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15:00 07.01.2019
Klatschen ist ein universeller Ausdruck von Zustimmung und Lob für einen Performer, das lauteste Geräusch, das Menschen neben dem Schreien von sich geben können. Quelle: Getty Images
Frankfurt

Applaus zu bekommen fühlt sich wundervoll an. Zu applaudieren aber auch. Jutta Toelle ist Musikwissenschaftlerin und forscht am Frankfurter Max-Planck-Institut für empirische Ästethik. Seit fast zehn Jahren beschäftigt sie sich mit dem Thema Applaus. Im Interview erzählt sie unter anderem, warum wir überhaupt klatschen.

Applaus: Warum klatschen wir?

Weil wir uns für etwas bedanken wollen, und es nicht möglich ist, dass sich jeder in einem Konzertsaal oder einem Stadion bei den Akteuren persönlich bedankt. Der Applaus ist auch ein Signal, das anzeigt, dass etwas zu Ende ist. Wir klatschen, wenn die Illusion vorbei ist und wir wieder in der Realität angekommen sind. Er ebnet den Weg in den Alltag. So etwa, wie wenn im Kino das Licht wieder angeht. Nicht zu unterschätzen ist bei Klassikkonzerten oder Theateraufführungen, dass sich die Menschen nach langem schweigendem Sitzen förmlich danach sehnen zu klatschen, um ihren Bewegungsdrang zu stillen und aus ihrer passiven Rolle herauszukommen. Eine Art Entladung von Anspannung.

Ist das Klatschen eine Art Befreiung?

Ja und Nein. Es ist eine Art kontrollierter Ausbruch, der aber gleichzeitig die Konvention bekräftigt. Denn wer klatscht, fügt sich im Grunde in die Rolle, die ihm – auch räumlich – zugewiesen ist: Der Zuschauer klatscht für den Schauspieler auf der Bühne, der Fan für den Spieler auf dem Rasen, der Passagier für den Piloten im Cockpit.

Woher kommt das Klatschen?

Schon in der griechischen Mythologie findet sich ein Satyr namens Krotos, der bei den Musen wohnt und nach ihren Vorstellungen Beifall klatscht. Der Name Krotos bedeutet übrigens auch „Klatschen“ oder „Stampfen mit dem Fuß“. Bei den Römern endeten viele Theaterstücke mit der Aufforderung des Sprechers „plaudite!“, also „klatschet!“. Hier war das Beifallspenden bereits etabliert, auch die Kaiser wurden mit Applaus begrüßt. Es gab aber auch mehr Interaktion zwischen Publikum und Bühne, es wurde geschrien und gejubelt, geweint und gelacht, mitgesungen, mitgespielt, gepfiffen, gescharrt und getrampelt. Erst später, im 19. und frühen 20. Jahrhundert, reduzierten sich die Publikumsreaktionen auf mehr oder weniger starken Beifall.

Trampeln oder Pfeifen: Ist das klassische Klatschen auf dem Rückzug?

In manchen Bereichen sicher, denn es ist alles viel lauter geworden, da geht das Klatschen richtiggehend unter. Zum Beispiel im Fußballstadion, wo nach einem Tor laute Musik eingespielt wird und Trommeln, Tröten oder Fangesänge eine starke Geräuschkulisse bilden. Bei Rock- oder Popkonzerten ist spätestens seit den Beatles das Kreischen und Brüllen auf dem Vormarsch. Der wichtigste Grund für den Rückgang sind aber die Smartphones. Wer ständig eine Hand hochhält, um die Bühne zu filmen, kann schlecht klatschen. Der Rocksänger Jack White stellt bei seinen Konzerten jetzt sogar verschließbare Beutel zur Verfügung, in die die Gäste ihre Handys stecken müssen und die erst nach dem Konzert wieder geöffnet werden können.

Was ist am Applaus so faszinierend?

Er ist ein Urgeräusch, das lauteste Geräusch, das Menschen neben dem Schreien von sich geben können. Das ist fast weltweit so, es ist ein universeller Ausdruck von Zustimmung und Lob für einen Performer. Und Beifall ist so vielschichtig: unstrukturiert, tosend, frenetisch, erlösend, auf- und abebbend, höflich. Der Komponist Karlheinz Stockhausen hat den Beifall einmal als eine „starke Wärmewelle vom Parkett auf das Podium“ beschrieben. Applaus ist wie eine hörbare Umarmung, ein akustischer Dank an die Performer. Es ist eine Art Lohn oder Trinkgeld, bestehend aus Geräuschen. Ein kollektives Soforturteil.

Andere Länder, anderer Applaus?

Auf jeden Fall. Italienische Opernbesucher klatschen begeisterter und weniger „diszipliniert“ als die Deutschen. In den USA sind Standing Ovations weiter verbreitet als hier bei uns. In Osteuropa wird oft schneller rhythmisch geklatscht. Einmal besuchte ich in Schanghai eine vier Stunden lange chinesische Oper. Ich habe bis zum Schluss nicht verstanden, warum, wann und wie stark geklatscht werden musste. In Frankreich gab es ab dem Beginn des 19. Jahrhunderts sogar Berufsklatscher, die Claqueure, die gegen Geld die Stimmung anheizten, so in etwa wie heute die „Warm-Upper“ vor Livesendungen, die das Publikum an den richtigen Stellen anheizen und zum Beifall animieren. Und dann gibt es natürlich noch all die Regeln: beim Klassikkonzert nicht zwischen den Sätzen klatschen, in der Kirche nur, wenn ein Gospelchor auftritt, beim Jazzkonzert gern mal zwischendurch nach starken Soli der Künstler.

Haben Sie einen Lieblingsapplaus?

Es gibt natürlich historische Rekordbeifallskundgebungen, zum Beispiel 1980, als nach einer Aufführung der Wagner-Oper „Götterdämmerung“ in Bayreuth die Zuhörer mehr als 90 Minuten lang Beifall spendeten. Oder Pavarotti, der 1988 in Berlin 67 Minuten lang beklatscht wurde. Das sind ganz besondere Momente. Ich persönlich klatsche sehr gern in der Oper für Sängerinnen und Sänger, die sich was trauen. Ich liebe den Moment bei einer Aufführung, wenn alle merken, dass gerade etwas ganz Tolles zu Ende gegangen ist und alle noch kurz die Luft anhalten. Nervig finde ich, wenn das Publikum in rhythmisches Mitklatschen verfällt.

Musikwissenschaftlerin Jutta Toelle Quelle: Max-Planck-Institut

Von RND

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