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Mitteldeutschland Besuch im Corona-Hotspot Erzgebirge: Jetzt erst recht nicht
Region Mitteldeutschland

Corona-Hotspot Erzgebirge: Bewegung der Gastronomie gegen 2G-Maßnahme

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09:48 11.11.2021
Das Stadtzentrum mit dem Rathaus am Marktplatz und der dominanten St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz.
Das Stadtzentrum mit dem Rathaus am Marktplatz und der dominanten St. Annenkirche in Annaberg-Buchholz. Quelle: Jan Woitas
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Annaberg

Hinter einer Theke stehen, anderen Leuten einen schönen Abend machen. Für Sven Müller ist das ein Lebenstraum. Er schmiss dafür seinen Beruf als Erzieher hin. Seine Freundin hatte gesagt, er solle „was Vernünftiges“ lernen. Er versuchte es, einige Jahre lang. Dann ließ er alles hinter sich, verließ sie, eröffnete sein Café. Die beiden Kinder sieht er jetzt nur noch manchmal.

Und nun soll er plötzlich machen, was der Staat von ihm will?

Müller, 40 Jahre, ein drahtiger Mann mit Glatze und im grauen Rollkragenpullover, ist geboren, aufgewachsen und geblieben in Annaberg-Buchholz, einer 20.000-Einwohner-Stadt im Erzgebirge. Er zeigt auf die Glastür seines Cafés am Markt, dem „Salon“, in die er einen Zettel gehängt hat. „Sie sind als MENSCH herzlich willkommen!“, steht darauf. „Egal ob (un)geimpft, (un)getestet.“ Egal, ob „männlich, weiblich, divers.“

2G in Sachsen

Seit dem 23. August gilt in ganz Deutschland die 3G-Regel – geimpft, genesen, getestet. Seit Montag gilt in Sachsen 2G, hier dürfen nur noch Geimpfte und Genesene in die meisten öffentlichen Innenräume. Sachsen war das erste Bundesland, das diese Regel einführte. Brandenburg und Berlin zogen inzwischen nach, andere stehen kurz davor. Die Regierungen reagieren damit auf Infektionszahlen, die so hoch sind wie noch nie, sie wollen eine Überlastung der Kliniken vermeiden. In Sachsen gilt mittlerweile die Vorwarnstufe, 288 Intensivbetten sind mit Corona-Patienten belegt.

Im Erzgebirge liegt die Inzidenz bei 440, sächsischer Durchschnitt. Aber nur schätzungsweise 40 Prozent der Menschen sind doppelt geimpft. Fast Tausend sind seit Pandemiebeginn an Corona verstorben.

„Ich werde keine Menschen ausgrenzen“, sagt Müller. „Ich will mich daran, was die Regierung macht, nicht beteiligen. Ich will nicht der sein, der diese Regeln durchsetzt. Ich finde das richtig schlimm.“

Weniger Google-Sterne im „Salon“

Seitdem der Zettel hängt, bleiben Menschen vor Müllers „Salon“ stehen. Manche lachen, andere schimpfen. Viele machen ein Foto. Vor einigen Tagen sagte Sven Müller in eine Fernsehkamera des Mitteldeutschen Rundfunks, dass bei ihm jeder Gast willkommen sei. Er macht sich damit nicht nur Freunde. Auf Google ist die Bewertung seines Cafés von 5 auf 3,6 Sterne abgerutscht.

Vergangenen Sonnabend feierte Müller im Salon ein rauschendes Fest. Sein Café wurde zwei Jahre alt, er selbst 40. Es kamen 100 Gäste. „Die wenigsten meiner Stammgäste sind geimpft“, sagt Müller. Er selbst ist es nicht. Es habe ihn abgeschreckt, dass die Regierung von ihm erwarte, dass er sich impft.

Vielleicht muss man noch etwas über Müller wissen: Dass er sagt, dass er nie AfD wählen würde. Und, dass er Olaf Scholz zwar auch nicht gewählt hat, aber meint: „Ich finde den gut.“ In dem Jahr vor seiner Café-Eröffnung leitete Müller noch eine Asylunterkunft für Minderjährige, heute sagt er: „Rassismus, das ist hier in der Gegend schon ein Problem.“

Müller, muss man wissen, ist nicht besonders rechts, auch nicht links. Er ist aus anderen Gründen misstrauisch, wenn ihm Dinge verordnet werden. Er sagt, so gehe es den meisten Menschen hier.

Das Gebirge und seine Menschen

Das Gebirge im südlichen Sachsen führt entlang der deutsch-tschechischen Grenze. An manchen Stellen ist es höher als 1200 Meter, höher als der Harz. Und es ist dicht besiedelt, ein Ort reiht sich an den nächsten. Annaberg-Buchholz gilt als einer der schönsten. Ein religiöser, uriger Ort. Die Stadt liegt auf 600 Metern am Hang; eine Stadt auf Terrassen, wie Machu Picchu. Wenn es kalt wird, weht scharfer Weihrauchduft durch die Straßen.

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Aber was sagt einem ein Gebirge über die Menschen, die darin leben?

Auf der vom „Salon“ aus gegenüberliegenden Seite des Marktes, im Rathaus und am hinteren Ende eines holzvertäfelten Saals, hat Rolf Schmidt sein Büro. Ein robuster Mann mit grauem Oberlippenbart. Der 61-Jährige ist seit sechs Jahren Bürgermeister. Vor zwei Wochen entschloss er sich, nächstes Jahr erneut zu kandidieren.

Ministerin kritisiert Bürgermeister

Am Sonntagabend hatte Sachsens Gesundheitsministerin Petra Köpping den Bürgermeister Schmidt in der Leipziger Volkszeitung gerügt, jedenfalls indirekt. „Wir müssen mehr kontrollieren“, sagte sie. Und nicht alle Bürgermeister „handeln verantwortlich“, so Köpping. „Einige verstecken sich seit Monaten im Gebüsch.“

„Die Rüge würde ich gern zurückgeben“, sagt Schmidt. Er, andere Bürgermeister, Gastronomen und Kirchenleute saßen mit Köpping schon in Videokonferenzen. Man besprach sich über die Corona-Strategie, man erzählte von seinen Sorgen.

Auf offene Gespräche folgten Verordnung und Frust

Aber als Schmidt dann einige Tage später die neue Schutzverordnung bekam, fand er keine seiner Sorgen darin wieder.

Jetzt beispielsweise die 2G-Regelung. Schmidt findet sie falsch. Jedenfalls für seine Region, das Erzgebirge. „Es gibt hier Menschen, die wollen sich, aus welchen Gründen auch immer, nicht impfen lassen“, sagt er. „Und natürlich ist das deren Recht. Es gibt keine Impfpflicht.“ Und 2G, sagt Schmidt, „das erzeugt nur noch mehr Trotz. Die Leute sagen dann: Jetzt erst recht nicht.“

Oder sie setzen sich darüber hinweg, wie der Caféinhaber Sven Müller. Das Café kann Bürgermeister Schmidt aus seinem Büro sehen. Zwei Handwerker putzen gerade die Fenster. Wie an jedem Montag soll wieder eine Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen auf dem Markt auflaufen. Zwischen seinem Rathaus und Müllers „Salon“.

„Testen, testen, testen“

Am Anfang waren es noch 600 Menschen, dann wurden es weniger, sagt Schmidt. Letzte Woche nahm die Intensität wieder zu. Ein Kamerateam des MDR wurde beschimpft. Manches, sagt der Bürgermeister Schmidt, erinnere ihn jetzt an die Flüchtlingskrise 2015. Woanders, in Dresden und Berlin, werden Entscheidungen getroffen, die hier nicht so recht passen. „Das halte ich für gefährlich“, sagt er. „Es treibt uns auseinander.“

Was würde ihm denn passen? „Testen, testen, testen“, sagt Schmidt. In seiner Stadtverwaltung müsse sich jeder zweimal die Woche testen, egal ob geimpft oder nicht. Schmidt schaut auf den Bergmann aus dunklem Holz neben seinem Schreibtisch, Annaberger Volkskunst. „Ich bin froh, dass wir einen Weihnachtsmarkt haben werden“, sagt er. „2G wird es dort nicht geben.“

An diesem Abend wird es auf dem Annaberger Markt ruhig bleiben. Nur eine kleine Versammlung, etwa 50 Personen, trifft sich etwas weiter oben im Ort. Im Licht einer Berglampe erzählt ein Redner wirre Theorien von tödlichen Impfungen („Wie kann man nur fürs Sterben zum Hausarzt gehen?“) und von korrupten westdeutschen Polizisten auf Querdenken-Demos („Die hatten sächsische Uniformen an, aber waren aus Stuttgart, Hannover, aus aller Welt. Das waren keine Sachsen.“)

Rechtsextreme Gruppe gewinnt Anhänger

Auf dem sozialen Netzwerk Telegram wachsen die Abonnentenzahlen des Kanals der rechtsextremen „Freien Sachsen“ täglich. Anfang der Woche waren es 75.000. Die Gruppe um den Chemnitzer Anwalt Martin Kohlmann und den NPD-Landratskandidaten Stefan Hartung versucht sachsenweit die Proteste zu dominieren. Sie bewerben die Montagsdemos und sie feiern auch eine Aktion, die unten in Aue im Stadion des Zweitligisten FC Erzgebirge Aue Schlagzeilen machte.

Zum letzten Heimspiel unter 3G-Bedingungen bezahlte der Kapitän der Mannschaft allen ungeimpften Fans ihren Corona-Test. Während des Spiels hielten Fans Banner hoch: „2G in Sachsen? Eure Intoleranz kotzt uns an!“ Und: „Kretschmer in den Westen, abschieben sofort.“

Auch in Stollberg, westlich von Annaberg-Buchholz, finanzierte ein Bürgermeister während der 3G-Zeit allen Ungeimpften seiner Stadt kostenlose Tests. „Wir wollen uns nicht spalten lassen“, sagt der Bürgermeister Marcel Schmidt. Er selbst hatte Corona, lag drei Tage mit Fieber im Bett. Bald ist seine Genesung sechs Monate her, er bräuchte dann eine Impfung. „Ich würde mich nicht impfen lassen“, sagt er. „Der Staat hat kein Recht, mir eine Lebensweise aufzudrücken.“

Unterschiedliche Meinungen im Erzgebirge

Man könnte meinen, dass man hier oben im Erzgebirge mit Solidarität nicht meint, sich impfen zu lassen. Sondern, dass Solidarität hier bedeutet, die Ungeimpften nicht auszuschließen. Es gibt auch Erzgebirger, die anders denken.

Carlos Kasper, 27, war an der Wintersport-Eliteschule im erzgebirgischen Oberwiesenthal und aktiver Rennrodler. Im September wurde er für die SPD in den Bundestag gewählt. Kürzlich hat sich Kasper mit einer Krankenschwester unterhalten, die nicht geimpft ist. Und die mit beiden Stimmen SPD wählte. „Es ist in Teilen Sachsens keine extreme Meinung, gegen die Impfung zu sein“, sagt er. „Man muss dafür nicht rechts sein.“

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Kasper selbst ist für 2G. Der Grund: Er sieht Impfungen als einzigen Weg raus aus der Pandemie. Alles, was Leute vom Impfen überzeugen könnte, würde dabei helfen. Er fordere daher auch, „dass sich die sächsischen Bürgermeister und Landräte endlich konsequent dahinter stellen.“

Am Montag ist Kasper unterwegs in seinen Heimatort Lichtenstein, an der westlichen Grenze des Erzgebirges. Er will eine Wirtin besuchen, die in der Facebook-Gruppe „Aufgewachsen und wohnhaft in Lichtenstein“ postete: „Das mit der 2G-Regel funktioniert einfach nicht.“ Gäste, die getestet und gesund seien, nicht zu bedienen, das sei „kranker Scheiß“.

Kasper: „Ich bin konfrontativ unterwegs“

Kasper will mit ihr sprechen. „Ich bin konfrontativ unterwegs“, sagt er. Er wolle erklären. Einige Stunden später wirkt er zufrieden. Noch andere Wirte waren dazu gekommen, es kam zu einem sachlichen Gespräch. „Ich war auf alles vorbereitet, auch Verschwörungstheorien“, sagt Kasper. „Aber die Diskussion war konstruktiv.“ Man war sich sogar in vielem einig. Darüber, dass es eine schwere Situation sei. Nicht darüber, wie man Corona am besten bekämpft.

Aber wer weiß das schon? Kasper sagt, er wolle das jetzt öfter machen, im Gespräch bleiben.

Noch ein letzter Besuch am Annaberger Markt, im Restaurant „Zum Neinerlaa“, was „Neunerlei“ bedeutet, einem traditionellen, fleischigen Weihnachtsessen aus neun verschiedenen Speisen. Drinnen ist niemand außer einer Wirtin, die sich als Gabriele vorstellt. Die 59-Jährige arbeitet seit vier Jahren hier.

Ein Ungeimpfter ist immer dabei

So leer, sagt Gabriele, sei es früher nie gewesen. Früher, also vor Corona. „Montag war mit unser stärkster Tag.“ Aber nun fielen eben einige durchs Raster, die Ungeimpften. „Es ist ja in jeder Runde einer dabei“, sagt sie. Und dann treffe man sich eben woanders. Man sei da, ja: solidarisch.

Einerseits verstehe sie es ja, sagt Gabriele. Dass Menschen bei einem neuen Impfstoff skeptisch seien. Im Erzgebirge vielleicht noch ein wenig skeptischer als anderswo. „Aber weiß ich, was Corona ist?“ Die Wirtin lacht. „Nach der Logik muss ich vor Corona doch auch Angst haben, oder?“

„Der macht seine Bude voll, während wir hier GG haben“

Dann fängt sie an, von Sven Müller zu erzählen, dem rebellischen Cafébetreiber auf der anderen Seite des Marktes. Die Wirtin, die viel lacht, spannt ihre Gesichtszüge an. Der Herr Müller, der sei ihr „bester Freund von hinten“, sagt sie. „Der macht seine Bude voll, während wir hier GG haben.“ GG, genesen und geimpft? Nee, sagt Gabriele. „GG, geener gommt.“

Am Samstag, als Sven Müller seinen und den Café-Geburtstag feierte, da klingelte am frühen Abend sein Handy, eine unbekannte Nummer. Eine Beamtin der Polizeidirektion Annaberg war dran. Sie bat Müller, einmal vor die Tür zu kommen. Unten vor seinem Café erwartete eine Polizeistreife Müller. Die Beamten hatten ihm die aktuelle Corona-Schutzverordnung ausgedruckt. Die für ihn wichtigen Stellen gelb markiert.

Man verabschiedete sich herzlich, so erzählt es Müller. Dann konnte die Party losgehen. Eine Strafe musste er noch nie bezahlen.

Von Josa Mania-Schlegel