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Mitteldeutschland Getränkehandel in Sachsen-Anhalt verkauft Neonazi-Bier – Spur führt nach Thüringen
Region Mitteldeutschland Getränkehandel in Sachsen-Anhalt verkauft Neonazi-Bier – Spur führt nach Thüringen
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22:09 24.01.2020
Ein Getränkehandel in Sachsen-Anhalt hat dieses Neonazi-Bier verkauft. Quelle: Frank Stollberg
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Weißenfels

In einem Getränkehandel im Burgenlandkreis (Sachsen-Anhalt) sind Bierflaschen mit etikettierten Neonazi-Symbolen als sogenanntes „Deutsches Reichsbräu“ verkauft worden. Gesine Kerwien, Sprecherin der zuständigen Polizeidirektion in Weißenfels, bestätigte am Freitag entsprechende Fotos der Ware, die in sozialen Netzwerken kursieren. „Wir haben bereits Anfang der Woche erste Hinweise aus der Bevölkerung erhalten, dass ein solches Bier im Umlauf ist. Wir haben nun Ermittlungen wegen des Verdachts der Verwendung von verfassungsfeindlichen Symbolen aufgenommen“, so Kerwien weiter.

Laut Recherchen des Journalisten Frank Stollberg, der am Donnerstag als erster darüber berichtete, wurde das Bier in Kisten in einem Getränkemarkt in Bad Bibra angeboten. Als Preis für einen ganzen Bierkasten verlangte das Geschäft 18,88 Euro. In der rechtsextremen Szene werden die Zahlen 1 und 8 als Code für Adolf Hitler sowie 8 und 8 für den Hitlergruß verwendet.

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Unternehmen kündigt Betreiber

Wie das Unternehmen „Getränke-Quelle“ am Freitag mitteilte, sei dem lokalen Betreiber in Bad Bibra inzwischen gekündigt worden. Dem Franchise-Betrieb war bisher gestattet, auch ohne Abstimmung Marken ins Sortiment aufzunehmen. „Von dem Verkauf des Bieres ’Deutsches Reichsbräu’ war uns bis zum heutigen Tage nichts bekannt“, so die in Holzminden (Niedersachsen) ansässige Firmengruppe.

Nach Bekanntwerden der Neonazi-Biere im Laden sei das Produkt umgehend aus den Regalen entfernt worden. „Um ein klares Zeichen zu setzen, haben wir uns auch dazu entschlossen, die weitere Zusammenarbeit mit sofortiger Wirkung zu beenden“, so die Unternehmensleitung weiter.

Gasthaus in Kloster Veßra im Verdacht

Wer das Bier abgefüllt und etikettiert hat, ist bisher noch Teil der Ermittlungen. Allerdings weist Einiges bereits auf eine Beteiligung des bekannten Thüringer Neonazis Tommy Frenck hin. Im Online-Versandhandel des früheren Hildburghausener NPD-Kreistagsabgeordneten werden die Flaschen ebenfalls angeboten. Zudem ist Frenck laut Thüringer Verfassungsschutzbericht Betreiber des Gasthaus „Goldener Löwe“ in Kloster Veßra, das als Anlaufpunkt von Rechtsextremisten aus der ganzen Region gilt und das in den vergangenen Jahren durch eine Vielzahl Veranstaltungen mit rechten Inhalten auffiel.

„Über seinen Gastronomiebetrieb, den Handel mit Bekleidung und Szenedevotionalien als auch über diverse Vortrags- und Musikveranstaltungen mit Auftritten bedeutender rechtsextremistischer Bands erreicht er ein breit gefächertes Publikum und betreibt eine intensive Vernetzung von parteigebundenen und ungebundenen Rechtsextremisten sowie subkulturell orientierten Szeneanhängern“, schrieben die Verfassungsschützer in ihrem aktuellen Bericht. Offenbar spielen dabei auch umgewidmete Lebensmittel eine Rolle. Am 20. April 2017 bot der gebürtige Schleusinger im „Goldenen Löwen“ zur Feier des Geburtstages von Adolf Hitler ein sogenanntes „Führerschnitzel“ für 8,88 Euro an.

Landrat Ulrich: Schäme mich sehr

Götz Ulrich (CDU), Landrat des Burgenlandkreises, zeigte sich in einer ersten Stellungnahme auf Facebook schockiert. „Ich schäme mich so sehr: Während gerade in Yad Vashem in Israel der deutsche Bundespräsident zum 75. Jahrestag der Befreiung des Vernichtungslagers Auschwitz spricht, findet in meinem Heimatort Bad Bibra der Verkauf von Bier mit dem Namen ’Deutsches Reichsbräu’ in einem Getränkemarkt statt“, schrieb der Unionspolitiker auf Facebook

Auch Ulrich vermutet, dass Frenck hinter dem Vertrieb steht. „Das Schlimmste aber ist: Das Bier fand reißenden Absatz und ist ausverkauft! Auf der Internetseite, die auf der Flasche aufgedruckt ist, posieren alle Größen der deutschen Neonaziszene, darunter auch Ursula Haverbeck, eine nationalsozialistische Aktivistin und seit Mai 2018 inhaftierte, mehrmals verurteilte Holocaustleugnerin“, so Ulrich weiter.

Von Matthias Puppe