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Mitteldeutschland Herzog Joachim Ernst von Anhalt verhungert im Speziallager
Region Mitteldeutschland

Bewegendes Schicksal: Herzog Joachim Ernst von Anhalt verhungert im Speziallager

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08:01 30.07.2020
Joachim Ernst von Anhalt. Quelle: Repro Bernd Mandel
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Ballenstedt

Der dunkle Steinblock auf dem Vorplatz von Schloss Ballenstedt im sachsen-anhaltischen Landkreis Harz ist fast immer mit frischen Blumen geschmückt. Der mit einem Relief versehene Fels soll an Joachim Ernst von Anhalt (1901 bis 1947) erinnern, der hier auf seinem Stammsitz Ballenstedt die letzten Tage in Freiheit erlebte.

„Vor 75 Jahren, am 31. August 1945, wurde der Herzog durch den sowjetischen Geheimdienst NKWD verhaftet. Das traf den damals 44-jährigen Mann offenbar völlig überraschend, denn mit dem sowjetischen Stadtkommandanten verstand sich der Herzog so gut, dass beide gemeinsam in die Harzwälder zur Jagd gingen“, berichtet der Ballenstedter Lehrer und Historiker Karl-Heinz Meyer, der sich von Jugend an intensiv mit der langen Geschichte des Hauses Anhalt beschäftigt.

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Katharina die Große als Vorfahr

Dass Zarin Katharina die Große (1729–1796) zu den Vorfahren von Joachim Ernst von Anhalt zählte, schien den Russen in Ballenstedt wohl besonders zu gefallen. Der Herzog dachte gar nicht daran, seine Heimat zu verlassen. Um so mehr trafen die bei der Verhaftung vorgebrachten Anschuldigungen des berüchtigten NKWD den arglosen Schlossherrn. Sie reichten vom „Nazi-Verbrecher“ bis zum ausbeuterischen Großgrundbesitzer.

„Mein Vater war sich keinerlei Verfehlungen bewusst. Doch allein die Tatsache, dass er einem deutschen Uradelsgeschlecht angehörte, das bis 1918 zum regierenden Hochadel zählte, machte ihn in den Augen der Sowjets schuldig“, beschreibt Eduard Prinz von Anhalt die für den Verhafteten schier ausweglose Situation. Zunächst kam der Vater in das hallesche Gefängnis „Roter Ochse“. Von dort wurde er in das NKWD-Sonderlager Nr. 8 und dann nach Buchenwald deportiert.

Bildergalerie zu Joachim Ernst von Anhalt

In dem ehemaligen Nazi-KZ auf dem Ettersberg hatte Stalins Geheimpolizei das Speziallager Nr. 2 eingerichtet. Etwa 28 000 Menschen – vermeintliche Feinde der „neuen Ordnung“ – internierten die Sowjets dort bis 1950. Die Auswahl geschah willkürlich: schuldig gewordene Nazis ebenso wie Bürgerliche, Sozialdemokraten und sogar Kommunisten. „Ein Gerichtsurteil durch die Sowjets hat es für meinen Vater nie gegeben“, kommentiert Eduard von Anhalt die stalinistische Haft.

Leichnam wurde verscharrt

In Buchenwald starb dessen Vater am 18. Februar 1947 an Hungertyphus. Der Leichnam wurde am Rande des Lagers verscharrt. 60 Jahre nach seinem Tod konnte der letzte regierende Herzog von Anhalt symbolisch in Ballenstedt beigesetzt werden. Die Urne unter dem Steinblock enthält Erde aus einem der Massengräber, in dem die Toten des Speziallagers Nr. 2 liegen.

Mindestens 7000 Gefangene der Sowjets gingen in Buchenwald zwischen 1945 und 1950 zugrunde, vor allem am Hunger und daraus resultierenden Krankheiten. Mit der Beisetzung sei das Kapitel Verfolgung für ihn abgeschlossen, sagte der 1941 geborene Sohn 2007 nach der Trauerfeier dem Autor.

„Die Beugehaft im Nazi-KZ hatte Joachim Ernst von Anhalt überstanden. Auch deshalb wohl schlug er alle Warnungen seiner adeligen Nachbarn vor den Sowjets in den Wind und flüchtete nach dem Besatzerwechsel nicht in den Westen“, beschreibt Historiker Meyer die besondere Tragik. „Wie etliche seiner Standesgenossen verachtete der Herzog die braunen Machthaber. Aus dieser Haltung machte er keinen Hehl und zog sich den Zorn einflussreicher SS-Männer zu.“

1939 verurteilten Hitlers Schergen den Chef des Hauses Anhalt aus „politischen und weltanschaulichen Gründen“ zur Zwangsarbeit in der Firma Kolb/Dessau. Am 14. Januar 1944 folgte die Einweisung in das KZ Dachau. Nach seiner Entlassung aus der NS-Haft blieb Joachim Ernst von Anhalt unter argwöh­nischer Nazi-Aufsicht und wurde erneut zur Zwangsarbeit ver­pflichtet.

„Ein Teil später Gerechtigkeit“

Die Generalstaatsanwaltschaft der Russischen Föderation rehabilitierte Joachim Ernst von Anhalt aufgrund der Aktenlage am 10. Dezember 1992. Dies belegt dessen Unschuld. Für Eduard Prinz von Anhalt, der nach der Verhaftung des Vaters mit Mutter und Geschwistern mittellos in den Westen flüchtete, sei dies ein Teil „später Gerechtigkeit“, erklärt der Historiker Meyer. Doch hatte die Entscheidung keine Konsequenzen für die enteigneten Hinterbliebenen des Herzogs, die noch heute mit dem geschehenen Unrecht leben müssten.

„Nach dem Sieg über Deutschland richteten die Sowjets in ihrem Machtbereich sofort Sonderlager ein, zumeist in ehemaligen Konzentrations- oder Gefangenlagern. Mehr als 122 671 Menschen wurden interniert, 42 889 von ihnen kamen nach sowjetischen Angaben dort von 1945 bis 1950 ,infolge von Krankheiten‘ ums Leben“, schreibt Henning von Kopp-Colomb – zwischen 1989 und 2004 Vorsitzender des Verbandes „Der Sächsische Adel“ – im „Schicksalsbuch des Sächsisch-Thüringen Adels“, das eine Totenliste der in Speziallagern verstorbenen Adeligen enthält.

Von Bernd Lähne

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