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Mitteldeutschland Leipziger Amazon-Mitarbeiter streiken mitten im Weihnachtsendspurt
Region Mitteldeutschland Leipziger Amazon-Mitarbeiter streiken mitten im Weihnachtsendspurt
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22:37 17.12.2018
Haben bei Amazon wieder Position bezogen: die Streikposten von Verdi. Quelle: André Kempner
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Leipzig

Jetzt wird wieder gestreikt bei Amazon. Pünktlich zum Schlussspurt im Weihnachtsgeschäft bläst die Gewerkschaft Verdi im Leipziger Versandzentrum zum Ausstand. Bereits um Mitternacht legten am Montag die ersten Packer der Nachtschicht die Arbeit nieder, im Laufe des Tages stieg die Anzahl der Streikenden laut Verdi auf 400 an. Amazon selbst sprach von 370 Teilnehmern.

Und der Ausstand geht die ganze Woche weiter. „Wir streiken durch bis Heiligabend“, verkündet selbstbewusst Verdi-Streikleiter Thomas Schneider. Auch in Werne in Nordrhein-Westfalen wird seit Montage gestreikt, anders als in Leipzig zunächst aber nur bis Dienstag. Weitere der bundesweit zwölf Standorte könnten im Laufe der Woche folgen.

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Amazon sieht keine Gefahr für Weihnachtspakete

Müssen Amazon-Kunden jetzt um ihre Weihnachtspakete bangen? Leipzigs Standortleiter Dietmar Jüngling gibt sich betont entspannt. „Die Geschenke kommen pünktlich an. Da muss sich niemand Sorgen machen.“ Schließlich habe man inzwischen Erfahrung damit, sich auf Unwägbarkeiten vorzubereiten, sei es das schwankende Bestellverhalten, das Wetter – oder eben die Streiks, zu denen Verdi seit mehr als fünf Jahren immer wieder aufruft.

Anders als bei früheren Streiks präsentiert sich der Versandriese demonstrativ offen, lässt bereitwillig Journalisten und Kamerateams ins Versandzentrum. Vorne in der großen Halle werden Pakete gepackt, hinten an der Verladerampe die Lkw von DHL, Hermes & Co. beladen. „Hier läuft alles ganz normal weiter“, sagt Jüngling zufrieden. „Der Streik hat keinerlei Auswirkungen.“ Mehr als drei Viertel der Mitarbeiter seien ganz regulär auf Arbeit erschienen.

500 Aushilfen verstärken die Mannschaft

Und Arbeit gebe es genug. „Wir haben gut zu tun“, sagt der Chef. Denn die Zeit vorm Fest gilt traditionell als umsatzstärkste im ganzen Jahr. Zusätzlich zu den 1700 Festangestellten hat Jüngling knapp 500 Saisonkräfte fürs Weihnachtsgeschäft an Bord geholt. Das seien aber deutlich weniger als in früheren Jahren, berichtet Betriebsratschef Thomas Rigol, der ebenfalls im Streikzelt vor dem Eingang ausharrt.

„Im vergangenen Jahr hatten wir 1800 Saisonkräfte.“ Und die, so ist zu hören, hätten damals kaum etwas zu tun gehabt. „Es gab am Ende gar nicht genug Arbeit für alle.“ Offenbar hatte Amazon schon vor einem Jahr mit einem großen Ausstand gerechnet, wie es ihn schon 2013, 2014 und 2015 gegeben hatte.

Verdi rechnet mit spürbaren Auswirkungen

Doch im vergangenen Jahr fiel der Ausstand vorm Fest dann bescheiden aus. Es wurde nur kurz gestreikt. „Da hat Amazon viel Geld verbrannt“, glaubt Streikleiter Schneider. Deshalb habe man nun wohl gleich weniger Saisonkräfte angeheuert. „Wenn da jetzt 400 Kollegen fehlen, wird sich das schon bemerkbar machen. Wir werden sehen, ob das Versprechen, bis zum Weihnachtsabend alle Sendungen pünktlich auszuliefern, haltbar ist.“

Und wenn es Amazon mit viel Aufwand doch schaffe, sei das auch gut. „Wir wollen ja nicht den Kunden das Fest vermiesen, sondern nur dem Management das Leben schwer machen.“

Seit Mai 2013 steht der Verdi-Mann regelmäßig mit den Streikenden vor dem Versandzentrum im Norden Leipzigs. Die Gewerkschaft will damit Tarifverhandlungen durchsetzen – die der US-Konzern kategorisch ablehnt. Erreicht habe man trotzdem schon einiges: Der Stundenlohn wurde Stück für Stück angehoben – auf inzwischen 10,78 Euro. Seit 2013 zahlt Amazon 400 Euro Weihnachtsgeld.

Versandriese zahlt Durchhalteprämie

Und seit 2015 gibt es obendrauf noch 200 Euro Zulage für alle, die vor Weihnachten durchziehen – „sozusagen als Streckbrecherprämie“, wie einer der Streikenden spöttisch sagt. Vom Tariflohn, der bei 11,99 Euro liegt, sei man gar nicht mehr so weit entfernt, stellt Scheider fest. „Umso unverständlicher ist es, dass Amazon partout keinen Tarif will.“

Schon vor fünf Jahren hatte Amazon-Deutschland-Chef Ralf Kleber klar gemacht, dass es bei dem Konflikt gar nicht so sehr ums Geld geht. Von Gewerkschaften will der US-Konzern aus Prinzip nichts wissen. Daran hat sich nichts geändert. „Als guter und verantwortungsbewusster Arbeitgeber können wir unseren Mitarbeitern eine gute Leistung anbieten – auch ohne Tarifvertrag“, sagt Standortleiter Jüngling. „Wir haben immer den Anspruch, am oberen Ende der Branche in der Region zu zahlen. Und das tun wir auch.“ Die meisten seiner Mitarbeiter seien auch hochzufrieden.

Chef packt letztes Paket selbst

Das sieht Verdi-Mann Schneider anders. Mitarbeiter würden streng überwacht, Gewerkschafter gezielt aus dem Unternehmen gedrängt. Trotzdem sei mehr als jeder dritte Festangestellte bei Verdi Mitglied. Am Ende gehe es um eine Grundsatzfrage: „Nur bei einem echten Tarifvertrag können die Mitarbeiter auf Augenhöhe mitbestimmen. Nicht so wie jetzt, wo der Arbeitgeber in Gutsherrenart festlegt, was er für angemessen hält.“

Gearbeitet wird im Leipziger Versandzentrum noch bis Heiligabend. „Wir arbeiten bis 24. Dezember, so lange bis das letzte Paket verladen ist“, sagt Jüngling. „Spätestens 15 Uhr ist dann aber Schluss.“ Und die letzte Bestellung werde er höchstpersönlich bearbeiten. „Das letzte Paket packe ich traditionell selbst. Und wenn es mit Geschenkverpackung bestellt wird, packe ich es auch als Geschenk ein.“

Von Frank Johannsen