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Mitteldeutschland Genscher auf dem Prager Balkon: Dieser Kameramann filmte 1989 die berühmte Szene
Region Mitteldeutschland Genscher auf dem Prager Balkon: Dieser Kameramann filmte 1989 die berühmte Szene
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09:52 30.09.2019
Die berühmte „Balkonrede“ von Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher am 30. September in der Prager Botschaft. Stephan Radke gelang es als einzigem Kameramann, diese historischen Szenen zu filmen. In der ZDF-Sendung „Volle Kanne“ (kleines Foto) erinnerte er sich an diese Zeit - wie auch im LVZ-Gespräch vor zehn Jahren. Quelle: AP/ Antonin Novy // ZDF-Screenshot
Prag/Mainz

„Wir sind zu Ihnen gekommen, um Ihnen mitzuteilen, dass heute Ihre Ausreise....“ Es ist der wohl berühmteste, unvollendete Satz der jüngeren Geschichte. Hans-Dietrich Genscher (1927-2016), der in Halle geborene Bundesaußenminister, hatte ihn am 30. September 1989 den verzweifelten DDR-Flüchtlingen in der überfüllten Prager Botschaft zugerufen. Danach brandete ein ohrenbetäubender Jubel aus. Noch in der Nacht rollten die ersten Züge von Prag über das Gebiet der DDR nach Hof in Bayern. Dass aber die berühmte Balkonrede Genschers überhaupt als Bewegtbild um die Welt ging, ist dem ZDF-Kameramann Stephan Radke zu verdanken – ihm gelangen diese einzigartigen Aufnahmen. Bereits zum 20. Jahrestag 2009 erinnerte sich Radke im LVZ-Gespräch an die Ereignisse von damals. Ein Rückblick.

DDR-Flüchtlinge belagerten Botschaftszaun

Eine dicke Steinmauer trennt das Gelände der Deutschen Botschaft in Prag von der Straßenseite. Von hinten schützt ein Sicherheitszaun den Botschaftsgarten mit Blick auf den Petrin-Berg. Im Herbst 1989 bestimmten die Bilder vom Zaun und den tausenden DDR-Flüchtlingen die Nachrichten. „Das Gebiet an der Rückseite der Botschaft war im Belagerungszustand. Überall wartende Flüchtlinge, die schon hinter dem Zaun waren oder darüber klettern wollten“, erinnert sich Radke, der damals als Kameramann für das ZDF in Osteuropa arbeitete.

Kameramann Stephan Radke filmte im September 1989 an der Prager Botschaft. Quelle: 3Sat/ LVZ-Archiv

Manche boten Trabi-Schlüssel im Tausch gegen Brot

Die Szenerie in den Septembertagen in Prag wurde zunehmend gespenstisch, in den Nebenstraßen stauten sich abgestellte Trabis und Wartburgs mit DDR-Kennzeichen, die Unruhe der vor dem Zaun Wartenden stieg. „Aber auch bei denen, die schon drin waren, war die Anspannung unerträglich: das große Gedränge, Hunger und Durst. Es gab welche, die boten ihren Autoschlüssel vom Trabi den Tschechen am Zaun an, im Tausch gegen Brot oder Milch.“ Die Zustände im Botschaftsgelände verschlimmerten sich von Tag zu Tag. Für die etwa 4000 Flüchtlinge gab es kaum Toiletten, geschlafen wurde in Zelten und auf Fluren.

Im September 1989 drängten sich tausende DDR-Flüchtlinge in der deutschen Botschaft in Prag. Am 30. September 1989 brachte Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher die erlösende Nachricht mit: Ihre Ausreise konnte noch in der Nacht beginnen.

Tschechische Miliz zog selbst an Kindern

Vor dem Zaun patrouillierte zudem viel tschechische Miliz und DDR-Stasi, die einen weiteren Zulauf auf das Botschaftsgelände verhindern wollten. „Es gab Szenen, da wollten Eltern ihr Kind über den Zaun heben. Der damalige deutsche Botschafter Hermann Huber hatte schon seine Hand am Fuß, aber auf der Straßenseite zog die tschechische Miliz an dem Kind. Das waren wirklich dramatische Augenblicke.“

Quelle: Keine Gnade: Tschechische Miliz versuchte im September 1989 DDR-Flüchtlinge am Überklettern des Botschaftszauns in Prag zu hindern. Quelle: AP/Diether Endlicher

Journalisten wurden zu Fluchthelfern

Radke und seine Medienkollegen gerieten dabei sogar in die Rolle als lebende Schutzschilde. Denn sobald Journalisten auftauchten, hielt sich die Miliz deutlich zurück. „Wir waren da in der verrückten Situation, über das Geschehen zu berichten und zugleich so etwas wie Fluchthelfer zu sein“, sagt Radke. Dennoch es gab auch wilde Verfolgungsjagden der Journalisten mit der tschechischen Polizei, die unbedingt verhindern wollte, dass die Bilder ins Westfernsehen gelangten.

Alle Medien warteten vor der Botschaft – nur Kameramann Radke nicht

Der Tag der Entscheidung begann für Kameramann Radke und das ZDF-Team um den damaligen Osteuropa-Chefredakteur Joachim Jauer mit einem Gerücht, das schnell die Runde machte. „Wir hörten, dass Genscher und Kanzleramtsminister Rudolf Seiters kommen sollten“, erinnert sich Jauer, „ich ahnte da, es geht los. Ohne eine Lösung im Gepäck wären sie nicht gekommen.“ Danach waren alle im Medienpulk alarmiert – allerdings konzentrierten sich die meisten Reporter und Kameraleute auf den Botschaftseingang an der Vorderseite. „Alle warteten dort“, erinnert sich Radke, „ich ging allerdings zusammen mit einem Tontechniker nochmals zur Rückseite der Botschaft, es war so ein Bauchgefühl.“

Plötzlich kam Genscher auf den Balkon

Schon in den Tagen davor hatte Radke hier ein Trafohäuschen erkundet, von dem man gut in den Botschaftsgarten blicken konnte und das als Kamerastandort gute Dienste leistete. „Ich kletterte auf das Trafohäuschen hinauf. In der Dämmerung sah ich, wie plötzlich Bewegung auf dem Balkon aufkam und etwas Licht aufflackerte. Ich drückte intuitiv den Kamera-Auslöser. Und plötzlich hörten wir Genscher reden, mit seiner Ankündigung von der Ausreise, dann brandete unglaublicher Jubel auf.“ Zum Glück reagierte auch der Tontechniker schnell, Radkes Kameramikrofon allein hätte nicht ausgereicht.

Aufnahmen an Polizeikontrollen vorbei gebracht

Nach einer etwa 20 minütigen Fahrt an den Milizkontrollen vorbei, landete Radke mit seinem Material im Hotel. „Zu meinem Chef, Joachim Jauer, habe ich gesagt: Schau dir das bitte mal an, ich glaube, das ist wichtig.“ Der Rest ist bekannt, noch am Abend sendete das ZDF die spektakulären Bilder, am nächsten Tag standen weltweit die Sender Schlange, um die Aufnahmen von der Prager Sensation zeigen zu können.

Noch heute Gänsehaut-Gefühl bei TV-Bildern

Wenn die Bilder heute im Fernsehen zu sehen sind, bekommt Radke immer noch einen Gänsehaut-Schauer und verspürt Stolz. „Ich sehe mir das gern an. Eigentlich sind es ja bescheidene Aufnahmen, die in der Dunkelheit eben nicht besser gingen. Aber es waren Bilder, die ein bisschen Weltgeschichte machten.“ Für den damals 30-Jährigen gab es ein dickes Extra-Lob vom ZDF-Chefredakteur Klaus Bresser und danach ganz gute Karrierechancen. Doch die Prager Zeit prägte ihn vor allem durch die Begegnung mit den DDR-Flüchtlingen: „Zum ersten Mal traf ich Menschen aus der DDR, die mir von ihren Nöten und Hoffnungen erzählten. Für mich begann in Prag die Wiedervereinigung.“

Der ehemalige Bundesaußenminister Hans-Dietrich Genscher (1927-2016) auf „seinem“ Balkon: Am 30.09.2014 war er bei einer Gedenkfeier zum 25. Jahrestages der Ausreise der DDR-Botschaftsflüchtlinge noch einmal in der Prager Botschaft. Quelle: Arno Burgi/dpa

Begegnung mit Genscher: Sind Sie DDR-Flüchtling?

Und Genscher selbst, der durch die Radke-Aufnahmen endgültig zu einem Hoffnungsträger in der sich auflösenden DDR wurde? „Ich habe ihn lange nicht darauf ansprechen können. Aber bei einem Sommerfest in Berlin sagte ich zu ihm: Herr Außenminister, wir kennen uns aus Prag.“ Genscher vermutete in Radke zunächst einen DDR-Flüchtling. „Ich habe ihn dann aufgeklärt und wir haben uns lang und nett unterhalten. Er wusste dann, wie die Aufnahmen entstanden und war sehr interessiert. Das hat mich sehr gefreut, da hatte sich ein Kreis geschlossen.“

Von Olaf Majer

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