Menü
Dresdner Neueste Nachrichten | Ihre Zeitung aus Dresden
Anmelden
Wissen Lügen im Sprechzimmer: Warum Patienten ihren Ärzten nicht die Wahrheit sagen
Nachrichten Wissen Lügen im Sprechzimmer: Warum Patienten ihren Ärzten nicht die Wahrheit sagen
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
12:37 24.01.2019
Beim Arzt lügen – das kann ernste Konsequenzen haben. Quelle: Patrick Seeger/dpa
Berlin

Angst vor Verurteilungen oder Belehrungen, Scham und Ablehnung der ärztlichen Empfehlungen: Das sind einer US-Studie zufolge die häufigsten Gründe, warum Patienten beim Arzt die Unwahrheit sagen. 60 bis 80 Prozent der Befragten haben gemäß der im Fachblatt „Jama Network Open“ veröffentlichten Erhebung schon mindestens einmal im Behandlungszimmer geflunkert – eine bemerkenswert hohe Zahl angesichts der Tatsache, dass es um ihre Gesundheit geht und das Zurückhalten von Informationen ernste Folgen haben könnte.

Doch Stefan Wilm überraschen diese Ergebnisse nicht: „Je nach Methodik der Studie hätte man auch auf hundert Prozent kommen können“, kommentiert der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin am Universitätsklinikum Düsseldorf. Die Frage sei vielmehr, warum man sich im Sprechzimmer anders verhalten sollte als im übrigen Leben: „Es ist eher erstaunlich, dass wir beim Arzt wie bei der katholischen Beichte die Wahrheit sagen sollen.“ Eine derartige Annahme offenbare eine eher bevormundende Haltung von Ärzten – für Wilm ein“«Grundübel“.

Ärzte müssen Patienten respektieren

Bis vor einiger Zeit sei Medizin-Studenten beigebracht worden, sie müssten Patienten besonders raffiniert befragen, um die Wahrheit aufzudecken: „Wenn ein Arzt aber in der Lage ist, vertrauensvoll, offen und empathisch zu kommunizieren, dann braucht es das nicht.“ Entsprechend wichtig sei die Patientenzentriertheit in der Arzt-Patient-Kommunikation.

Ähnlich sieht das auch Claudia Spies, Chefärztin der anästhesiologischen Klinik an der Charité Berlin. Sie spricht lieber von der „Patienten-Arzt-Beziehung“: „Wir müssen Patienten als Partner ernst nehmen und respektieren“, betont sie. Zu diesem Respekt gehöre auch, dass Patienten selbst entscheiden können, welche Informationen sie teilen und welche nicht.

Menschen wollen sich positiv darstellen

Tatsächlich hatte die Studie der Forscher um Andrea Gurmankin Levy vom Middlesex Community College in Middletown ergeben, dass Patienten beispielsweise verschweigen, wenn sie Nahrungsergänzungsmittel nehmen oder die Unwahrheit sagen, wenn es um ihre Sport- und Ernährungsgewohnheiten geht. „In unserer durch Social Media geprägten Zeit spielen Bewertungen eine große Rolle“, sagt Spies dazu: Jeder wolle sich positiv darstellen.

Lesen Sie hier:
Wie sag ich’s meinem Arzt? Wie man sich als Kranker Gehör verschafft

Das sei insbesondere bei Menschen der Fall, von denen wir abhängig seien, ergänzt Lothar Schäffner aus Hannover. Der Wissenschaftler hat sich intensiv mit der Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten beschäftigt und sieht verschiedene Gründe für das gelegentliche Flunkern von Patienten: „Wird man nach einem schädlichen Verhalten gefragt, scheut man sich davor, die Verantwortung für die eigene Krankheit auf das eigene Verhalten zu übernehmen.“ Beträfen diese Fragen Suchtmittel wie etwa Alkohol oder Nikotin schwinge zudem die Angst mit, eine derartige Gewohnheit verboten zu bekommen. Ein dritter Aspekt: „Wir wollen uns das Wohlwollen der Ärzte sichern, indem wir sagen, dass uns ihre Kunst geholfen hat.“

Ärzte sollten mit Patienten wie mit einem Mitarbeiter sprechen

Schäffner plädiert dafür, dass Ärzte für das Patientengespräch Methoden moderner Mitarbeiterführung benutzen und dabei ihre Verantwortung als Führungskraft wahrnehmen: „Führungskräfte leben allerdings nicht von Anweisungen, sondern davon, dass sie ihre Mitarbeiter überzeugen.“ Dazu gehöre auch die Schaffung einer entsprechenden Atmosphäre: „Mit heruntergelassener Hose vor dem Schreibtisch zu stehen, hinter dem der Arzt thront, betont das Hierarchiegefälle.“

Ein Aspekt, den auch der Göttinger Medizinsoziologe Ottomar Bahrs anspricht. „Die Arzt-Patienten-Situation schließt emotional ein wenig an das Eltern-Kind-Verhältnis an“, führt er aus. „Das Bedürfnis nach Anerkennung beim Patienten gibt dem Arzt faktisch und emotional Macht.“ Hierzu passe eine Aussage des ungarischen Psychoanalytikers Michael Balint: „Das wichtigste Medikament, das der Arzt verschreibt, ist er selbst – über dessen Risiken und Nebenwirkungen ist aber wenig bekannt.“ Systematische Verständigungsprobleme und Machtungleichgewichte führten aber entweder zum Meiden von Arztbesuchen oder zu immer neuen Konsultationen.

Längere Gespräche sind effektiver

Tatsächlich seien die Deutschen Weltmeister darin, zum Arzt zu gehen. So liegt die Zahl der Arztbesuche pro Kopf je nach Statistik zwischen zehn und achtzehn pro Jahr - und damit immer über dem Durchschnitt anderer Länder. „In der Schweiz und in Belgien ist die Zahl viel geringer, dafür aber die durchschnittliche Gesprächszeit länger“, bemerkt Bahrs.

Jene längeren Gespräche seien effektiver, so die Erfahrung von Hans-Michael Mühlenfeld, Hausarzt in Bremen und Vorsitzender des Bremer Hausärzteverbandes: „Meine Patienten haben das Gefühl, dass alle Zeit da ist, die sie brauchen.“ Für ihn hängt die Ehrlichkeit der Patienten von dem Vertrauen ab, das sie zu ihrem Arzt haben: „Je enger die Beziehung, umso weniger wird geflunkert.“

Im Klinikalltag ist die Beziehung zum Arzt kürzer geworden

Zudem sei fraglich, ob die hohen Zahlen der US-Studie auch in Deutschland gelten würden, da hier durch eine auf den Hausarzt zentrierte Versorgung ein anderes System bestehe. Die Beziehung zum Hausarzt hielte hierzulande oft länger als eine Ehe, so Mühlenfeld. Die Vertrautheit, die zwischen ihm und einem Großteil seiner Patienten herrsche, führe zudem dazu, dass er Probleme schneller einschätzen könne.

Doch auch im Klinikalltag spielt die Arzt-Patienten-Kommunikation eine zentrale Rolle. „Hier ist die Beziehung in den vergangenen Jahren kürzer geworden, weil wir nicht mehr nur einen Arzt pro Krankheitsfall haben, sondern viele Spezialisten“, beschreibt Claudia Spies von der Charité. Umso wichtiger sei die Schaffung einer vertrauensvollen Atmosphäre, etwa durch spezielle Trainings und Programme für das medizinische Personal. Denkbar wären „Team-Time-Outs“: gemeinsame Besprechungen mit dem Patienten und seinen Angehörigen sowie aller Behandler, oder auch „Patienten-Cafeterien“, in denen Patienten offen Fragen stellen können und das auch an Ärzte, die sie nicht behandeln.

Beim Thema Medikamente sollte man nicht lügen

Ideen wie diese werden deutschlandweit ausprobiert. Schließlich kann sich eine gute Arzt-Patienten-Beziehung verschiedenen Studien zufolge positiv auf den Behandlungserfolg auswirken, eine Tatsache die nicht zuletzt Argument für eine „sprechende Medizin“ ist – und ein Faktor dafür, dass Patienten ihren Arzt möglichst wenig verschweigen. Denn das kann im Zweifel schwerwiegende Folgen haben.

So erklärt etwa Mediziner Stefan Wilm, dass bei Fragen zur Medikamenteneinnahme nicht geflunkert werden sollte: „Wenn sie nicht sagen, dass sie ihre Blutdruckmedikamente nicht nehmen, denke ich, dass das Mittel nicht hilft.“ Auch das Vorenthalten bereits gelaufener diagnostischer Prozeduren wie Röntgen oder von Suchtmittelmissbrauch könne problematisch werden. Überdies sollten Patienten offen ansprechen, wenn sie mit einer gefundenen Lösung nicht übereinstimmten. „Aber diese Offenheit muss ich als Arzt ermöglichen“, so Wilm.

Wer seinem Hausarzt nicht vertraut, sollte sich einen neuen suchen

Mehr Zeit für das Gespräch, Verzicht auf unverständliche Fachsprache, ehrliches Interesse, bewusstes Zuhören und ein ganzheitlicher Blick auf den Patienten, seine Geschichte und seine Möglichkeiten im Alltag – das sind die Forderungen, auf die sich viele Experten für eine gelungene Arzt-Patienten-Kommunikation einige können. Doch Stefan Wilm hat auch einen Rat für Patienten parat, wenn es mit der Kommunikation schwierig wird: „Wenn man seinem Hausarzt nicht vertraut oder dieser sich nicht genug Zeit nimmt, sollte man sich einen neuen suchen.“

Von RND/dpa

Mitte Januar hat die Grippewelle begonnen. In der dritten Januarwoche wurden 2200 neue Krankheitsfälle gemeldet. Tatsächlich dürfte die Zahl aber noch viel höher liegen.

24.01.2019

In China ist ein wissenschaftlicher Durchbruch gelungen. Erstmals haben Forschern genveränderte Affen geklont. Die fünf Klone kamen in Shanghai zur Welt.

24.01.2019

In der kalten Jahreszeit sind Smartphones besonderen Belastungen ausgesetzt. Der Akku kann an Leistung verlieren, Nässe kann der Elektronik schaden. Mit diesen Tipps kommt Ihr Smartphone gut durch den Winter.

23.01.2019