Treibgut-Entsorgung: Wohin mit den Seegras-Bergen?
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Der Osten Probleme am Strand: Wohin mit den Seegras-Bergen?
Region Der Osten

Treibgut-Entsorgung: Wohin mit den Seegras-Bergen?

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19:09 06.10.2021
Seegras-Trocknung in Boltenhagen: Mehr als die Hälfte ist Sand, das Sickerwasser muss gesondert entsorgt werden.
Seegras-Trocknung in Boltenhagen: Mehr als die Hälfte ist Sand, das Sickerwasser muss gesondert entsorgt werden. Quelle: Gerald Kleine Wördemann
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Rostock

An manchen Tagen liegt es meterhoch am Strand, sein stechender Geruch vergrault empfindliche Badegäste: Seegras stellt viele Ostseebäder in Mecklenburg-Vorpommern vor ein ernsthaftes Entsorgungsproblem. Mehr als 320.000 Kubikmeter der entwurzelten Meerespflanzen landen Schätzungen zufolge jährlich an den Küsten im Nordosten, berichtet die „Ostsee-Zeitung“. Die Beseitigung ist dem Bericht zufolge teuer. Allein das Ostseebad Sellin auf Rügen muss im Jahr bis zu 100.000 Euro für Einsammeln und Aufbereitung ausgeben. Landesweit dürfte eine Millionensumme zusammenkommen.

„Andere Seebäder lassen es einfach liegen“, klagt Sellins Bürgermeister Reinhard Liedtke. Weil das Ostseebad seinen Gästen einen sauberen Strand bieten möchte, wird das Seegras in Sellin bei der täglichen Strandreinigung mit dem Radlader weggeschafft. Vermischt mit Stroh landet das sogenannte Treibsel – das neben Seegras auch aus Algen und viel Sand besteht – nach einer Trocknungszeit als Kompost auf Feldern.

Beseitigung von Seegras ist „verflucht teuer“

Die Entsorgungsmöglichkeiten sind überall knapp, berichtet Diplomgeologe Kai Ahrendt von der Universität Kiel, der seit Jahren erforscht, was sich mit dem angespülten Seegras an der Ostseeküste anfangen ließe. „Die Deponien nehmen es nur ungern, Biogasanlagen wollen es auch nicht“, sagt er. Viele Bauern lehnen den Einsatz als Hilfsdünger ab, weil sie zu Unrecht glauben, das Material enthalte viel Salz, das ihren Pflanzen schade. Tatsächlich ist der Salzgehalt verschwindend gering. Jene Landwirte, die es dennoch tun, lassen sich dafür bezahlen. Hinzu kommen Kosten fürs Einsammeln, Lagern und die vorgeschriebenen Untersuchungen auf Schadstoffe. „Die Beseitigung ist verflucht teuer“, sagt Ahrendt.

Riesiger CO2 -Speicher: Seegras-Wiese auf dem Grund der Ostsee. Quelle: Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde/ S. Kube

Wohin mit der feuchten Masse von den Stränden? Seegras wächst auf großen Flächen im Meer und ist als riesiger CO2-Speicher äußerst klimafreundlich. Bei Sturm lösen sich allerdings größere Mengen, treiben im Wasser und landen schließlich an den Küsten. Nach geltendem Recht können die Seebäder die grünen Berge einfach ignorieren und liegen lassen. In Ahrenshoop beispielsweise werde wegen günstiger Strömungsbedingungen kaum etwas angeschwemmt. Wenn doch, verschwinde es meist nach kurzer Zeit wieder von selbst in der Ostsee, erklärt Bürgermeister Benjamin Heinke (CDU).

Sand macht die Hälfte aus

Wenn das nicht ausreicht, wird es kostspielig. Mehr als eine Million Euro, das meiste davon Fördermittel, gab Boltenhagen vor vier Jahren für seinen Seegras-Sammelplatz aus. Das Ostseebad ist besonders stark betroffen, in machen Jahren sammelt der Radlader am Strand mehr als 10.000 Tonnen Seegras am Strand auf. Der Sammelplatz erfüllt alle nötigen Voraussetzungen. So muss beispielsweise das beim Trocknen entstehende Sickerwasser aufgefangen und gesondert entsorgt werden.

Regelmäßig kontrolliert ein Messlabor den Gehalt möglicher Schadstoffe, erklärt Bauhofleiter Christian Würtz. Am Ende jeder Saison wird der Sand, der weit mehr als die Hälfte der Gesamtmasse ausmacht, ausgesiebt und kommt zurück zum Strand. Was sich wiederum lohnt, denn Sand ist knapp und teuer. Das übrig gebliebene Seegras landet auf den Feldern eines Landwirtschaftsbetriebs in der Nähe.

Treibsel ist ein begehrter Rohstoff

Der Landwirt und Komposthersteller Martin Staemmler aus Sandhagen (Landkreis Rostock) sucht seit 30 Jahren nach der besten Verwertungsmöglichkeit für Seegras und Treibsel. Er verarbeitet das Treibgut zu hochwertiger Pflanzerde, seine Firma Hanseatische Umwelt CAM ist an Forschungsprojekten mit den Universitäten Rostock und Kiel beteiligt. Seiner Meinung nach behindern die Behörden die beste Lösung. „Seegras ist ein begehrter Rohstoff“, sagt Staemmler. Es dient beispielsweise als Biodämmmaterial oder hochwertige Matratzenfüllung. Aber der Markt dafür sei komplett leer, trotz der riesigen Berge an den Stränden.

Mit schwerem Gerät: Einsammeln von Seegrashaltigem Treibsel am Strand. Quelle: Sabine Hügelland

Viel sinnvoller wäre laut Staemmler, das Seegras bereits mit Greifern aus dem Wasser zu fischen, bevor es die Strände verschmutzt. Doch das ist in Deutschland nicht erlaubt. Anders als in Dänemark, wo sich rund um die Wasserpflanzen ein florierender Wirtschaftszweig entwickelt hat. Angespültes Seegras ist für eine anspruchsvolle, industrielle Weiterverarbeitung als Rohstoff zu stark verunreinigt. Notgedrungen sucht Staemmler sein Glück jetzt auch in der Ferne und prüft, ob er sauberes Seegras und Algen aus Marokko und Nigeria importieren kann. Die müffelnden Berge an den Stränden von MV werden davon nicht kleiner.

Von Gerald Kleine Wördemann/RND