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Mitteldeutschland Ex-DDR-Regierungschef Krenz: „Es gibt keine Gleichheit der Deutschen“
Region Mitteldeutschland Ex-DDR-Regierungschef Krenz: „Es gibt keine Gleichheit der Deutschen“
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20:14 09.11.2019
In seiner Welt obenauf: Egon Krenz auf dem Deich in Dierhagen (Vorpommern-Rügen). Quelle: Stefan Sauer
Dierhagen

Am Ende des Jahres 1989 war Egon Krenz anderthalb Monate lang Chef des Staatsrates der DDR. Er nimmt für sich in Anspruch, die friedliche Öffnung der Grenze sichergestellt zu haben. Ein Gespräch darüber, wer damals, als die Mauer fiel, alles das Sagen gehabt haben will.

Die SPD-Ministerpräsidenten in Mecklenburg-Vorpommern, erst Erwin Sellering, dann Manuela Schwesig, haben nacheinander betont, dass die DDR kein totaler Unrechtsstaat gewesen sei. Wie gehen Sie damit um? Sie sagten einmal, das sei ein Kampfbegriff.

Egon Krenz: Beiden gilt mein Respekt, obwohl ich kein SPD-Wähler bin. Wie manche über Frau Schwesig nach ihrer Äußerung hergefallen sind, zeigt mir, dass es immer noch nicht möglich ist, sachlich, differenziert und ohne Vorurteile über die DDR zu sprechen.  

Es geht in dieser Debatte ja um Unrecht im Alltag. Vor dem Fall der Mauer haben beispielsweise Kinder aus nicht linientreuen Familien weder Abitur machen noch studieren können. Das ist doch Unrecht.  

Ja, es gab ein Privileg für Kinder aus Arbeiter- und Bauernfamilien. Das war eine Wiedergutmachung für das Unrecht, das diesen Klassen jahrhundertelang zugefügt wurde. Entscheidend war das Leistungsprinzip. Wenn Sie meinen, es haben ausschließlich andere Kriterien gegolten, dann frage ich Sie, weshalb Abiturienten wie Angela Merkel, Joachim Gauck, Wolfgang Thierse, Lorenz Caffier, Markus Meckel und viele andere in der DDR haben studieren können? Waren das alles Linientreue? Wo es wirklich Unrecht gab, kann ich das nur bedauern.

Im Übrigen: Den Numerus clausus in der Bundesrepublik, den gibt es doch bis heute. Wer immer wieder die Debatte vom Unrechtsstaat DDR anstößt, lenkt bewusst von den Ungerechtigkeiten der heutigen Gesellschaft und dem arroganten Umgang der Macht mit DDR-Biografien ab.

Wie müsste die DDR richtig gesehen werden?

Ich will Ihnen dazu ein kleines Erlebnis aus meiner Kindheit erzählen. Zu meiner Einschulung, in der Nähe von Rostock, in meinem Heimatort Damgarten, sagte der Schuldirektor einen Satz, den ich bis heute nicht vergessen habe: „Der Russen-Kommandant hat befohlen, dass in der Schule nicht mehr geschlagen werden darf.“ Das war 1945. Offiziell wurde die Prügelstrafe mit Gründung der DDR gesetzlich verboten. In der Bundesrepublik erst 1973.

Es gibt viele Beispiele, die zeigen, dass die DDR menschenwürdige und moderne Lösungen anbot, bessere als die Bundesrepublik. Als beispielsweise im Westen die Frauen noch die Zustimmung ihres Ehemanns brauchten, um überhaupt arbeiten und auch ein eigenes Konto führen zu dürfen, hatten sich die DDR-Frauen von solch feudalistischem Unrecht längst befreit.

Dieser Tage las ich in meiner Zeitung, dass Herr Gauck gesagt habe, dass die Ostdeutschen noch längere Zeit bräuchten, um Eigenverantwortung und demokratische Spielregeln zu erlernen. Damit erklärt er DDR-Bürger faktisch für unmündig. Nicht nur Herr Gauck hat eine Menschenwürde. Der Artikel eins des Grundgesetzes muss für alle gelten, auch für jene Deutschen, die anders über die DDR denken als er.

Ich beklage, dass die DDR nicht analysiert, sondern verdammt wird. Das haben all jene nicht verdient, die das Land unter schwierigsten Bedingungen aus Ruinen aufgebaut haben.

Wie bewerten Sie die deutsche Einheit?

Es haben sich nicht zwei Staaten auf Augenhöhe vereinigt, sondern der eine hat den anderen übernommen und bestimmt die Regeln. Es gibt weder eine Gleichheit der Deutschen vor der Geschichte noch vor dem Gesetz. Wann endlich werden die Lebensleistungen der DDR-Bürger in Worten und auch materiell anerkannt? Wann wird gleicher Lohn für gleiche Arbeit gezahlt, wann gibt es gleiche Renten für gleiche Lebensleistungen statt diskriminierender Strafrenten? Wann bekommen Ostdeutsche die gleichen Berufschancen in Politik, Justiz, Wissenschaft und Lehre, in der Diplomatie und Militär?

Ein Grundthema in Ihren Büchern ist Ihre persönliche Kritik an Gorbatschow. Würde die heute milder ausfallen, wenn die damalige Sowjetunion die DDR als Staat nicht so schnell aufgegeben hätte?

Mein Grundthema ist die DDR-Geschichte, nicht Gorbatschow. Dennoch lässt sich das kaum trennen. Der Bundespräsident hat am 9. Oktober in Leipzig sinngemäß gesagt: Es hätte auch alles anders kommen können, wenn mit Gorbatschow nicht jemand im Kreml gesessen hätte, der die SED-Führung zur Zurückhaltung gemahnt hätte. Das ist mir neu. Die Entscheidung, dass es keine Gewalt gibt, wurde in der DDR getroffen. Nirgendwo anders.  

Sind Sie verärgert darüber, dass Gorbatschow nach der Wende Auszeichnungen erhalten hat, während Sie ins Gefängnis mussten?

So kleinkariert denke ich nicht. In besonderer Erinnerung ist mir ein Gespräch mit ihm am 1. November 1989. Damals fragte ich Gorbatschow: Steht ihr noch zu eurer Vaterschaft? Er tat zunächst so, als habe er mich nicht verstanden. Ich ergänzte daher: Die DDR war, wenn man es auf das Wesentliche bringt, ein Ergebnis des Zweiten Weltkrieges und des Kalten Krieges, also auch euer Kind. Darauf er: Nach den Völkern der Sowjetunion ist uns das Volk der DDR das liebste. Ich solle meinen Genossen im Politbüro sagen: Die deutsche Einheit stehe nicht auf der Tagesordnung. Wenige Tage später erklärte er das Gegenteil. Ich habe Gorbatschow lange vertraut. Heute weiß ich, viel zu lange.

In einer späteren Schilderung der Ereignisse wollte sich Gorbatschow an dieses Gespräch selbst nicht mehr erinnern.

Das ist richtig. Dafür wurde Helmut Kohl sein neuer Freund, vor dem er mich noch an jenem 1. November gewarnt hatte. Kohl setze auf das Pferd des Nationalismus. Dem dürfe man nicht vertrauen.

Am 7. Oktober 1989 sind die Menschen, die in Berlin auf der Straße demonstriert haben, von der Polizei gewaltsam zurückgedrängt worden, während Sie im Palast der Republik mit Honecker und Gorbatschow den 40. Jahrestag der DDR gefeiert haben. Gorbatschow hat den Abend vorzeitig verlassen. Was war seine Begründung?

Das hatte gar nichts mit der Lage in der DDR zu tun. Er war stark beschäftigt und musste so schnell wie möglich zu den eigenen Krisen zurück. Gorbatschow sah die Lage in der DDR keineswegs so kritisch, wie sie tatsächlich war. Seine vermeintliche Warnung, „wer zu spät kommt, den bestraft das Leben“, so sagte er mir einmal, sei keineswegs auf die DDR gemünzt gewesen. Er bezog das auf sich selbst, weil die Sowjetunion zu spät mit ihren Reformen begonnen habe. Das schien mir glaubhaft. Als sich die Fahrzeugkolonne von Gorbatschow vom Palast der Republik zum Flugplatz in Bewegung setzte, blockierten Demonstranten die Protokollstrecke, weshalb eine andere Route gewählt werden musste. Das hat die für die Sicherheit der internationalen Gäste Zuständigen offensichtlich nervös gemacht.

Hatten Sie es nicht in der Hand, die Gewalt zu verhindern?

Deshalb traf ich mich am 8. Oktober 1989 mit allen für die Sicherheit der DDR Verantwortlichen. Ich trug dort eine von mir vorbereitete Erklärung für das Politbüro vor. Der Kern lautete: Mit militärischer oder polizeilicher Gewalt ist nichts zu machen. Politisch entstandene Probleme dürfen nur politisch gelöst werden. Dem stimmten alle zu.

Das war die wichtigste Entscheidung, die dafür sorgte, dass der Herbst 1989 gewaltfrei blieb. Kein Gorbatschow, keine Kerzen, keine Mahnwachen oder militärische Sandkastenspiele haben dafür gesorgt. Die Angst, dass es am 9. Oktober in Leipzig zu Zusammenstößen kommen könnte, wurde von Medien der alten Bundesrepublik hineingetragen und geschürt.

Die Medien in der DDR haben entweder beschwichtigt oder gar nichts veröffentlicht.

Das trug objektiv zur Deeskalation bei. Bundespräsident Horst Köhler erklärte am 9. Oktober 2009, dass in und vor Leipzig Panzer bereitgestanden, die Polizei einen Befehl zum Schießen gehabt und Herzchirurgen Schnellkurse in Unfallchirurgie erhalten hätten. Auch seien Leichensäcke bereitgelegt worden. Solche Gerüchte wurden nachweislich am 9. Oktober 1989 in Leipzig gestreut, um Verwirrung zu stiften. Das waren nicht die Medien der DDR. Aus diesen damaligen absurden Gerüchten und Behauptungen wurden später aus dem Munde des Bundespräsidenten historische Fakten. Ich kann auf meinen Eid nehmen, dass dieser Unsinn absolute Hirngespinste, also Lügen waren.

Sie verweisen oft auf ihren Befehl vom 3. November 89, in dem es wörtlich hieß: „Die Anwendung der Schusswaffe in Zusammenhang mit möglichen Demonstrationen ist grundsätzliche verboten.“ Warum kannten die Grenztruppen diesen Befehl am 9. November offensichtlich immer noch nicht, als sich in Berlin die Massen vor den Schlagbäumen versammelten?

Natürlich kannten die Grenzer am 9. November den Befehl vom 3. November, dass die Anwendung der Schusswaffe auch im Grenzgebiet strengstens verboten war. Daran haben sich auch alle gehalten.

Der Hintergrund für diesen Befehl war aber ein anderer oder nicht?

Am 1. November war ich, wie bereits erwähnt, bei Gorbatschow im Kreml. Beim Mittagessen setzte sich KGB-Chef Krjutschkow an meine linke Seite. Ob ich wisse, dass bei der Demonstration am 4. November sich eine Gruppe vom Zug absetzen wolle, um vorbei an der sowjetischen Botschaft Unter den Linden zum Brandenburger Tor zu marschieren und dort einen Grenzdurchbruch zu versuchen.

Diese Mitteilung des Geheimdienstchefs beunruhigte mich. Ein spontaner Grenzdurchbruch und das am symbolträchtigen Brandenburger Tor könnte ein Blutbad provozieren. Ich traf mich daraufhin mit Generaloberst Fritz Streletz, um Maßnahmen zu treffen, die das verhindern sollten. Dazu gehörte auch jener Befehl vom 3. November, der jede Anwendung der Schusswaffe auch an der Grenze streng verbot.

Wie haben Sie den 9. November 1989 in Erinnerung?

Entschuldigen Sie: Das habe ich nun schon in Dutzenden Publikationen und Interviews minutiös dargelegt. Es gibt auch kein Geheimnis zu enthüllen, wie sich das mit Schabowskis Zettel verhielt. Ihm ist kein Blatt vom KGB, der CIA, dem MfS oder dem BND untergejubelt worden, um die Mauer zu öffnen. Er hatte mein Exemplar der neuen Reiseverordnung in der Hand und auf die Frage eines Journalisten, ab wann diese Regelung gelte, stotterte er, erkennbar uninformiert: ab sofort, unverzüglich. Dabei hatte er übersehen, dass eine Sperrfrist bis zum Morgen des 10. November vorgesehen war.

Das Gefährliche seines Versprechers bestand darin, dass weder die Grenztruppen noch die anderen Schutz- und Sicherheitsorgane zu diesem Zeitpunkt Informationen, Erklärungen und Befehle zu dieser kurz zuvor vom SED-Zentralkomitee und dem Ministerrat beschlossenen Verordnung erhalten hatten. Hinzu kam, dass sich alle Mitglieder der DDR-Führung auf der Tagung des SED-Zentralkomitees befanden und nicht wussten, was Schabowski auf der Pressekonferenz gesagt hatte, folglich auch nicht sofort darauf reagieren konnten.

Er selbst hat nach der Pressekonferenz seine Sachen gepackt und ist nach Hause gefahren. Tausende Berlinerinnen und Berliner jedoch, von Schabowski und dem Fernsehen dazu eingeladen, machten sich auf den Weg zur Grenze, um festzustellen, ob man sofort, unverzüglich und ohne Vorlage eines Reisegrundes die DDR verlassen konnte.

Was taten Sie selbst?

Kurz vor 21 Uhr rief mich Erich Mielke an. Der Minister für Staatssicherheit informierte mich, was sich aktuell an den Grenzübergängen zutrug. „Wenn wir nicht sofort entscheiden, was zu tun ist, dann verlieren wir die Kontrolle“, sagte er. Alle Verantwortlichen, die ich hätte konsultieren können, waren auf dem Weg nach Hause, in meinem Büro waren lediglich meine Weggefährten Siegfried Lorenz und Wolfgang Herger. Alle politischen und militärischen Fäden liefen bei mir zusammen.

Zweifellos war eine gefährliche Situation entstanden. Eine falsche Entscheidung und es würde zum Chaos, zu Panik, vielleicht sogar zum Krieg kommen können. Schließlich hatten die vier Siegermächte mindestens in Berlin noch das Sagen. Das hatten sie 1971 im sogenannten Viermächteabkommen noch einmal klar unterstrichen. Und das Abkommen galt unverändert. Ein Konflikt an der DDR-Staatsgrenze, die auch die Grenze zwischen den beiden Militärblöcken war, könnte zu unabsehbaren Folgen führen.

Es war die schwerste und folgenreichste Nacht meines Lebens. Die Hauptlast lag bei den DDR-Grenzsoldaten, bei der Volkspolizei und den Mitarbeitern des MfS. Sie alle bewiesen mit ihrem selbstständigen, umsichtigen Handeln, dass sie unseren humanistischen Anspruch verinnerlicht hatten: Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.

Sie haben nach der Wende im Gefängnis gesessen, weil Sie die Toten an der Mauer stets in Kauf genommen haben, ohne etwas dagegen zu tun. Einflussreich genug wären Sie doch gewesen oder nicht?

Da ich ungern über mich rede, auch wenn mir Unzutreffendes vorgehalten wird, zitiere ich aus dem Urteil des Landgerichts Berlin vom 25. August 1997. Damit begründeten die Richter, warum sie nicht dem Antrag der Staatsanwaltschaft folgten, mich elfeinhalb Jahre hinter Gitter zu schicken: „Anfang April 1989 war es der Angeklagte Krenz, der eine Veränderung der Schusswaffenanwendungspraxis herbeiführte. Im Herbst 1989 trug der Angeklagte maßgeblich zur Deeskalation der damaligen Situation bei, die ohne weiteres zu einem Bürgerkrieg mit unabsehbaren Folgen hätte führen können.“

Egon Krenz – vom FDJ-Chef zum Freigänger

Egon Rudi Ernst Krenz ist am 19. März 1937 im pommerschen Kollberg geboren worden und in Ribnitz-Damgarten aufgewachsen. Er avancierte in der DDR über den Vorsitz des Jugendverbandes FDJ zum Kronprinzen von Erich Honecker. Nach dem Sturz Honeckers konnte sich Krenz aber nur vom 17. Oktober bis zum 6. Dezember 1989 als sein Nachfolger an der Spitze der DDR halten. Im Januar 1990 schließt die SED-Nachfolgepartei PDS ihn aus ihren Reihen aus. Am 25. August 1997 wird er vom Berliner Landgericht nach den Mauerschützenprozessen zu sechseinhalb Jahren Haft wegen Totschlags in vier Fällen verurteilt.

Von Benjamin Fischer

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