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Mitteldeutschland Bundespräsident Steinmeier auf Leipzig-Besuch
Region Mitteldeutschland Bundespräsident Steinmeier auf Leipzig-Besuch
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20:43 26.03.2019
Oberbürgermeister Burkhard Jung (links) zeigt Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier (Zweiter von rechts) und dessen Gattin Elke Büdenbender den Nikolaikirchhof. Quelle: Foto: Hendrik Schmidt
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Leipzig

In den Leipziger Ambulanzen und Kliniken sind immer häufiger Patienten anzutreffen, deren Muttersprache nicht Deutsch ist. Das bringt auch Probleme für eine Einrichtung wie das Universitätsklinikum (UKL) mit sich, das 4062 Menschen beschäftigt – aus mittlerweile 60 Nationen. Wie das im Alltag funktioniert, konnten Ärzte und nicht-medizinisches Personal gestern einem besonderen Gast erzählen. Bundespräsident Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier besuchte das Klinikum gemeinsam mit seiner Frau Elke Büdenbender. „Zusammenleben im Einwanderungsland Deutschland – Chancen und Probleme im multinationalen Arbeitsumfeld“ war die Leipzig-Visite überschrieben, bei der Steinmeier sich auch mit Vertretern von Berufsverbänden, Gewerkschaften, des Jobcenters und des Migrantenbeirates traf. Vor dem Besuch im Klinikum trug er sich noch ins Goldene Buch der Stadt ein.

„Als Universitätsmedizin beschäftigt uns das Thema Zuwanderung in mehrerer Hinsicht, darunter mit Blick auf die Chancen, die sich daraus für die Fachkräftegewinnung ergeben“, erläuterte Professor Michael Stumvoll, kommissarischer Medizinischer Vorstand des UKL. Die Kliniken suchen inzwischen nach Pflegekräften im Ausland. Das Leipziger Klinikum hat hier bereits vor Jahren erste gute Erfahrungen mit OP-Pflegekräften aus Lettland gemacht. Eine davon ist Natalija Filimonava, die gut integriert ist. „Die Kollegen waren sehr geduldig. Fachlich habe ich keine Probleme“, erzählte sie.

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Schon zu DDR-Zeiten kam Professor Sirak Petros aus Äthiopien nach Leipzig. Er leitet heute die Interdiziplinäre Internistische Intensivmedizin. „Mit Patienten habe ich nie Probleme gehabt“, sagte er. Denn sie wollten vor allem wissen, welche Krankheiten sie haben und wie diese geheilt werden können. Ein Problem seien aber Sprachbarrieren, die sich mit der Zuwanderung der vergangenen Jahre verschärft haben. „Wir haben in der Notaufnahme oft syrische Patienten, die uns nicht verstehen“, ergänzte Viszeralchirurg Jonathan Philip Takoh, der ursprünglich aus Kamerun stammt. Es gebe zwar Dolmetscher. „Doch nachts ist nicht immer jemand da, der Arabisch spricht.“ Hinzu kommt: Diese Leistung muss das Klinikum selbst schultern. Sie wird nicht von den Krankenkassen übernommen. Die Herausforderung: Die Übersetzung muss rechtssicher sein. Oft geht es um komplexe medizinische Fakten. „Es ist nicht gut, wenn Arzt und Patient nicht miteinander kommunizieren können“, konstatierte Professor Holger Stepan, der die Abteilung für Geburtsmedizin leitet. Krasse Probleme im Kreißsaal gebe es dennoch nicht. Es komme eher selten vor, dass Männer aus religiösen Gründen ihre Frau nicht von einem Arzt untersuchen lassen wollen.

Das Klinikum bildet den erforderlichen Nachwuchs in seiner Medizinischen Berufsfachschule selbst aus. Dort lernen viele Schüler nicht-deutscher Nationalität. Dennoch gibt es großen Bedarf an Pflegepersonal und Hebammen.

Am Nachmittag hatte der Bundespräsident exakt 14 Bürger zu einer Kaffeetafel ins Café Central in der Reichsstraße eingeladen. Journalisten waren bei dem mehr als zweistündigen Gespräch nicht zugelassen. „Es ist keine Selbstverständlichkeit, jedenfalls nicht für jeden, dass Menschen unterschiedlicher Meinung sich als Teil derselben Gesellschaft fühlen“, sagte Steinmeier. „Zu oft und zu schnell wird derjenige, der anderer Meinung ist, als Feind abgestempelt.“ Das sei der Demokratie nicht zuträglich. Deshalb gebe es diese Kaffeetafel, um Argumente auszutauschen. Dabei habe man über Migration als Chance für den hiesigen Arbeitsmarkt gesprochen – etwa in der Gastronomie, im Gesundheits- sowie Transportwesen. „Es war ein kontroverses Gespräch.“ Das bestätigte Steffen Reichelt vom Verein Arbeit und Leben, der als Arbeitsmarktmentor inzwischen 280 Geflüchtete dabei unterstützt, in Lohn und Brot zu kommen. Darunter den ebenfalls anwesenden Syrer Fahed Rasheed, der eine Ausbildung zum Industrieelektriker machte und nun in Grimma arbeitet. „Das Gespräch war bereichernd und hat den Blick geöffnet“, sagte Mentor Reichelt. „Zuhören und gehört werden, das liegt dieser Kaffeetafel zugrunde. Es war eine freundliche und offene Atmosphäre. Trotz unterschiedlicher Meinungen“, konstatierte Jessica Reinhardt, Studienrätin aus Leipzig.

Von Mathias Orbeck