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Mitteldeutschland Grimma macht die Schotten dicht
Region Mitteldeutschland Grimma macht die Schotten dicht
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11:11 12.05.2019
Feuerwehrmänner schließen in Grimma ein Flutschutztor an der Großmühle. Rund 100 Helfer der Feuer- und Wasserwehren haben am Samstag an einer Hochwasserübung teilgenommen. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Grimma

Der graublaue Stahlkoloss wird mit Manneskraft bewegt. Feuerwehrleute schieben das 20 Tonnen schwere Tor Zentimeter um Zentimeter auf Rollen in Richtung Verschluss. Nach gemeinsamer Anstrengung werden die Verschlüsse verriegelt. Grimma ist – zumindest aus Fließrichtung der Mulde – dicht. Rund hundert Helfer von vier Feuer- und zwei Wasserwehren proben am Samstag den Hochwasser-Notfall.

Das Fazit von Oberbürgermeister Matthias Berger (Freie Wähler) fällt durchwachsen aus. Bei 80 Prozent der Elemente, die schon länger vorhanden sind, habe alles gut geklappt. „Da sind wir zufrieden“, sagt er. Bei der erstmals getesteten Pergola habe es aber Probleme gegeben, weil zum Teil die richtigen Werkzeuge fehlten. Da müsse man nachjustieren. „Aber wir hätten Grimma dicht bekommen“, sagt Berger.

Der Tag, an dem Grimma in den Fluten versank

Einen Steinwurf entfernt vom vier Meter hohen Tor steht die Großmühle, ein lange ruinöses historisches Gebäude, das derzeit wieder aufgebaut wird. An einer Ecke sind schwarz auf weiß die Hochwasserstände der vergangenen fast 250 Jahre markiert. Ganz oben, wenn man den Kopf in den Nacken legt und durch das Baugerüst blickt, sieht man den Strich und das dazugehörige Datum: 13.8.2002. Es ist der Tag, an dem Grimma im braunschlammigen Wasser so tief versank wie nie zuvor und auch seither nicht wieder.

Die Jahrhundertflut überschwemmte die pittoreske Innenstadt bis zu 3,50 Meter hoch. Die Wucht des Wassers riss Häuser weg und zerstörte die historische Brücke des Zwinger-Erbauers Matthäus Daniel Pöppelmann aus dem Jahr 1719. Die finanzielle Schadensbilanz wies eine Viertelmillion Euro aus, die ideelle durch fortgespülte und vernichtete Habseligkeiten der Menschen lässt sich nicht beziffern.

802 Jahre nach der urkundlichen Ersterwähnung muss Grimma wieder von vorn anfangen. Die Einwohner bauen ihre Stadt wieder auf - nicht ahnend, dass nur elf Jahre später die nächste Jahrhundertflut weniger Gebäude, aber mehr Existenzen vernichten wird.

Ein Stahltor fehlt noch zur „Jahrhundertklasse“

Die Hochwasserschutzanlage ist noch nicht vollendet. In diesem Jahr sollen die letzten Arbeiten abgeschlossen werden. In den kommenden Wochen wird zwischen wieder hergerichteter Pöppelmannbrücke und Schloss die 78. Öffnung mit einem Stahltor versehen. Grimmas Anlage hat dann den Status HQ 100 - die Jahrhundertklasse. „Dann sind wir alle glücklich“, sagt Berger.

Grimma übt schon seit geraumer Zeit immer wieder den Notfall. Der Blick zurück auf 2002 und 2013 lässt keinen Zweifel an der Notwendigkeit. Seit August 2007 laufen die Arbeiten zum Hochwasserschutz. Ein Projekt, das in seiner Tragweite Maßstäbe setzt. Die Mauer ist 2,1 Kilometer lang. Neben dem 20-Tonnen-Tor wurden am Samstag weitere 76 Öffnungen verschlossen.

Im Vorfeld wurde von der TU Dresden ein Landschaftsmodell der Altstadt im Maßstab 1:50 nachgebaut und geflutet. „Mit 57 mal 25 Metern war es das größte physikalische Modell, welches in Sachsen je für den Hochwasserschutz untersucht wurde“, sagt Stadtsprecher Sebastian Bachran. Ziel war es gewesen, Hochwasserschutz, Denkmalschutz und Stadtentwicklung miteinander zu verbinden.

57 Millionen Euro in zwölf Jahren verbaut

Die Dichtwand in Ufernähe reicht bis zu zwölf Meter tief. Damit das Grundwasser nicht zu einer Überflutung der Stadt führt, wurden acht sogenannte Grundwasserkommunikationsbrunnen gebaut. Dazu kamen 1,5 Kilometer Drainagestränge.

Der inzwischen zwölf Jahre dauernde Bau der Hochwasserschutzanlage für Grimma hat 57 Millionen Euro gekostet. Investiert hat neben dem Bund und dem Freistaat Sachsen auch die EU über das Europäische Förderprogramm für regionale Entwicklung (EFRE).

Besonders aufwendig ist der Hochwasserschutz in Grimma, weil historische Bausubstanz in die Planungen einbezogen werden musste, teilte das zuständige Ministerium für Umwelt und Landwirtschaft mit. Insgesamt hat der Freistaat nach Ministeriumsangaben seit 2002 rund 2,9 Milliarden Euro für den Hochwasserschutz ausgegeben. Bis 2022 sind weitere 520 Millionen Euro dafür vorgesehen.

Von Martin Kloth