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Mitteldeutschland Ein Luftballon bringt Ost und West ein Stück näher
Region Mitteldeutschland Ein Luftballon bringt Ost und West ein Stück näher
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19:20 23.01.2018
Ministerin Petra Köpping (Mitte). An ihrer Seite Rudolf und Ruth Kupser sowie Brigitte und Günther Drechsler (von links nach rechts). Quelle: Foto: Andreas Dunte
Neuendettelsau

Der große Saal im Gasthof Sonne ist gut gefüllt. Petra Köpping strahlt. Der erste Westauftritt der sächsischen Integrationsministerin führt ins mittelfränkische Neuendettelsau, 18 Kilometer von der Bezirksstadt Ansbach entfernt, mit einem bedeutenden Diakonie- und Missionswerk. Im Saal sitzen auch zwei Einwohner aus dem sächsischen Drebach (Erzgebirgskreis) und eine Menge Medienvertreter. Es ist eine deutsch-deutsche Geschichte, die hier über die Bühne geht. Eine Geschichte von Freundschaft, Austausch und dem Versuch, zuzuhören und zu verstehen.

Ballon landet auf Feld im Erzgebirge

Begonnen hat sie vor 51 Jahren mit einem Luftballon, erzählt Rudolf Kupser, der die SPD-Ministerin eingeladen hat, nachdem sie in der Sendung bei Anne Will „so schön dem Markus Söder widersprochen hat“. Ein Junge im schwäbischen Remsal hat den Ballon auf die Reise geschickt – samt seiner Adresse und der Bitte an den Finder, ihm doch zu antworten. Und er bekam Antwort. Von einem 14-jährigen Mädchen aus dem Osten. Denn der Ballon ging weit hinter der innerdeutschen Grenze auf einem Rübenfeld im Erzgebirge nieder, wo ihn ein Landwirt fand und die angehängte Karte an seine Tochter weiterreichte. Und so ergab sich eine rege Brieffreundschaft zwischen ihr und der Schwester des Jungen. Dem folgten Besuche. Anfangs reiste nur das Mädchen aus dem Westen in den Osten. Seit 1989 geht es auch in die andere Richtung. Die beiden Briefeschreiberinnen sitzen im Publikum. Das Mädchen aus dem Westen heißt Ruth. Die 66-Jährige ist die Ehefrau von Rudolf Kupser und wohnt mit ihm heute in Franken. Brigitte Drechsler (65) ist die andere. Beide heute Ehefrau, Mutter, Schwiegermutter und Oma.

Briefe zum Alltag hüben und drüben

„Die Briefe habe ich noch“, sagt Ruth Kupser. Ausgetauscht habe man sich über die Schule, die ersten Freunde, den Alltag hüben und drüben. Ruth: „Weniger über die Musik, ich liebe Bach-Kantaten.“ Brigitte: „Ich mag eher Schlager.“ Die Fränkin engagiert sich als studierte Sozialpädagogin ehrenamtlich bei der Hilfe für Flüchtlinge. In Brigittes Dorf gibt es zwar ein Heim für Migranten, aber Berührungen mit den Geflüchteten eher wenig. Trotz oder gerade wegen der vielen Unterschiede hat ihre Freundschaft nicht nur die Wende und Nachwendezeit überdauert, sondern auch zu weiteren Begegnungen zwischen Ost und West geführt. Auf Initiative der Kupsers kommen nach und nach weitere Drebacher zu Besuch nach Franken. Umgekehrt organisieren sie Reisen für Einwohner aus Neuendettelsau in Richtung Ost. Es geht zu Sehenswürdigkeiten in Leipzig, Seiffen, Bautzen, Berlin, Dresden, Wittenberg. Es sind weniger Vergnügungsreisen, sagt der ehemalige Diakonie-Mitarbeiter. „Wir wollten den Osten kennenlernen.“ Eloquent wie er ist, gibt es Treffen mit der Chefin der Birthler-Behörde. In Dresden erfahren sie von Vertretern des Kirchenvorstands mehr über die Zeit der Friedensgebete und der Demonstrationen. Die Liste ist lang und reicht bis zu Kontakten zwischen Posaunenchor, Kirchenchor und Kantorfamilie. Nach einem Besuch in Drebach erwächst sogar finanzielle Hilfe für den Osten. Die Fränkin Elisabeth Roder spendet 150 000 D-Mark aus einer Erbschaft. Ein Fonds wird eingerichtet. Drebacher, die in ihre Wohnung oder ihr Haus investieren wollen, erhalten so zu geringem Zinssatz ein Darlehen.

Ein deutsch-deutsches Märchen, bis hier hin. Doch die Negativschlagzeilen aus Sachsen lassen auch in Franken aufhorchen. „Pegida, hohe Wahlerfolge für die AfD und die Ausländeranfeindungen – ,was ist da los im Osten?’, fragen mich die Einwohner hier“, erzählt Kupser. In Gesprächen mit den Drechslers sucht man nach Erklärungen. Die Freunde streiten sich auch, denn einfache Antworten gibt es nicht.

Froh sei sie über die Wende, sagt Brigitte Drechsler. Das System hatte abgewirtschaftet. Aber was man sich erträumt hatte, sei nicht eingetreten. „Reihenweise wurden bei uns im Erzgebirge Fabriken abgewickelt, gingen die Leute in die Arbeitslosigkeit.“ Die Bürokauffrau lebt heute von 500 Euro Rente, ihr Mann Günther, der versucht hat, als selbstständiger Automechaniker über die Runden zu kommen, hat sogar noch weniger. 26 Prozent der Drebacher – und in umliegenden Erzgebirgsorten sieht es ähnlich aus – haben bei der letzten Bundestagswahl die AfD gewählt. Brigitte Drechsler weiß, warum: „Die sprechen an, was die Leute bedrückt.“ Endlich höre mal jemand von der Politik zu.

Petra Köpping greift den Faden geschickt auf und erzählt an diesem Abend in Neuendettelsau von ihrer Zeit als Bürgermeisterin. Von wundervoll ausgebauten Straßen, die früher nur Schotterpisten waren. Von Leipzig, das heute strahlt. Und vom Neuseenland. Sachsen stehe gut da bei der Pro-Kopf-Verschuldung. „Die Menschen, die das mit aufgebaut haben, hatten Hoffnungen – für einige sind diese Hoffnungen nicht in Erfüllung gegangen.“ Sie spricht über die Abwicklungen durch die Treuhand. Von den Ungerechtigkeiten bei der Rente. Etwa bei Eisenbahnern und Bergleuten, deren Zulagen gestrichen wurden. Sie erzählt von der hohen Arbeitslosigkeit bis noch vor wenigen Jahren, den ABM und Umschulungen, mit denen sich die Leute über Wasser gehalten haben. „Ich will hier nicht das Bild des Jammer-Ossis malen, aber ich will um Verständnis werben, um Anerkennung“, sagt sie und sieht in zustimmende Gesichter. „Wir müssen aufarbeiten, was die Politik zu lange hat liegen lassen. Gespräche wie diese in Neuendettelsau tragen dazu bei.“

Bürgermeister ist begeistert

„Diese Frau ist authentisch“, sagt Marianne Meisel über Köpping. Die 65-Jährige hat an Reisen der Kupsers in den Osten teilgenommen. Von den geschilderten Problemen habe sie nur am Rande mitbekommen. Weitere Fahrten würde sie begrüßen. „Ich würde mich freuen, sollte es zu Gesprächen über das Leben, den Alltag und die Probleme drüben kommen.“

Auch CSU-Bürgermeister Gerhard Korn ist von seinem Gast begeistert. Besonders davon, dass die Ministerin den Blick auch über Sachsen hinaus lenkt. Ihrem Vorschlag, die Stelle des Ostbeauftragten beizubehalten, dessen Zuständigkeit aber auf alle strukturschwachen Regionen in Deutschland auszuweiten, könne er nur zustimmen. Vor dem Auftritt in der Sonne hat Korn die Ministerin im Rathaus empfangen und sie beim Rundgang durch die Diakonie begleitet, wo es auch um Themen wie Integration und Flüchtlinge gegangen ist.

Danach befragt, ob sie sich weitere Auftritte im Westen vorstellen könne, sagt Köpping spontan: „Ja. Einladungen und Briefe, wie sie Rudolf Kupser geschrieben hat, gibt es einige.“ Der Gesprächsbedarf scheint groß zu sein.

Von Andreas Dunte

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