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Wissen Wissenschaftler in Dresden erforschen das „Gewollte Nicht-Wissen“
Nachrichten Wissen Wissenschaftler in Dresden erforschen das „Gewollte Nicht-Wissen“
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21:00 26.01.2017
Professorin Dagmar Ellerbrock von der TU Dresden. Quelle: TUD/Amac Garbe
Dresden

Claus Weselsky sorgte für den Durchbruch: Als der Chef der Lokführergewerkschaft in einem Rundfunk-Interview erklärte, warum er seine Stasi-Akte gerade nicht einsehen will, verflogen bei Dagmar Ellerbrock die letzten Zweifel. Der Professorin für Neuere und Neueste Geschichte an der TU Dresden war klar, die Erforschung des „Gewollten Nicht-Wissens“ ist eine hochinteressante Frage.

Jetzt befasst sich ein Forschungsprojekt, das die TU Dresden gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Bildungsforschung (MPIB) in Berlin betreibt, und an Ellerbrocks Lehrstuhl angesiedelt ist, mit den „Kontexten, Gründen und Auswirkungen der Nichteinsichtnahme in die eigenen Unterlagen beim Ministerium für Staatssicherheit“. Die Anregung dazu kam von Prof. Ralph Hertwig. Der Direktor am MPIB ist Experte für die kognitiven Grundlagen menschlichen Entscheidens. Doch Ellerbrock hatte zunächst Bedenken, das Projekt könnte in die Nähe von Verdrängung oder Deckel-drauf-Debatten gerückt werden, mehr als zwei Jahre diskutierten die Wissenschaftler Projektdesign und Methodik bis zum eigentlichen Projektstart 2016.

Seit 25 Jahren sind die MfS-Akten auf Antrag für jedermann zugänglich. Dennoch verzichteten viele Menschen bis heute auf einen Blick in die Unterlagen. Weselsky erklärte, er würde nicht in seine Akten schauen, weil darin womöglich Menschen auftauchen könnten, mit denen er noch zusammenarbeiten müsse. In Pilotinterviews haben die Wissenschaftler Hinweise auf weitere Motive gefunden: Furcht vor Vertrauensverlust gegenüber Mitmenschen, die Angst, anderen die Spitzelarbeit für die Stasi nicht verzeihen zu können. Misstrauen gegenüber den Berichten könnte genauso eine Rolle spielen, wie der weitere Lebensweg nach der Wende. Für manchen war das Thema weit weg, gewinnt möglicherweise durch den Ruhestand oder den Tod von Angehörigen jedoch wieder an Bedeutung. Auch das, was die Forschung eine „nachgeholte DDR-Identität“ nennt – so Ellerbrock - könne zu den Motiven gehören. In Opposition zur west-medialen Berichterstattung nach der Wende empfanden einige, die Akteneinsicht als Beitrag zu dieser DDR-Kritik, an der sie sich nicht beteiligen wollten. Andere meinen, sie bräuchten nicht die Stasi-Akten, um sich ihr Leben erklären zu lassen. Auch die Erkenntnis, gar nicht in den Archiven vorkommen, sei eine Einsicht, die manche vermeiden wollen. Bisweilen scheiterte die Akteneinsicht aber auch nur, weil viele nicht genau wissen, wie das Prozedere ist oder die Unterlagenbehörde nicht gerade vor der Haustür liegt.

In 30 bis 50 Zeitzeugeninterviews soll den Motiven für die „Nichteinsichtnahme“ weiter auf den Grund gegangen werden. „Die Entscheidung muss ja immer wieder bestätigt werden“, erläutert Ellerbrock. Der Blick in Akten ist dagegen ein einmaliger Entschluss. Die Wissenschaftler aus Dresden und Berlin wollen wissen, wann die Entscheidung gefallen ist, ob sie sich über die Jahre verändert hat, welche Erwartungen und welche Befürchtungen damit verbunden werden. Aus historischer Perspektive gehe es unter anderem auch darum, einen „emotionshistorischen Blick auf die DDR und auf Transformationsprozesse“ zu werfen. Die sogenannten qualitativen Interviews, für die genügend Zeit eingeplant werde und auch Besuche bei Gesprächspartnern außerhalb der näheren Region möglich seien, sollen später die Basis bilden für quantitative Befragungen, die landläufig als „Umfragen“ bekannt sind.

Ellerbrock kam wohl lediglich 1986 bei einem DDR-Besuch mit Klassenfahrt nach Dresden vermutlich mit der Stasi in Berührung - zumindest habe damals eine Begleiterin im Reisebus ein sehr auffälliges Verhalten an den Tag gelegt. Alle bisher interviewten Zeitzeugen sprachen sich für eine grundsätzliche Offenlegung der Akten aus, auch wenn sie persönlich für sich die Entscheidung getroffen hatten, Ihre Akte nicht einzusehen. Und mancher, der wie Gewerkschafter Weselsky bislang nichts von seinen Akten wissen wollte, macht sich inzwischen Gedanken darüber, doch eine Einsichtnahme zu beantragen.

Interessenten können sich jederzeit bei Dorothea Möwitz und Christiane Steigel an der TU Dresden melden. Beide werden die Interviews führen und stehen als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung: Tel.: +49 (0) 351 463-39716 (erreichbar Mo-Mi von 9 – 18 Uhr) E-Mail: research_nng@mailbox.tu-dresden.de;Weitere Informationen zur Studie gibt es unter: www.tu-dresden.de/gsw/gewolltes_nichtwissen

Von Ingolf Pleil

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