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Wissen Von wegen streng: Backstage mit Mary
Nachrichten Wissen Von wegen streng: Backstage mit Mary
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11:25 20.06.2018
Streng, aber herzlich: Welcher Part bei ihrer Mary Poppins überwiegt, weiß Musicaldarstellerin Elisabeth Hübert erst kurz vor Showbeginn. Quelle: Agnieszka Krus/RND
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Hamburg

Es war dieser Moment am New Yorker Broadway, genauer gesagt im altehrwürdigen New Amsterdam Theatre – eins der zwei ältesten an der prächtigen Theatermeile: Als Mary Poppins, das wohl bekannteste Kindermädchen der Welt, in ihrer unnachahmlich unangepassten Art über die Bühne stolzierte, saß Elisabeth Hübert mit Mutter und Schwester im Publikum – gänzlich eingenommen von dem Treiben auf der Bühne. „Schon damals wusste ich, dass ich genau diese Rolle auch einmal spielen will“, erinnert sich die heute 30-jährige Musicaldarstellerin an diesen besonderen Moment, der nun schon zehn Jahre zurückliegt. Da ahnte sie noch nicht, dass sich ihr Wunsch einmal erfüllen würde.

Heute sitzen wir in der Garderobe im Hamburger Stage Theater an der Elbe – in etwa 45 Minuten beginnt die Show, per Lautsprecher werden die Darsteller eingestimmt: Hübert sitzt sichtlich gelassen vor ihrem Schminkspiegel, noch trägt sie die Sportklamotten vom Warm-up, doch im Gesicht verwandelt sie sich mehr und mehr in die strenge Gouvernante. Dresserin Cynthia legt ihr in der Zwischenzeit die Steppschuhe, Korsage, Unterrock, Schirmchen, Hut und den eng taillierten, schwarzen Mantel zurecht, der Poppins später diese gewisse Strenge verleihen wird. Ein paar Minuten noch, dann wird sie auf der Bühne das Leben der Familie Banks gehörig auf den Kopf stellen.

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Mary Poppins hält den Mythos Kindermädchen lebendig

Lidstrich, Lidschatten, künstliche Wimpern – bei Hübert sitzen die Handgriffe selbst kurz vor der Show. Und wenn nicht? „Das vertanzt sich“, sagt die gebürtige Lübeckerin lächelnd und winkt mit der Hand ab. Von Lampenfieber so kurz vor der Show keine Spur. Fotos rund um ihren großen Theaterspiegel markieren die Stationen ihrer Karriere, zuletzt spielte sie die Jane im Erfolgsmusical „Tarzan“, auch beim „Wunder von Bern“ war sie dabei – ein Bild zeigt sie mit ihrem Mann Greg, eine echte Musical-Liebesgeschichte. Die beiden haben sich bei der Produktion von „Mamma Mia!“ kennengelernt, seither kreuzten sich ihre Wege immer wieder. Dass jetzt beide in Hamburg leben und arbeiten können, ist für das Künstlerpaar ein Glücksfall: Bei „Mary Poppins“ gibt der gebürtige Brite Greg den Dance Captain, schwört das Ensemble auf die Stepp-Performances ein, die im Musical zu sehen sind – etwa wenn die Schornsteinfegerriege um Mary-Verehrer Bert über den Dächern Londons tanzt.

Glücksfall für das Künstlerpaar: Gemeinsam mit Mann Greg, dem Dance Captain des Musicals, erwärmt sich Elisabeth Hübert für die Show. Quelle: Agnieszka Krus

Die großen Fußstapfen des Megaerfolgs von Mary Poppins

Warum sich der Zauber um das weltberühmte Kindermädchen auch heute – in Zeiten, in denen der Beruf fast ausgestorben ist – so unnachgiebig entfaltet, kann Hübert nur erahnen: „Was sie abhebt, ist sicher dieses komplette Urvertrauen. Alles, was sie tut, ist richtig und führt zu dem Ergebnis, das sie möchte“, schwärmt die 30-Jährige über den Charakter, der sie seit New York nicht mehr losgelassen hat. „Als ich die ersten Male hier in Hamburg als Mary auf der Bühne gestanden habe, da musste ich ganz oft an diesen Moment im New Amsterdam Theatre zurückdenken“, erinnert sich Hübert, während ihr Assistentin Angela in der Maske die Perücke mit gefühlten 100 Haarnadeln feststeckt. Der Vergleich mit dem gefeierten Disney-Star Julie Andrews, die in den Sechzigern die Mary Poppins im gleichnamigen Megaerfolg auf der Leinwand verkörperte, drängt sich regelrecht auf, eine gewisse Ähnlichkeit ist unübersehbar. Darauf angesprochen, reagiert Hübert ein wenig verlegen: „Vom Typ sind wir sicher eine ähnliche Kategorie“, sagt sie zögerlich. So recht will sich die Wahlhamburgerin aber nicht auf den Vergleich einlassen.

Es war auch nicht der Film, der ihr bei der Vorbereitung auf die Rolle geholfen hat, vielmehr habe sie sich an den Musicaladaptionen orientiert, einer Mischform aus der Romanvorlage der australischen Autorin P. L. Travers aus den Vierzigerjahren und der Disney-Produktion, die in den Sechzigern mit Preisen regelrecht überschüttet wurde. Die Schuhe sind also groß, in die Hübert heute bei der 100. Vorstellung schlüpft. Unter wie vielen Konkurrentinnen sie sich in der Audition durchgesetzt hat, kann sie nicht sagen: „Das wird von Theaterseite schon so getimt, dass maximal zwei Kandidatinnen aufeinandertreffen.“

In der Maske verwandelt sich Elisabeth Hübert stück für Stück in Marry Poppins – dank vieler Haarnadeln und Assistentin Angela. Quelle: Agnieszka Krus

Von der Maske geht es im Laufschritt über die engen Flure im Stage Theater weiter zum Einsingen. An den Türen zu den Garderoben der Darsteller hängen kleine Zettel, liebevoll zusammengeklebt, ein Scherenschnitt von Mary Poppins mit einem Eisbecherschirmchen in der Hand, daneben der Schriftzug „Toi, toi, toi“ und ein paar Unterschriften. Ein lieb gewonnenes Ritual unter den Kollegen vor jeder Musicalpremiere.

Die Verkörperung eines modernen Frauenbildes

„Die Zeit läuft, nur noch 30 Minuten bis zur Vorstellung“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Und was dann zwischen Maske und Ankleiden in dem kleinen unscheinbaren Raum am Klavier passiert, das haut den Backstageneuling förmlich um: „Mit ´nem Teelöffel Zucker nimmst du jede Medizin, ja, jede Medizin …“ Wie aus dem Nichts schmettert die zierliche Hübert den Poppins-Song über das Klavier. Der strenge Blick, die resolute Körperhaltung, die kräftige Stimme – binnen Sekunden wird die gefeierte Musicaldarstellerin vollends zum wohl beeindruckendsten Kindermädchen der Welt. Ihre „Geradlinigkeit, Direktheit und Ehrlichkeit“ haben es Hübert angetan: „Ihr ist es einfach egal, was die Leute von ihr denken“, sagt sie über den markanten Charakter, der „für die damalige Zeit ein sehr modernes Frauenbild verkörpert – vor allem im direkten Vergleich zu Mrs Banks, die an der Seite ihres gestrengen Gatten eher für das traditionelle Frauenbild steht“.

„Heute werde ich nicht so streng sein“

Ob es ihr schwerfalle, von jetzt auf gleich in die Rolle des strengen Kindermädchens zu wechseln? Angesichts der kurzen Performance am Klavier wirkt es, als sei ihr die Rolle in Fleisch und Blut übergegangen. Hübert denkt kurz nach, sagt dann: „Also, wenn mir die Rolle in Fleisch und Blut übergeht, dann würde ich das als optimalen Tag bezeichnen – aber nicht jeder Tag ist gleich.“ Sechsmal pro Woche wird sie an der Elbe zur Mary, in Ausnahmefällen sogar bis zu achtmal. „Meist weiß ich erst kurz vor Showbeginn, welche Farbe meine Version haben wird“, sagt die zierliche Frau, die in natura so gar nichts von einer strengen Kinderfrau hat. Und heute Abend? „Die Stimmung ist gut, die Kinder haben Glück, heute werde ich nicht so streng sein“, scherzt die Schauspielerin, die auch schon für Sönke Wortmanns ARD-Serie „Charité“ vor der Kamera stand.

Auf Erfahrungen mit eigenen Kindern kann Hübert noch nicht zurückgreifen – das ist derzeit noch Zukunftsmusik für das junge Künstlerpaar. Aber so viel steht schon jetzt fest: Wenn Hübert nur halb so eloquent wie ihre Mary auf der Bühne als Mama ist, dann dürften ihre Kinder irgendwann einmal das ganz große Los gezogen haben.

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Mehr Infos zum Stück im Hamburger Stage Theater sowie Tickets gibt es im Internet auf
www.stage-entertainment.de/musicals-shows/mary-poppins-hamburg.html

Kinderdarsteller dringend gesucht

Du hast Spaß an Schauspiel, Gesang und Tanz? Für die Rollen der Banks-Kinder Jane und Michael in „Mary Poppins“ sucht das Hamburger Stage Theater Kinderdarsteller aus der Umgebung von Hamburg – und zwar Jungen von acht bis zwölf Jahren, die bis zu 1,37 Meter groß sind und Mädchen im Alter von neun bis 13 Jahren (max. 1,45 Meter). Bewerbungen mit Namen, Anschrift, Alter, Größe, Foto und Telefon per E-Mail an kinder.casting@stage-entertainment.com.

Von Carolin Burchardt/RND