Gebrauchtwagen sind auch in Sachsen teuer wie nie - goldene Zeiten für Händler?
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Mitteldeutschland „Willste meins? Kostet aber!“ – Gebrauchtwagen sind teuer wie nie
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Gebrauchtwagen sind auch in Sachsen teuer wie nie - goldene Zeiten für Händler?

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12:03 15.01.2022
Gebrauchtwagenhändler Daniel Weiss vor seinem Betrieb.
Gebrauchtwagenhändler Daniel Weiss vor seinem Betrieb. Quelle: André Kempner
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Leipzig/Dippoldiswalde

Der wichtigste Moment in seinem Geschäft ist der, wenn Daniel Weiss eines der Autos über eine Kopfsteinpflasterstraße im Leipziger Norden lenkt. Er nennt sie „meine Huckelpiste“ und konzentriert sich während der Fahrt auf das, „was man halt so hört“: Radlager, Getriebe, Steuerkette. „Ich weiß schon, welche Wehwehchen die Autos haben, ich spüre das“, sagt Weiss. Wenn er zu viel spüre, das Bauchgefühl nicht stimme, dann wird es nichts mit dem Wagen und ihm, dem Gebrauchtwagenhändler.

Kein schlechtes Bauchgefühl hatte Weiss kürzlich bei den 20 Autos, die er angekauft hat und die bei ihm auf dem Hof stehen, beim „Gebrauchtwagencenter Leipzig“ zwischen Hornbach-Baumarkt und dem Präsidium der Bereitschaftspolizei: Eine Mercedes C-Klasse ist dabei, 85.000 Kilometer, 22.490 Euro. Ein Nissan Pixo, 115.000 Kilometer, 3990 Euro. Und, fremd unter den anderen, ein Multicar M 26 Trans Line mit 38.000 Kilometern und Schneeschieber. „So’n Haufen, der kostet 16.000 Euro“, sagt Weiss über den Mini-Kipper, und dass er alles verkauft kriege: Manchmal den Porsche für 100.000 Euro, meistens aber eher den Skoda Rapid, den er gerade für 5790 Euro anbietet. „Gute Gebrauchtwagen um 5000, 6000 Euro – das ist das, was gut geht“, sagt Weiss. „Das ist aber auch das, was man nicht immer gut bekommt.“

Gebrauchtwagen sind teuer wie nie. Im vergangenen Frühjahr vermeldete das Portal Autoscout24, dass ein Auto in Deutschland im Durchschnitt erstmals mehr als 22.000 Euro kostet. Danach sanken die Preise nicht etwa den Sommer über, so wie es üblich ist für die Branche. Sie stiegen weiter: Auf fast 25.000 Euro für einen Gebrauchten im Durchschnitt im November. Für die, die ein Auto brauchen, ist das ein Horror. Und für die, die es verkaufen?

Daniel Weiss, 41 Jahre alt und seit 20 Jahren im Autogeschäft, sieht den Grund für die gestiegenen Preise mehrmals am Tag. Immer dann nämlich, wenn er mit seiner Computermaus in Porsche-Form die Verkaufsplattform mobile.de ansteuert, auf der Privatleute und Händler ihre Angebote einstellen. Weiss macht das jetzt zur Probe, um zu zeigen was er meint: Etwas mehr als 900.000 Angebote gibt es aktuell auf der Webseite. „In normalen Zeiten waren es immer so 1,3 Millionen“, sagt Weiß. „Das heißt, es fehlen mal eben 400.000 Autos in Deutschland.“

400.000 Autos weniger am Markt – das ist die Rechnung von Daniel Weiss aus dem Leipziger Norden, und die Anzahl der Angebote im Netz schwankt stark, aber im Trend kommt das hin: Der Auswertung von Autoscout24 zufolge waren im vergangenen Jahr gegenüber 2020 rund elf Prozent weniger Autos auf dem Markt – bei Kleinwagen und Fahrzeugen der Kompaktklasse bis zu 20 Prozent weniger. Wo sind die ganzen Autos hin?

Gebrauchte könnten noch knapper werden

Ralf Herrmannsdorf kann das erklären. Er ist Präsident des Landesverbandes des Kfz-Gewerbes Sachsen und Chef eines Autohauses in Zwenkau. Angefangen habe alles damit, dass während der Corona-Pandemie die Autos der Leihwagen-Firmen weniger gefahren und deshalb von den Firmen später als üblich aussortiert worden seien. Der Nachschub für den Gebrauchtwagenmarkt stockte. „Dann kam die Chipkrise, die Autohersteller drosselten ihre Produktion oder stellten sie ganz ein“, sagt Herrmannsdorf, denn ohne Halbleiter kann kein modernes Auto gebaut werden. Wer ein neues Auto will, wartet darauf derzeit zwischen sechs Monaten und einem Jahr, Leasing-Kunden mit auslaufenden Verträgen oft noch länger. Und wer sein neues Auto noch nicht hat, gibt sein altes nicht ab – diese Wagen fehlen auf dem Gebrauchtwagenmarkt. Jetzt, da schließt sich ein Teufelskreis, könnte alles sogar noch schlimmer werden: „Die Hersteller beliefern kaum noch Leihwagenfirmen, weil sie ihre knappe Ware lieber ohne die hohen Mengenrabatte an Endkunden verkaufen“, sagt Herrmannsdorf. Und ohne die hohe Fluktuation im Leihwagensegment fehlt weiter ein großer Teil der Gebrauchtwagen. Die Lage werde sich also nicht entspannen, sagt Herrmannsdorf – dieses Jahr nicht und 2023 auch nicht.

Dauerkrise also, die nächsten zwei Jahre? Oder nicht doch: Goldene Zeiten für Händler gebrauchter Autos, weil sie nun jedes davon loskriegen zu jedem Preis?

Auch ein Grund für die Wagen-Knappheit: Im Frühjahr 2020 standen die Bänder im VW-Motorenwerk in Chemnitz wegen der Corona-Pandemie still. Quelle: Hendrik Schmidt

Daniel Weiss macht ein Einerseits-andererseits-Gesicht, als er das gefragt wird. „Es läuft eigentlich sehr sehr gut“ sagt er dann. „Aber du musst eben auch die Autos rankriegen. Das ist der Knackpunkt.“ Wenn Autos knapp sind, dann sind sie das natürlich nicht nur für die Endkunden, sondern auch für den Händler. Manchmal wird Daniel Weiss jetzt angerufen und jemand sagt etwas wie: „Ich weiß, du hast keine Autos. Willste meins? Kostet aber!“ Da „die Kiste dann aber trotzdem zehn Jahre alt ist und bald der Kompressor kommt“, zahlt Weiss, so sagt er das, keine fantastisch hohen Preise. Etwas teurer sei es für ihn im Einkauf geworden – und etwas mehr müssten Kundinnen und Kunden dann zahlen: etwa 500 bis 1000 Euro pro Auto. Er profitiert vor allem davon, dass die Autos schnell wieder vom Hof sind.

Im Osterzgebirge sind Transporter knapp

In Dippoldiswalde im Osterzgebirge steht das Autohaus Liliensiek, und wenn jemand weiß, wie Gebrauchtwagenhandel auch dann noch funktioniert, wenn Hunderttausende Autos zu wenig da sind, dann ist es Anne Papenfuß. Sie ist die Leiterin des Gebrauchtwagensegments von Liliensiek – und arbeitet damit einer renommierten Fachzeitschrift zufolge beim „besten Gebrauchtwarenhändler Deutschlands“. Lange Zeit, erzählt Papenfuß, war ein klassisches Autohaus beim Verkauf von Gebrauchten in einer komfortablen Lage: man lebte routiniert von den Wagen, die bei einem Neuverkauf in Zahlung genommen worden sind. „Das ist nun vorbei“, sagt Papenfuß, weil weniger Neuwagen da sind. Bei Liliensiek mussten sie sich deswegen etwas überlegen. Die Neuwagen-Verkäufer, kümmern sich nun um den Einkauf von Gebrauchten statt sich zu langweilen. Die Leasing-Rückläufer, die viele Autohäuser wegen Finanzrisiken an den Hersteller zurückgeben, werden bei Liliensiek behalten und vor Ort weiter verkauft. „Wenn der Markt schwierig ist“, sagt Papenfuß, „dann ist das immer eine Chance, sich hervorzutun.“ Auch, meint sie, indem man nicht auf den kurzfristigen Effekt setze, keine Mondpreise verlange.

Zaubern können sie aber auch bei Liliensiek nicht: Stehen normalerweise 90 bis 100 Gebrauchte auf dem Hof in Dippoldiswalde zum Verkauf, sind es jetzt um die 60. Besonders knapp sei es bei Transportern. Interessierte könnten sich längst nicht mehr den kleinen Luxus leisten, zwischen einem mit Flügeltüren hinten oder Heckklappe nach Belieben zu wählen.

Es ist noch nicht lange so, dass Gebrauchtwagen derart knapp sind, und vorübergehen wird es wohl allemal. Dass sich gleichzeitig grundsätzlich etwas ändert, das zeigt eine Umfrage des Meinungsforschungsinstituts Allensbach seit einigen Jahren: Die Anzahl derjenigen, die in Deutschland überhaupt den Kauf eines Autos in näherer Zukunft erwägen, sinkt seit 2017 – und zwar spürbar, etwa gleich stark bei Neuwagen und bei Gebrauchtwagen. Ist also das, was die Branche nun erlebt, nur ein kleiner Vorgeschmack größerer Umwälzungen? Spannend sei die Frage vor allem in Sachen E-Mobilität, lautet die Antwort bei Liliensiek, aber man habe noch zu wenig Erfahrung damit. Dass E-Autos etwa länger halten und so den Gebrauchtwagenmarkt langfristig in seinem Sein bedrohen, das, sagt Ralf Herrmannsdorf vom KfZ-Verband, sehe er noch nicht. Und Daniel Weiss? Der sieht, dass Menschen in seinen Gebrauchtwagenhandel im Leipziger Norden kommen, die wegen Dauer-Homeoffice ihr Auto verkaufen, oder weil ihnen das Klima am Herzen liegt. Er sehe aber auch, dass die meisten Käufer und Käuferinnen mit dem geöffneten Browser auf ihrem Smartphone durch seine Tür treten, ihm ein ganz konkretes Auto zeigten und fragten: Hast du so eins? „Wenn es nicht ganz passt, dann fahren sie lieber 500 Kilometer, um an ihr grünes Leder zu kommen.“

Von Denise Peikert