Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Mitteldeutschland Die Legende vom Massenmörder
Region Mitteldeutschland Die Legende vom Massenmörder
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
16:48 22.02.2019
Wie es eben nicht gewesen ist: Bruno Lüdke schlägt auf der Abbildung des Buchcovers zu. Quelle: Verlag Spector Books
Erfurt

Wissenschaftler aus Jena und Siegen haben sich mit einem der angeblich schlimmsten Massenmörder der deutschen Kriminalgeschichte beschäftigt: Dem Berliner Bruno Lüdke, dem die Nazis mehr als 50 Morde an Frauen zur Last gelegt haben. Bis in die 1990er Jahre hinein hielt sich das Bild vom grausamem Massenmörder – dabei hat der Mann wohl keiner einzigen Frau ein Haar gekrümmt.

Professorin Susanne Regener (61), Inhaberin des Lehrstuhls Mediengeschichte an der Universität Siegen, und Dr. Axel Doßmann (50), Historisches Institut der Friedrich-Schiller-Universität Jena, zeigen, wie sehr diese Vorstellung eine Fiktion ist. Eine, zu der Fotos von polizeilichen Vernehmungen gehören wie auch die dabei entstandenen Protokolle. Und der Film „Nachts, wenn der Teufel kam“, der dem Schauspieler Mario Adorf Ende der 1950er Jahre zu seinem künstlerischen Durchbruch verholfen hat. Desgleichen die Gipsnachbildung der rechten Hand jenes Mannes, der Jahrzehnte lang als einer der schlimmsten Massenmörder der deutschen Geschichte galt.

Die Geschichte, die beide Wissenschaftler in ihrem Buch „Fabrikation eines Verbrechers“ aufarbeiten, beginnt in der ersten Hälfte der 1940er Jahre. Als der Nationalsozialismus weite Teile des Lebens in Deutschland durchdrungen hat und damit auch die Arbeit der Polizei maßgeblich vom Rassenwahn und Herrenmenschen-Denken beeinflusst ist. Polizisten suchen damals den Mörder oder die Mörderin der 51-jährigen Berlinerin Frieda Rösner, die Anfang 1943 tot im Köpenicker Wald aufgefunden worden war.

Wenige Wochen nach dem grausigen Fund präsentieren Kriminalpolizisten um den SS-Obersturmführer sowie Regierungs- und Kriminalrat Heinrich Franz den verdächtigen Bruno Lüdke als Verantwortlichen für diese Bluttat. In den folgenden Monaten entlocken sie ihm weitere Geständnisse; bis die Polizisten ihn schließlich für schuldig halten, zwischen 1924 und 1943 mehr als 50 Frauen ermordet zu haben.

„Erblicher Schwachsinn“

Gerade Franz müssen diese Geständnisse wie eine Bestätigung all dessen erscheinen, was er in den Jahren zuvor gehört hat, auf den vielen erzieherischen Stationen des NS-Staats- und Parteiapparates – über angeblich minderwertige Menschen, über die Juden und die Verbindungen zwischen ihnen.

Einerseits, weil Lüdkes geistige Leistungsfähigkeit so eingeschränkt ist, dass der 1908 geborene Mann weder schreiben noch lesen kann. Ende der 1930er Jahre diagnostizieren Ärzte bei ihm „erblichen Schwachsinn“, im Mai 1940 wird er in Berlin zwangssterilisiert. Andererseits, weil ein einstiger Kollege Lüdkes zu Protokoll gibt, dieser habe sich immer wieder über den Führer beklagt, nationalsozialistischen Staatsfeinden aber die Treue gehalten. „Auf die Juden hat er nicht geschimpft. Die hat er in Ehren gehalten“, sagt der Kollege laut Polizeiprotokoll.

Als Lüdke mit dieser Aussage konfrontiert wird, antwortet er: „Das sind meine Freunde, weil sie mir immer haben viel Trinkgeld gegeben als ick noch mit Vater bin mitgefahren und nachher ooch. Und da habe ick ooch wat zu essen gekriegt und denn immer ’ne Menge Trinkgeld. Mutter hat zu mir gesagt: ‚Du machst so lange und schimpfst auf die Partei, bis sie Dir werden abholen.‘“

„Tödliche Wirkung nach 50 bis 80 Minuten“

Das Verhängnis nimmt seinen Lauf: Im April 1944 wird Lüdke in Wien ermordet; ohne, dass es wegen der Vorwürfe jemals einen Gerichtsprozess gegeben hätte. Nach den Recherchen von Regener und Doßmann stirbt er mit großer Wahrscheinlichkeit, nachdem Ärzte dort mit ihm experimentieren. Sie schießen mit vergifteter Pistolenmunition auf ihn, um zu testen, ob Menschen, die durch die unmittelbare Wirkung solcher Geschosse nur leicht verwundet werden, wegen der darin befindlichen Substanzen trotzdem sterben. In einer Aktennotiz heißt es: „Versuche mit dem Geschoss haben ergeben, dass ein Mensch auch bei leichter Verwundung eingeht. Tödliche Wirkung tritt nach etwa 50-80 Minuten ein.“

Das Buch zeigt, dass der Massenmörder Lüdke eine Fiktion, ja eine Erfindung der NS-Polizei ist. Denn Franz und seine Helfer nutzen nach den Recherchen der Wissenschaftler Vernehmungsprotokolle und Indizien dazu, Lüdke zu verleiten, eine Tötung nach der anderen zuzugeben. Bald hat er eine Vielzahl von ungeklärten Frauenmorden im Deutschen Reich gestanden.

In den Polizeiprotokollen, die Lüdke zum Massenmörder machen, finden sich Sätze wie dieser: „Wenn mir hier vorgehalten wird, dass nicht zu glauben ist, dass ich auch diese Frau totgemacht habe, so kann ich nur aussagen, dass ich diese alte Frau bestimmt umgebracht und hier die volle Wahrheit gesagt habe.“ Das sei – argumentieren die Wissenschaftler – ein so formelhaftes Amtsdeutsch, dass nur schwer vorstellbar sei, dass ein Mann wie Lüdke solche Sätze wirklich gesagt haben könnte und der offenkundige Versuch, Widersprüche zur Massenmörderthese zu kaschieren.

Nach dem Krieg hält sich die Mär

Schon 1943 aber sind Zweifel daran aufgetaucht, dass Lüdke wirklich alle Frauen getötet haben konnte, die Franz zu dessen Opfern zählt. So gibt sich der Hamburger Polizist Gottfried Faulhaber gegenüber Lüdke als Mitgefangener aus – und ist sich nach einem verdeckten Gespräch mit dem angeblichen Serienmörder sicher, dass Lüdke „Gefälligkeitsgeständnisse“ ablegt hat. Lüdke habe Angst, schreibt Faulhaber, wenn er seine bisherigen Aussagen zurückzöge, könne er vor einem Gericht landen.

Nach dem Ende des Krieges transportieren zahlreiche deutsche Künstler und Journalisten das Bild von Lüdke als Massenmörder weiter. Weil sie die Ermittlungsmethoden von Franz nicht hinterfragen und man im Nachkriegsdeutschland nur allzu gerne am Mythos von der sauberen Polizei selbst zu NS-Zeiten festhalten will. Nicht nur in „Nachts, wenn der Teufel kam“, auch in zahlreichen deutschen Zeitungen, Magazinen und Reportagen wird die Mär vom bösen wie schwachsinnigen Serienkiller immer wieder belebt; ohne, dass die genauen Todesumstände Lüdkes offenbar werden.

Dagegen druckt beispielsweise die „Welt am Sonntag“ 1950 die Sterbeurkunde Lüdkes ab, in der es heißt, er sei an „kleinschwieligen Herzfleischentartung, Erweiterung der rechten Herzkammer, Herzlähmung“ gestorben. Der Untertitel des Textes: „Der Fall Bruno Lüdke. Wie die Berliner Kriminalpolizei einen gefährlichen Mörder überführen konnte.“

Der Mythos vom Massenmörder hält sich bis zum Ende des 20. Jahrhundert. Erst Mitte der 1990er Jahre wandern dann schließlich im Berliner Kriminalmuseum die dort vorhandenen Exponate zum Fall Lüdke ins Kellerdepot.

Doßmann, Axel / Regener, Susanne: Fabrikation eines Verbrechers. Der Kriminalfall Bruno Lüdke als Mediengeschichte. Leipzig: Spector Books, Leipzig, 2018.

Von Sebastian Haak

Das Wochenende beginnt kühl, am Samstag und Sonntag wird in Leipzig schönes Wetter erwartet. Kommende Woche erreichen dann frühlingshafte Temperaturen die Stadt.

22.02.2019

Zoff im rechten Lager: Die Partei „Aufbruch deutscher Patrioten“ will im Rechtsstreit mit der AfD vorerst auf ihr Kürzel AdP verzichten.

21.02.2019

Ex-Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen und der Dresdner Politikwissenschaftler Werner Patzelt sind der konservativen Werteunion innerhalb von CDU und CSU beigetreten. Die Gruppe war 2017 auch als Reaktion auf die Flüchtlingskrise von 2015 gegründet geworden.

21.02.2019