Darum trennt sich der sächsische Stiftungsrat vom umstrittenen Direktor Reiprich
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Darum trennt sich der sächsische Stiftungsrat vom umstrittenen Direktor Reiprich

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19:04 21.07.2020
Siegfried Reiprich, bisheriger Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten.
Siegfried Reiprich, bisheriger Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Quelle: Steffen Giersch/stsg
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Dresden

Der Stiftungsrat der Stiftung Sächsische Gedenkstätten hat am Dienstag in einer Sondersitzung den umstrittenen Geschäftsführer Siegfried Reiprich vorzeitig von seinen Aufgaben freigestellt. Als Hauptgrund für die Entlassung noch vor seinem Ruhestandseintritt wurde dessen öffentlicher Vergleich der jüngsten Krawalle in Stuttgart mit dem NS-Pogrom 1938 genannt. Auf Twitter hatte der 65-Jährige geschrieben: „War da nun eine Bundeskristallnacht oder ‚nur’ ein südwestdeutsches Scherbennächtle?“ Tags darauf sorgte er auf derselben Plattform mit einer weiteren Äußerung für Irritationen, in der er weiße Menschen als bedrohte Minderheit darstellte.

Stiftungsrat sah Zusammenhalt gefährdet

Sachsens Kulturministerin und Stiftungsratsvorsitzende, Barbara Klepsch (CDU) distanzierte sich scharf von Reiprichs Äußerungen. „Der Stiftungsrat missbilligt ausdrücklich die von Siegfried Reiprich auf Twitter geäußerten Aussagen“, sagte sie nach der Sondersitzung am Dienstag. Diese widersprächen klar dem Sinn der Gedenkstättenarbeit. „Für die Weiterentwicklung der Stiftungsarbeit und dem inneren Zusammenhalt der Stiftung haben wir uns entschieden, dass der Geschäftsführer Siegfried Reiprich mit sofortiger Wirkung unwiderruflich unter Fortzahlung der vertraglich vereinbarten Vergütung von der Arbeit freigestellt wird“, so die Ministerin.

Kulturministerin Barbara Klepsch (CDU) sah durch Reiprich den inneren Zusammenhalt der Quelle: Jan Woitas/dpa

Wie LVZ.de außerdem erfuhr, habe in der 17-köpfigen Ratsrunde Einigkeit geherrscht, einen sofortigen Neustart anzugehen. Dem von Reiprich Anfang Juni geäußerten Antrag auf vorzeitige Beendigung seines Arbeitsverhältnisses aus gesundheitlichen Gründen werd nachgekommen und das bestehende Arbeitsverhältnis zum 30. November beendet.

Der amtierende stellvertretende Geschäftsführer Sven Riesel soll bis zur Berufung eines neuen Chefs alle Aufgaben des Geschäftsführers wahrnehmen. Der Historiker und Kulturwissenschaftler ist seit 2011 in der Stiftung Sächsische Gedenkstätten tätig.

Linke und Grüne erleichtert

Die Entscheidung sorgte für Erleichterung bei den sächsischen Linken. „Es war überfällig, Siegfried Reiprich von seinen Aufgaben zu entbinden. Der Mann war keinen Tag länger tragbar“, sagte der kulturpolitische Sprecher der Fraktion Franz Sodann. „An die Spitze der Gedenkstättenstiftung gehört eine Person, die das Amt besonnen, wissenschaftlich korrekt und unbestritten integer führt. Diesem Anspruch genügt Herr Reiprich nicht.“

„Der Stiftungsrat hat endlich die Reißleine gezogen“, kommentierte Claudia Maicher, kulturpolitische Sprecherin der Grünen. „Die jüngsten Entgleisungen waren nur das Ende einer langen Geschichte, in der er sich immer mehr von Grundsätzen der Erinnerungskultur distanziert hat und vielfältige Missstände sowie den Entwicklungsstillstand der Stiftung zu verantworten hat.“

Die Stiftung war in den letzten Jahren auch wegen Reiprich wiederholt in die Schlagzeilen geraten. Opferverbände monierten, dass sie sich mehr um die Verbrechen der DDR-Diktatur als um die NS-Zeit kümmere.

Vita von Siegfried Reiprich

Siegfried Reiprich (65) ist in Jena geboren und aufgewachsen, wo er Anfang der 1970er-Jahre den oppositionellen Arbeitskreis Literatur und Lyrik mitgründete und wiederholt mit dem SED-Regime aneckte.

Er wurde 1976 zwangsexmatrikuliert, bekam DDR-weites Studienverbot und hielt sich mit Hilfsarbeiterjobs über Wasser. 1981 wurde Reiprich zur Ausreise genötigt und mit seiner Frau ausgebürgert.

Im Westen engagierte sich Reiprich in der Friedensbewegung und als Umweltforscher, seit 2001 als Referent für politische Bildung sowie als Datenschutzbeauftragter sowie von 2007 bis 2010 als Vize-Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen.

Seit Dezember 2009 ist Reiprich Geschäftsführer der Stiftung Sächsische Gedenkstätten. Im Mai 2014 wählte der Stiftungsrat ihn erneut zum Geschäftsführer. Als er im Juni dieses Jahres die Ausschreitungen in Stuttgart mit NS-Pogromen 1938 verglich, forderten mehrere Politiker und Organisationen seinen Rücktritt.

Gegenüber der LVZ hatte sich Reiprich nach seinem umstrittenen Tweet entschuldigt. „Das war ungeschickt von mir und es war ein Fehler.“ Er habe die heftig attackierte Twitter-Nachricht zwar von seinem privaten Account und auch in seiner Freizeit geschrieben, aber ihm sei danach erst klar geworden, dass dies nicht „besonders klug“ gewesen sei. „Es tut mir sehr leid.“ Noch mal würde Reiprich den Tweet jedenfalls nicht absetzen.

Die ihm unterstellte Gleichsetzung der Reichspogromnacht von 1938 mit den Stuttgarter Ereignissen wies er aber zurück. Darüber könne man sich gern mit ihm streiten, die aufgeheizte Atmosphäre und das „vergiftete deutsche Meinungsklima“ ließen aber aktuell keine Diskussionen zu. Reiprich zitierte in dem Zusammenhang die jüdische Historikerin Hannah Ahrendt (1906-1975) , die in ihrer Analyse der Nazi-Zeit davor gewarnt hatte, dass totalitäre Bewegungen auch in der Demokratie entstehen können. „Diese Gefahr sehe ich“, sagte Reiprich. Deshalb neige er nicht zum Verharmlosen und „rassistisch“, wie ihm das der SPD-Politiker und Dresdner Bürgerrechtler Frank Richter vorgeworfen hatte, sei er schon gar nicht. „Die AfD zählt zu meinen politischen Gegnern“, machte der Weggefährte von Sachsens Stasi-Beauftragten Lutz Rathenow klar. „Rechtes Gedankengut lehne ich ab.“

Ursprünglich lief sein Vertrag als Stiftungsdirektor noch bis zum 31. Januar 2022. Aus gesundheitlichen Gründen und auf Anraten seiner Ärzte habe er um vorzeitige Auflösung gegen Ende dieses Jahres gebeten. Dem kamen die 17 Mitglieder des Rates nun zuvor.

Von André Böhmer und Winfried Mahr