Röhre.“

Von Andreas Dunte

Lange verhandelte die Koalition über die Grundrente – nun gibt es eine Einigung. Der Kompromiss trifft in Sachsen und Thüringen auf geteilte Reaktionen. Im Detail sehen viele noch erheblichen Nachbesserungsbedarf.

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