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Mitteldeutschland Abriegelung? Diese Erfahrung hat die Stadt Jessen schon gemacht
Region Mitteldeutschland

Abriegelung wegen Corona? Die Stadt Jessen hat damit schon Erfahrung

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15:29 17.12.2020
Wegen der hohen Anzahl von Coronavirus-Infizierten standen zwei Ortsteile der Stadt Jessen (Elster) in Sachsen-Anhalt Ende März 2020 unter Quarantäne.
Wegen der hohen Anzahl von Coronavirus-Infizierten standen zwei Ortsteile der Stadt Jessen (Elster) in Sachsen-Anhalt Ende März 2020 unter Quarantäne. Quelle: Jan Woitas/dpa
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Leipzig/Jessen

Sachsens Landesregierung prüft weitere Maßnahmen, um die Corona-Pandemie einzudämmen. Auch über eine Abriegelung besonders betroffener Kommunen wird Berichten zufolge diskutiert - obgleich sie laut Regierungschef Michael Kretschmer (CDU) derzeit nicht anstehen. Die Stadt Jessen in Sachsen-Anhalt hat diese Erfahrung schon im Frühjahr gemacht: Zwei Ortsteile wurden knapp zwei Wochen lang weitgehend abgesperrt. Ihr Bürgermeister Michael Jahn äußert sich im dpa-Interview zu den Erfahrungen damals.

Frage: Wie hat die Abriegelung damals geklappt?

Antwort: Das war für uns eine ganz besondere, neue und schwierige Zeit. Es war aber keine Quarantäne, sondern eine teilweise Abriegelung der Stadt. Eine komplette Abriegelung ist meiner Meinung nach nur für einen kleinen Bereich - einen Block, ein Pflegeheim, vielleicht auch ein einzelnes Wohngebiet - möglich.

Wer hat die Zufahrtsstraßen gesperrt?

Wir haben zuerst auf das Ehrenamt zurückgegriffen, also die Feuerwehr. Später kamen dann das THW und die Polizei begleitend dazu. Ich sage das nicht unkritisch, dass der Staat nur in der Lage ist, etwas umzusetzen, wenn das Ehrenamt hinzugezogen wird. Wir hatten am Ende drei Sperren mit Menschen besetzt, der Rest waren Nizza-Sperren. Es war kein Chaos, aber es war eine sehr anspruchsvolle Geschichte, das zu organisieren.

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Wie haben die Einwohner damals mitgespielt?

Die Einwohner waren überwiegend verunsichert, aber sie haben die Sache mitgetragen. Teilweise war das verbunden mit tragischen Einzelschicksalen - zum Beispiel ein schwerer Behandlungsfall in der Charité und die Angehörigen durften nicht raus und nicht rein. Eine Belastung für die Firmen war es sowieso, denn es musste immer die Systemrelevanz abgeklärt werden.

Rund 8000 Menschen waren von der Quarantäne in Jessen im Frühjahr betroffen. Quelle: Jan Woitas/dpa

Was sind aus Ihrer Sicht die Probleme einer solch drastischen Maßnahme?

Die gefühlte Ungleichheit, es kommen immer Emotionen ins Spiel. Es ist unmöglich, eine lebensnahe Konsequenz zu machen. Aber man muss auch sagen: Die teilweise Abriegelung war ein Erfolg, die Zahlen sind runtergegangen. Für mich als Bürgermeister war es ein Kommunikationsmarathon.

Wie war damals die Stimmung in der Stadt?

Man hat es akzeptiert. Im ländlichen Bereich ist eine große Disziplin zu spüren, auch jetzt wieder. Das liegt sicher auch an den Lebensumständen, die anders sind als in der Stadt. Man hat seinen Garten, man kann raus mit dem Hund, man kann sich vernünftig bewegen.

Angenommen Jessen hätte heute Inzidenzen wie manchen Kommune in Sachsen - würden Sie hinter einer zweiten Abriegelung stehen?

Ich gucke natürlich rüber nach Sachsen. In Jessen würde ich Jessen und Schweinitz nicht nochmal von den anderen Ortsteilen abtrennen, das ist logistisch in einer Stadt mit 44 Ortsteilen kaum machbar. Eine wirksame Abriegelung kann man nur in einem überschaubaren Bereich machen. Für einzelne Dörfer im Erzgebirge kann ich mir das vorstellen. Aber das Wichtigste ist Aufklärung und Warnung. Wie brauchen Verstand in der Bevölkerung.

Von RND/dpa