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Mitteldeutschland „Der Mainstream beruht auf den Glaubensgrundsätzen der 1968er“
Region Mitteldeutschland „Der Mainstream beruht auf den Glaubensgrundsätzen der 1968er“
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22:00 27.03.2019
Zukunftsforscher Sven Gábor Jánszky sieht die 1968-er Generation in den wesentlichen Führungspositionen. Quelle: picture alliance /dpa
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Leipzig

Herr Jánszky, zwei Drittel aller Sachsen glauben nicht, dass sich nach den Landtagswahlen etwas ändern wird im Freistaat. Wie interpretieren Sie das?

Ich interpretiere das so, dass die zur Wahl stehenden Parteien sich nicht wesentlich unterscheiden. Das vertretene Meinungsspektrum ist so eng geworden, wie es das in der Geschichte der Bundesrepublik wahrscheinlich noch nie gab. Früher, in der alten der Bundesrepublik, wollten Menschen in der SPD ernsthaft den Sozialismus, bei den Grünen gab es Sympathisanten für die RAF und auch auf dem rechten Flügel gab es Extreme. Das Meinungsspektrum war einfach viel breiter. Die Wähler hatten eine echte Wahl zwischen weit auseinanderliegenden Meinungen. Das ist heute anders.

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1968 war: „Zurück zur Natur“ und Technologiefeindlichkeit

Wo sehen Sie dafür die Gründe?

In allen Bereichen der Gesellschaft ist die Generation der 1968er in den Führungspositionen angelangt. Das betrifft Politik, Wirtschaft oder auch Medien gleichermaßen. Die 1968er-Generation – egal, ob sie sich mehr progressiv oder konservativ verortet – ist ganz klar geprägt durch einen kleinsten gemeinsamen Nenner.

Der worin besteht?

Erstens im Prinzip „Zurück zur Natur“ und in Technologiefeindlichkeit. Da spielt beispielsweise der Widerstand gegen die Atomkraft eine Rolle. Zweitens Anti-Militarismus und drittens Basisdemokratie. Was in diesem Verständnis bedeutet: Eine Entscheidung ist dann gut, wenn man möglichst viele Leute befragt und nicht etwa eine Elite aus Experten. Das zieht sich im Augenblick durch alle Parteien – außer der AfD – und gibt vor allem den Grünen so einen Auftrieb. Das Meinungsspektrum ist zusammengerutscht und außerhalb gibt es kaum etwas anderes.

Wie lang wird das anhalten?

Bis zum Generationswechsel in vielleicht fünf oder zehn Jahren. CDU-Gesundheitsminister Jens Spahn wäre so ein neuer Politiker. Er ist Mitte 30, aber so lange er nicht 40 ist, wird er nicht wirklich grundlegende Entscheidungen beeinflussen können. Auch Kevin Kühnert bei den Jusos braucht dafür noch zehn Jahre. In anderen Parteien sind solche Leute zum Teil noch gar nicht sichtbar – bei der FDP nicht oder auch nicht bei den Grünen. Kurz: Der Generationswechsel steht jetzt noch nicht unmittelbar an.

Männer glauben laut Umfrage deutlich mehr an einen Wandel als Frauen. Warum? Sind Frauen in Zukunftsfragen konservativer?

Das ist eine ganz interessante Frage und es ist nicht leicht, sie politisch korrekt zu beantworten. Das Zukunftsinstitut 2b AHEAD organisiert seit 17 Jahren Innovationskonferenzen. Dazu laden wir als Teilnehmer immer wieder Chefs und Vordenker aus großen und mittelständigen Unternehmen ein. Die Quote der Frauen, die dann kommen, liegt bei unter 20 Prozent. Vielleicht so bei 15.

Etwa zehn Prozent der Deutschen tragen rechtes Gedankengut in sich

Logisch, es gibt ja auch kaum weibliche Führungskräfte in der Wirtschaft.

Richtig. Aber wir laden immer Frauen und Männer im Verhältnis 50:50 ein. Und dann melden sich weniger Frauen an.

Worauf führen Sie das zurück?

Das kann aus dem Bild herrühren, dass Frauen von sich selbst haben. Dass ihre Aufgabe das Bewahren, Hegen und Pflegen von Bestehendem ist. Wenn man in die Wirtschaft schaut und analysiert, wo Frauen am häufigsten in Führungspositionen sitzen, dann sind das im Grunde zwei Bereiche: Der Personalbereich und gelegentlich auch der Finanzbereich. Dort geht es gerade nicht um große Veränderungen, sondern um das Kümmern – beispielsweise um die Mitarbeiter.

Wie kann man das ändern?

Wenn man an der Rolle der Frau in der Gesellschaft etwas ändern will, dann ist das nicht nur eine Frage von Quoten oder Möglichkeiten, sondern auch eine Frage des Selbstverständnisses.

Zu einem anderen Thema: Das Problem Flüchtlinge spielt offenbar keine so große Rolle mehr: Ist das Thema bis zur Landtagswahl durch?

Dass es ganz durch ist, glaube ich nicht. Aber dass es das Wahlergebnis beeinflusst und beispielsweise die AfD Probleme mit ihrer Reichweite bekommt, davon bin ich überzeugt. In Deutschland gibt es einen Kern von etwa zehn Prozent der Menschen, die tatsächlich ein sehr rechtes Gedankengut in sich tragen. Das war nie anders in der Geschichte der Bundesrepublik. Manchmal hatte diese Gruppe eine parlamentarische Vertretung, weil es Politiker gab, die das vertreten konnten. Dann kam sie auch in Landtage. Denken Sie an die NPD, die Republikaner oder die DVU.

Die AfD liegt in ihren Werten aber weit darüber.

Das, was die AfD in der gesellschaftlichen Beachtung wachsen ließ, ist die Flüchtlingsfrage. Ein Thema, das auch viele Menschen, die nicht zu den erwähnten zehn Prozent gehören, bewegt und bei ihnen Ängste auslöst. In dem Maße, in dem die Flüchtlingsfrage an Bedeutung verliert, geht auch die öffentliche und die mediale Aufmerksamkeit der AfD verloren. Dann wird sie wieder aus dem Parlament verschwinden. Noch nicht bei der nächsten Wahl, aber irgendwann sicherlich.

In vielen Fragen zeichnet sich eine neue Polarisierung zwischen AfD und Grünen ab? Ist das ein Trend?

Es bestätigt im Grunde das, was ich eingangs sagte: Der gesellschaftliche Mainstream ist kleiner geworden und beruht in seiner Basis auf den Glaubensgrundsätzen der 1968er-Generation. Die Partei, die diese Grundsätze am authentischsten repräsentiert, sind die Grünen. Das ist der eine Pol. Jenseits vom Mainstream gibt es Kräfte, die reaktionär sind und Dinge zurückdrehen wollen, aber auch Kräfte, die progressiv sind und Dinge weiterentwickeln wollen. Aber nur die rechten Kräfte haben mit der AfD einen Repräsentanten außerhalb des Mainstreams.

Es gibt Wichtigeres als den Diesel

Und die progressiven Kräfte, von denen Sie sprachen?

Die Prognose ist, dass auf der anderen Seite des Mainstreams künftig etwas wachsen wird. Wir haben in diesem Land ein ungenutztes Wählerpotenzial der Progressiven. Aber sie haben noch keine Partei. Das sind Menschen, die glauben, dass die Welt besser wird. Die davon ausgehen, dass wir 2030 viel besser leben werden als heute. Und zwar durch die Nutzung neuer Technologien.

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Wie groß schätzen Sie dieses Wählerpotenzial?

15 bis 20 Prozent. Dieses Potenzial hat sich schon mal ein wenig gezeigt, als die Piratenpartei kam und kurzzeitig einen Aufstieg hatte, bis sie sich völlig zerstritt. Derzeit bedient keine Partei deren Interessen. Aber die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass das irgendwann in den kommenden Jahren wieder eine Partei tun wird. Jemand, der sagen wird: Wir werden die Welt nicht durch ein „Zurück zur Natur“, sondern nur durch nachhaltige Technologien retten.

Anderes Thema: Dieselfahrverbote. Nur ein Drittel der Befragten in der LVZ-Umfrage will, dass die Landesregierung den Kampf dagegen führt. Wird das Thema in der Öffentlichkeit zu hoch gespielt?

Das Thema wird in den Medien überbewertet. Ich will nicht sagen, dass es die Leute nicht interessiert. Wer sich ein anderes Auto kaufen soll, aber das Geld dafür nicht hat, dem stinkt das natürlich. Aber es gibt wichtigere Dinge in dieser Welt, die die Menschen bewegen. Und es ist gut, dass es in dieser Umfrage in aller Deutlichkeit zum Ausdruck kommt.

Auch der Kauf von Elektroautos scheint eher ein Thema für die Politik zu sein.

Natürlich! Kein Mensch wünscht sich Elektro-Autos. Was nicht heißt, dass sie nicht kommen werden. Aber die Frage, ob eine Technologie in die Welt kommt oder nicht, hängt nicht davon ab, ob die Menschen das wollen.

Sondern?

Ob sie von den wirtschaftlich Mächtigen in die Welt getrieben wird.

Fehlende Fachkräfte sich das größte Problem

Wie funktioniert das am Beispiel der Elektro-Autos?

Der gegenwärtige Trend geht doch von China aus. Die chinesische Regierung hat ein Programm beschlossen, das ganze Land auf Elektro-Fahrzeuge umzustellen, und sie werden das umsetzen. Schaut man nun, wo die deutsche Autoindustrie ihr Geschäft macht, dann verdient sie in Europa kaum noch einen Cent und liefert vor allem nach China. Also muss sie auch Elektro-Autos produzieren.

Da spielt der deutsche Autofahrer keine Rolle mehr?

Am Ende ist es völlig egal, ob in Deutschland 13 oder 33 Prozent umsteigen wollen. Und auch die, die angegeben haben, dass sie nicht umsteigen wollen, werden irgendwann einfach umsteigen müssen. Mit der Eisenbahn war es letztlich genauso: Die Menschen wollten sie nicht. Das ist doch ganz normal, wenn wir über Technologieentwicklung reden. Die Mehrheit wünscht sie sich nicht, nutzt sie am Ende aber dann doch.

Wo sehen Sie die größten Zukunftsherausforderungen für Sachsen nach der Wahl?

Aus Sicht des Zukunftsforschers sind die fehlenden Fachkräfte das größte Problem, das in der kommenden Legislaturperiode auf den Freistaat zukommen wird. Weil wir in den nächsten zehn Jahren die Massenverrentung der Babyboomer-Generation erleben werden. Nie zuvor in der Bundesrepublik sind so viele Menschen in so kurzer Zeit dem Arbeitsmarkt entzogen worden. Gleichzeitig kommen die geburtenschwachen Jahrgänge auf den Arbeitsmarkt – besonders im Osten. Beides zusammen ergibt ein wahnsinniges Delta.

Können Sie das konkretisieren?

Wir gehen davon aus, dass wir 2025 rund drei Millionen Menschen weniger im Arbeitsmarkt haben werden als heute. Das wird nicht nur die Konjunktur schwächen, sondern auch wieder zu der Diskussion führen, ob das gesetzliche Rentenalter weiter rausgeschoben werden und Menschen länger arbeiten müssen. Alternative wäre, dass die Steuern und Sozialabgaben steigen.

Für Arbeitnehmer wäre das aber nicht schlecht, oder?

Klar, bei einer gut ausgebildeten Fachkraft ruft dann der Headhunter alle zwei Wochen an und fragt, ob er nicht einen neuen Job möchte. In den letzten Jahrzehnten war bei Wahlen in der Bundesrepublik immer das entscheidende Kriterium, wie eine Partei mit der Arbeitslosigkeit umging und neue Jobs schuf. In der kommenden Wahlperiode wird sich das wahrscheinlich völlig umdrehen: Dann reden wir nicht mehr über Arbeitslosigkeit, sondern über Vollbeschäftigung.

"Wir Zukunftsforscher sind in Politik- oder Sportprognosen eher nicht so stark"

Das heißt: Die Millionen, die jetzt in die Arbeitslosenhilfe fließen, werden dann benötigt, um Fachkräfte zu werben?

Ja, entweder das. Oder: ab der übernächsten Wahlperiode in der Bildung. In einigen Branchen spricht man jetzt schon davon, dass sich das verfügbare Wissen alle fünf Jahre verdoppelt. Wenn das so ist, dann hält mein erworbenes Wissen noch fünf bis zehn Jahre, bevor es völlig obsolet ist. Dann werde ich in zehn Jahren nicht mehr die Kompetenz haben, um selbstbestimmt weiterzuarbeiten.

Wohin führt das?

Menschen werden alle zehn Jahre neu lernen müssen. Das bedeutet vielleicht noch einmal ein ganzes Jahr an einer Schule oder einer Universität. Die Zukunftsfrage ist also nicht nur die Verhinderung von Arbeitslosigkeit, sondern zu verhindern, dass Menschen nicht mehr kompetent genug sind.

Wenn Sie einen Tipp abgeben sollten: Wer regiert Sachsen ab Herbst?

Wir Zukunftsforscher sind in Politik- oder Sportprognosen eher nicht so stark (lacht). Aus meiner Sicht wird sich im Vergleich mit den jetzigen Umfragen nicht mehr so viel ändern. Ich halte eine Regierungsbeteiligung der AfD für unwahrscheinlich, auch wenn sie theoretisch möglich ist. Das hängt natürlich auch ein bisschen von der Bundespolitik und dem Wechsel von Angela Merkel hin zu Annegret Kramp-Karrenbauer ab.

Interview: Roland Herold

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Von Roland Herold