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Mitteldeutschland Absturz bei der Landtagswahl: Die neuen Leiden der Thüringer SPD
Region Mitteldeutschland Absturz bei der Landtagswahl: Die neuen Leiden der Thüringer SPD
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20:03 27.10.2019
Besucher der SPD-Wahlparty, darunter die Landtagsabgeordneten Denny Möller (Mitte) und Diana Lehmann (rechts), verfolgen die erste Hochrechnungen. Quelle: Sebastian Willnow/dpa
Erfurt

Sonntag, 18 Uhr, dunkle, schwere Regenwolken über Erfurt. Die Thüringer SPD trifft sich zu einer Wahlparty, von der alle bereits vorher wissen, dass es wenig Grund zum Feiern geben wird. Im Mittelalter war das Kulturzentrum Engelsburg in der Altstadt, wo die Genossen nun gebannt auf die Leinwand starren, als „Elendsherberge“ bekannt. Und ausgerechnet im „Café DuckDich“ nehmen die SPD-Mitglieder das Wahlergebnis entgegen. Ist die Wahl eines solchen Veranstaltungsortes bereits Galgenhumor?

Vor fünf Jahren schafften es die Landesverbände der Sozialdemokraten in Sachsen und Thüringen immerhin noch auf 12,4 Prozent. Die 7,7 Prozent der Sachsen-SPD unter Martin Dulig vor wenigen Wochen deuteten aber bereits an, wie tief der Schacht sein kann. Die ersten Hochrechnungen kurz nach 18 Uhr bestätigen dann schlimmste Prognosen: es wird einstellig. Ein Raunen, ein Seufzen in der gequälten Menge. Das wiederholt sich noch einmal, als das Grünen-Ergebnis bekannt wird. Die Basis erstarrt im blanken Entsetzen, starrt wie das Kaninchen auf die Schlange. „Wenn wir zu hoffen aufhören, kommt, was wir befürchten, bestimmt“, hat der Philosoph Ernst Bloch gesagt.

„Es war ein schwerer Kampf“

Spitzenkandidat Wolfgang Tiefensee (64) wusste um die „Herkulesaufgabe“. 18.10 Uhr beendet er das betretene Schweigen, springt er forsch auf die Bühne und beschwört die Geschlossenheit. In seinem Schlepptau Innenminister Georg Maier. Die allgemeine Lähmung löst sich in erleichtertem Beifall auf. Als wäre der Albtraum nun auf einmal zu Ende. „Ich weiß, es war ein schwerer Kampf“, ruft Tiefensee, nachdem der Beifall verklungen ist. Pathos ist ihm nicht fremd. „Wir sind enttäuscht über das Ergebnis, aber wir stecken den Kopf nicht in den Sand.“ Die SPD sei nach wie vor wichtig als eine Partei, die Ungerechtigkeiten beseitigt. Nun müsse die Zeit genutzt werden, um wieder Vertrauen zu gewinnen. Erleichterter Beifall dankt ihm.

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Die Thüringer wollten die Fortsetzung von Rot-Rot-Grün, sagt Tiefensee und schränkt ein: „Okay, es fehlen ein paar Prozentpunkte.“ Die Koalition habe eine tolle Arbeit geleistet, aber letztlich sei die SPD Opfer der Polarisierung der beiden politischen Lager in Thüringen geworden.

Der Hüne (1,93 Meter), der das Gesicht seiner Partei geworden ist, wird einmal mehr zum Fels in einer nicht enden wollenden Brandung, die vom Groko-Chaos und der Suche nach einem neuen Führungsduo aus Berlin herüber schwappt. Sieben Jahre war er Oberbürgermeister in Leipzig, vier Jahre Bundesverkehrsminister. Manch einer rümpfte die Nase, als der gebürtige Geraer in die Provinz nach Thüringen ging. Doch Tiefensee berappelte sich, wurde Wirtschaftsminister und SPD-Landeschef. Spätestens da verging den Spöttern das Grinsen. Nun ist er der Hoffnungsträger, um den sich die traumatisierte Basis schart.

Wolfgang Tiefensee (Mitte) versucht sich auf der Wahlparty an einer Einordnung. Quelle: Sebastian Willnow/dpa-Zentralbil

Immer wieder: die GroKo

Nach zehn Minuten sind Tiefensee und Maier wieder weg. Der nächste Termin wartet. Draußen regnet es weiter ohne Ende. Ach, ja, die Groko, diskutieren die Genossen beim ersten Wahlergebnisverdauungsbier. Wenn es bis zum Wahltag zur Einigung über die Grundrente gekommen wäre – wer weiß. Hätte, hätte, Fahrradkette.

Von der Mitgliederzahl her ist die Thüringen-SPD ja stabil. Landesgeschäftsführerin Anja Zachow zählte Ende September exakt 3786 Genossen. 2014 waren es zwar schon mal knapp über 4000, aber zwischendurch auch weniger. Und ihr Fraktionschef Matthias Hey kommt ausgerechnet aus Gotha, wo die Partei ihre Wurzeln hat, wo ihre Wiege steht. 1875 vereinigten sich hier die Sozialdemokratische Arbeiterpartei August Bebels und der Allgemeine Deutsche Arbeiterverein Wilhelm Hasenclevers. 1890 dann benannte sich die neue Sozialistische Arbeiterpartei in Sozialdemokratische Partei Deutschlands um. Für Hey eine Verpflichtung. Er war von Anfang an gegen die Groko in Berlin und hat nie ein Hehl daraus gemacht. Auf „Licht am Ende des Tunnels“ hatte Hey gehofft. Vergeblich.

Kein Grund zur Nüchternheit

Wundenlecken ist mal wieder angesagt. Ein Juso sagt: „Heute morgen habe ich nach der gestrigen Party noch überlegt, ob es Sinn macht, wieder nüchtern zu werden. Die Antwort ist nein.“ Thomas Jakob, Direktkandidat aus dem Kreis Hildburghausen, der in Themar den Rechtsradikalen die Stirn bot, hat andere Sorgen: „Mindestens genauso schockierend wie unser Wahlergebnis ist das der Grünen. Wir hätten gern die Koalition fortgesetzt.“ Er hofft, dass es jetzt in seiner Partei keine Selbstzerfleischung geben wird.

Diesen Satz hatte Heike Taubert auch gebraucht, als die SPD vor fünf Jahren schon einmal einbrach. Damals war sie die Spitzenkandidatin. Und keiner konnte sich auf der Wahlparty vorstellen, dass es noch tiefer in den Keller gehen könnte. Taubert wurde im Kabinett Ramelow Finanzministerin.

Auch SPD-Chef Tiefensee würde als Wirtschaftsminister gern weitermachen. Das Ergebnis auf der Videoleinwand gibt es nicht her. Dass Thüringen die niedrigste Arbeitslosenquote im Osten erreicht hat – die Wähler haben es nicht honoriert. Vielleicht muss sich Tiefensee ein weiteres Mal neu erfinden.

Von Roland Herold

Thüringen hat gewählt und die Linke ist klarer Wahlsieger. Die Partei von Ministerpräsident Bodo Ramelow kam auf 31 Prozent der Stimmen. Die AfD zieht an der CDU vorbei und schafft mit 23,4 Prozent Platz zwei, die Union stürzt auf 21,8 Prozent ab.

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