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Mitteldeutschland „Die Profilierung von Politikern über soziale Medien ist ein Zukunftsthema“
Region Mitteldeutschland „Die Profilierung von Politikern über soziale Medien ist ein Zukunftsthema“
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20:00 20.06.2019
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky spricht in einem Interview mit dem Journalisten Roland Herold über die Zukunft der Tageszeitung. Quelle: Alexander Prautzsch
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Leipzig

Laut der LVZ-Umfrage zur anstehenden Landtagswahl in Sachsen beziehen die meisten Wähler ihre Informationen immer noch aus den klassischen Medien wie Radio und Tageszeitung. Gleichzeitig macht sich eine Skepsis gegenüber Medienhäusern und klassischen Vermittlungsformen immer mehr bemerkbar. Der Leipziger Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky analysiert die Veränderungen.

Mehr als zwei Drittel der Befragten der LVZ-Umfrage beziehen ihre Informationen zur Landtagswahl aus TV und Radio, mehr als die Hälfte aus den regionalen Tageszeitungen und nur 14 Prozent über die sozialen Medien. Überrascht Sie das?

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Ja, das ist überraschend. Weil in anderen Umfragen die Nutzer der sozialen Medien auf einen wesentlich höheren Anteil kommen. Im Vergleich zur Gesamtbevölkerung sind es ja viel mehr als 14 Prozent. Ich vermute, dass die sozialen Medien keine Medien sind, in denen man typischerweise auf die Suche nach Informationen geht. Sie sind vielmehr Dialogmedien, wo ein Chat geführt wird. Vielleicht wurde die Frage auch im Sinne von „Wo schaue ich aktiv hin?“ beantwortet. Aber auch das ist nur eine Vermutung. Und schließlich muss man auch berücksichtigen, dass es auch eine ganz bestimmte Klientel ist, die solche Meinungsumfragen mitmacht.

Der Einfluss der 68er

Die Wähler der AfD und der Grünen sind laut Umfrage am skeptischsten in Bezug auf die traditionellen Medien Presse, TV und Rundfunk.

Das wiederum ist durchaus typisch. Das in der öffentlichen Meinung vertretene Spektrum ist sehr stark zusammengeschrumpft. Die politischen Debatten, aber auch die Berichterstattung in den Medien wird derzeit sehr stark von der 1968er-Generation geprägt. Das bedeutet, die Meinungen, die nicht in diesem Mainstream-Spektrum sind, die kommen in den klassischen Medien viel weniger vor als früher. Das ist auf der reaktionären Seite, wo typischerweise die AfD-Wähler stehen, genauso wie auf der progressiven Seite, wo eher die Grünen-Wähler angesiedelt sind. Die finden ihre Meinungen immer weniger in diesem Spektrum und deshalb sind sie auch skeptischer. Das scheint mir sehr logisch.

Aber gerade bei den Grünen haben die 68er doch nach wie vor erheblichen Einfluss?

Richtig. Aber aus meiner Sicht gibt es da gerade auch eine gewisse Schizophrenie. Einerseits sind die Grünen genau in diesem Mainstream, den einige Wähler nicht wollen. Andererseits gibt es aber auf der progressiven Seite keine Alternative dazu. Keine Partei wie vor Jahren beispielsweise die Piraten, die sagten: „Wir machen diesen Mainstream nicht mit“. Deshalb entscheiden sich die progressiven Wähler für die Grünen, die es hinbekommen haben, dennoch als Protestpartei zu gelten.

Was sich bei den Europawahlen aber nicht niedergeschlagen hat.

Die einzigen, die dieses Spiel bei den Europawahlen nicht mitgemacht haben, waren tatsächlich die Sachsen. Dort erreichten die Grünen nicht solche starken Werte wie in den anderen Bundesländern. Das sächsische Protestpotenzial ist stattdessen offenbar komplett zur AfD gegangen.

Strategien der Wahlkampfveranstaltung

Ein weiteres überraschendes Ergebnis war, dass Wahlveranstaltungen offenbar wenig effektiv sind. Müssen die Parteien nach neuen Formen suchen?

Na, ja. Aus Parteiensicht ist das sogar noch erklärlich. Wenn eine Wahlveranstaltung organisiert wird, geht es ja nicht nur um die eigenen Parteimitglieder, sondern auch um die Journalisten, die dann darüber berichten.

Eine verkappte Anzeigenkampagne?

Natürlich. Wenn eine Wahlveranstaltung mit Bundesprominenz stattfindet, wird die LVZ natürlich ihre Reporter hinschicken. Das ist also eine solide Strategie der Parteien. Selbst wenn letztendlich keiner kommen würde, wäre immer noch der Effekt da, dass die klassischen Medien darüber berichten. Aber, um noch einmal zum Ausgangspunkt zurückzukehren: Es ist ein ganz klarer Trend, dass kaum noch einer zu diesen Wahlveranstaltungen hingeht.

Alte Parteien und neue Medien

Wie sollen sich die Parteien neu aufstellen?

Die Parteien sind zwar noch nicht gut darin – ich glaube aber tatsächlich, dass die Profilierung von Politikerinnen und Politikern über eigene Social-Media-Kanäle ein Zukunftsthema ist. Vielleicht liegen die schlechten Zahlen in diesem Bereich Ihrer Umfrage auch daran, dass es noch nicht viele derartige Angebote gibt. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn gibt beispielsweise regelmäßig auf Youtube oder Facebook Statements ab. Ich glaube, so etwas werden wir in Zukunft viel, viel häufiger sehen.

Warum?

Weil Politiker so an den klassischen Medien vorbeikommen und direkt ihre Botschaften absetzen können. Im Internet werden sie dann gefunden oder eben auch nicht. Aber je jünger die Zielgruppe ist, desto mehr werden diese Auftritte auch wahrgenommen. Und je reißerischer, je verrückter die Forderung ist, desto mehr Aufmerksamkeit ist zu erwarten. So ist das halt im Augenblick.

Bleibt da nicht die Vergleichbarkeit von Politikern oder Programmen auf der Strecke?

Stimmt, aber darum geht es ja auch nicht. Das würde so sein, wenn die Parteien tatsächlich so unterschiedliche Programme hätten und diese dann auch noch umsetzen würden. Aber die erlebte Wirklichkeit der Wähler ist, dass sich die Programme nur marginal unterscheiden und am Ende sowieso nur eine Große Koalition herauskommt. Dann geht es nur noch um Sympathien für einzelne Kandidaten.

Sven Gábor Jánszky (46) ist Trendforscher, Journalist und Referent. Der Geschäftsführer der 2b AHEAD ThinkTank GmbH mit Sitz auf dem Gelände der einstigen Leipziger Baumwollspinnerei veranstaltet Workshops zum Thema Innovation, veröffentlicht Trendstudien und lehrt an der privaten Karlshochschule International University in Karlsruhe.

Von Roland Herold