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Mitteldeutschland Corona und die Jugend: „Da gibt es nichts zu relativieren“
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Corona und die Jugend: „Da gibt es nichts zu relativieren“

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09:35 02.06.2021
Die Sozialforscherin Ulrike von Wölfel steht in der Dresdner Neustadt auf der Luisenstraße. Sie befürchtet: Es werde lange dauern, die aufgebauten Defizite in der Jugendhilfe wieder auszugleichen.
Die Sozialforscherin Ulrike von Wölfel steht in der Dresdner Neustadt auf der Luisenstraße. Sie befürchtet: Es werde lange dauern, die aufgebauten Defizite in der Jugendhilfe wieder auszugleichen. Quelle: Robert Michael/dpa
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Dresden

Die Corona-Pandemie hat nach Einschätzung der Sozialforscherin Ulrike von Wölfel viele junge Menschen aus der Bahn geworfen. Die Jugendämter in den Kommunen müssten auf diese Situation reagieren und die Hilfen zur Erziehung verlängern und aufstocken, sagte die 40-Jährige der Deutschen Presse-Agentur in Dresden. In den Behörden würden Auswirkungen der Krise auf junge Menschen zu wenig beachtet. „Die Zeiten von Lockdown und Homeschooling dürfen nicht als Entwicklungszeit gewertet werden. Diese Zeit muss man betroffenen Kindern und Jugendlichen zugestehen. Sie kämpfen jetzt darum, dass ihre Hilfen verlängert werden, sie in der stationären Jugendhilfe oder im betreuten Einzelwohnen bleiben.“

Von Wölfel, die in Dresden als Koordinatorin der Fachstelle für Ombudschaftliche Beratung arbeitet und dort viele Jahre an der Evangelischen Hochschule forschte und lehrte, hatte im Dezember 2020 als Sachverständige der Kinderkommission im Bundestag zu Folgen der Corona-Krise auf die Kinder- und Jugendhilfe gesprochen. Anfangs sei es bundesweit zu massiven Einschränkungen in der ambulanten Hilfe zur Erziehung gekommen.

„Die Kinder- und Jugendhilfe hat diese Menschen im Regen stehen lassen“

Jugendämter seien zur Improvisation gezwungen gewesen und personell ausgedünnt worden, weil sich Mitarbeiter um andere Aufgaben im Corona-Krisenmanagement kümmern mussten. Die Aufnahme und Unterbringung von Kindern im Fall von Notsituationen sei während der Pandemie bundesweit um 20 Prozent gestiegen.

Ein Plüschteddy liegt in der Dresdner Neustadt auf einem Fensterbrett. Quelle: Robert Michael

Eine fachlich fundierte Arbeit sei anfangs kaum noch möglich gewesen, sagte die Expertin. Manche Kommunen hätten eine Weiterführung der Hilfe nur gewährt, wenn eine Gefährdung des Kindeswohls zu erwarten gewesen sei. Räume und Orte der Begegnung, Beratung und Hilfe hätten als Folge der Pandemie dichtmachen müssen. So habe man die labilsten Glieder der Gesellschaft am heftigsten getroffen: „Die Kinder- und Jugendhilfe hat diese Menschen im Regen stehen lassen.“ Es werde lange dauern, die Defizite wieder auszugleichen.

Fehlende Hilfe als Chance für Demokratiefeinde?

„Die Krise hat eine Zuspitzung gebracht. Da gibt es nichts zu relativieren“, sagte von Wölfel und befürchtet nun starke Nachwirkungen. Die Benachteiligung betroffener Kinder und Jugendlicher bei der Bildung werde sich noch vergrößern: „Diejenigen, die es bitter nötig hatten, waren von Hilfen vorübergehend abgeschnitten. Psychische Erkrankungen werden zunehmen. Da ist eine Kluft entstanden, die man nur schwer überbrücken kann.“ Für Kommunen dürfte es angesichts einer angespannten finanziellen Lage schwer werden, Angebote wie ambulante Hilfen oder Familientherapie in ausreichendem Maße zu finanzieren.

Ulrike von Wölfel sieht aber noch eine andere Gefahr für Betroffene. Viele hätten wegen mangelnder Unterstützung seitens der Verwaltung ein Gefühl der Ohnmacht bekommen. Das könne nun dazu führen, dass sie sich von der Gesellschaft abwendeten, für eine demokratische und partizipative Kinder- und Jugendhilfe nicht mehr erreichbar seien und in die Fänge von Radikalen gerieten.

Von RND/dpa