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Mitteldeutschland Erfolg mit DDR-Rezepturen: Wie Familienbetrieben im Osten der Neustart gelang
Region Mitteldeutschland Erfolg mit DDR-Rezepturen: Wie Familienbetrieben im Osten der Neustart gelang
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20:15 14.11.2019
Diskutieren auf dem Podium (v. l.): Moderator René Kindermann (MDR), Martin Röder (Gelenkwellenwerk Stadtilm), Verena von Mitschke-Collande (Giesecke+Devrient), Henriette Starke (Apogepha Arzneimittel Dresden) und Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch. Quelle: Frank Johannsen
Leipzig

Der Start in die Marktwirtschaft nach dem Ende der DDR? Während nach der Wende reihenweise Großbetriebe dicht gemacht wurden, gelang der Neustart manchem Betrieb erstaunlich gut. „Das hat gut funktioniert. Es ging alles einfach weiter“, erinnert sich Verena von Mitschke-Collande, Vorsitzende des Stiftungsbeirates von Giesecke+Devrient und Enkelin des einstigen Firmenlenkers Ludwig Devrient, an den Rückkauf des einstigen Stammhauses in Leipzig nach dem Ende der DDR.

Erster 5-DM-Schein im VEB gedruckt

Die 1852 in Leipzig gegründete Banknoten- und Wertpapierdruckerei war 1948 noch vor der Gründung der DDR enteignet worden und von Mitschke-Collandes Vater in München neu aufgebaut worden. Schon zur Währungsunion 1990 habe man dann einen ersten Auftrag an den einstigen Leipziger Stammbetrieb, der jetzt VEB Deutsche Wertpapierdruckerei hieß, vergeben, erinnert sich Mitschke-Collande: „Die haben den Fünf-D-Mark-Scheine gedruckt. Und das in einer sehr zufriedenstellenden Qualität.“ Kein Wunder: Schließlich waren die Druckmaschinen hier dieselben, auf denen auch im Westen Banknoten entstanden. „Der Betrieb stand gut da.“

1991 kaufte Giesecke+Devrient das einstige Leipziger Stammhaus dann von der Treuhand zurück. „Und mein Vater“, der 1948 die Enteignung noch miterlebt hatte, „war da zum ersten Mal wieder in Leipzig“, berichtet Mitschke-Collande. Sie selbst wurde erst 1949 in München geboren – und bezeichnet sich selbst als „Münchner Kindl mit sächsischem Blut“. Inzwischen ist Leipzig sogar der einzige deutsche Druckstandort der Firma. Die Druckerei in München wurde 2015 geschlossen und der Banknotendruck – inklusive der Euro-Scheine – nach Leipziger verlegt.

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DDR-Inkontinenzmittel bleibt Verkaufsschlager

Eine positive Bilanz zieht auch Henriette Starke vom Arzneimittelhersteller Apogepha aus Dresden, die neben Mitschke-Collande im Museum für Druckkunst Leipzig auf dem Podium sitzt und über Familienunternehmen in Ostdeutschland 30 Jahre nach der Maueröffnung diskutiert. Die wichtigsten Produkte seien nach wie vor diejenigen, die hier zu DDR-Zeiten entwickelt wurden – allen voran das Inkontinenzmittel Mictonorm mit dem selbst entwickelten Wirkstoff Propiverin.

Das Kuriose daran: „Die Produkte, die zu DDR-Zeiten entstanden, beruhten noch auf den Forschungsarbeiten meines Großvaters und wurden von meinem Vater dann fertiggestellt und zum Patent angemeldet“, fügt Starke hinzu. Denn ihre Familie war auch nach der Enteignung 1972 im Betriebe geblieben, der zunächst VEB Apogepha hieß und später im VEB Sächsisches Serumwerk aufging. Ihr Vater leitete dann, nachdem er aus der Betriebsleitung entfernt wurde, die Forschungsabteilung.

„Das ist wirklich eine Ironie der Geschichte“, sagt Starke: „Mein Vater sagte immer, eigentlich stütze er ja durch seine Arbeit das System der DDR. Aber letztlich profitieren wir noch heute davon.“ Denn 1991 wurde der Betrieb an die frühere Eigentümerfamilie zurückgegeben. „Hätten wir die Produkte meines Vaters nicht gehabt, würde es uns wohl längst nicht mehr geben. Dadurch sind wir nach der Wende sehr schnell auf die Beine gekommen.“

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Thüringen hat die meisten Familienbetriebe bundesweit

Die Entwicklung der beiden Firmen ist keineswegs untypisch, sagt der Wirtschaftshistoriker Rainer Karlsch vom Institut für Zeitgeschichte München-Berlin. Im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen hat er die Entwicklung von Familienbetrieben in den neuen Bundesländern seit der Wende in einer Studie untersucht. „Wir waren überrascht und erstaunt, welche Reindustrialisierungsprozesse es hier gegeben hat“, sagt er anerkennend, „vor allem in Branchen, die man gar nicht so im Blick hatte.“ Bei Glas, Papier und Süßwaren zählten die neuen Länder zur Spitze in Europa. Und auch bei Spielzeug, Uhren, Brillen und Musikinstrumenten sei die Wiederbelebung gelungen. „Das sind aber noch zarte Pflänzchen. Und es gibt auch Bereiche, die sind ganz weit runtergefallen, wie der Maschinenbau.“

Insgesamt ist die Dichte an Familienbetrieben im Osten heute sogar höher als im Westen: 92 Prozent aller Firmen in den neuen Ländern sind familiengeführt, gegenüber nur 89 Prozent im Westen. Bundesweiter Spitzenreiter ist hier Thüringen mit 93 Prozent. Allerdings: Großunternehmen fehlen im Osten fast völlig. „Es gibt in Deutschland kein Unternehmen in den Top 60, das seinen Sitz im Osten hat.“ Diesen Rückstand aufzuholen, werde noch eine ganze Zeit dauern. „Es dauert mehrere Generationen, bis sich ein neues Unternehmertum herausbilden kann“, sagt Karlsch. „Der Osten hat aufgeholt, aber es ist noch ein gutes Stück Weg vor uns. Das ist eine Generationenaufgabe, die längst noch nicht abgeschlossen ist.“

Studien zum Download:

Von Frank Johannsen

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