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17:38 28.06.2019
Lustiges Sportspiel oder Einladung zum Mobbing? Völkerball ist dieser Tage sehr umstritten. Pädagogisch gut inszeniert, sollte es aber einen festen Platz im Schulsport haben. Quelle: Frank Sorge/Imago Images
Hannover

Die Ergebnisse der kanadischen Studie klingen martialisch und sicher für den ein oder anderen hierzulande äußerst befremdlich: Es gibt vermutlich nur wenige, die das doch eigentlich recht harmlos anmutende SportspielVölkerball“, dass dieser Tage die Gemüter erhitzt, mit Mobbing, Unterdrückung und Entmenschlichung in Verbindung bringen würden. Doch genau das wollen kanadische Wissenschaftler in einer breit angelegten Studie, für die sie zwölf- bis 15-jährige Schüler befragt haben, herausgefunden haben. Ihr Fazit, vereinfacht zusammengefasst: Völkerball schadet, da es unter anderem „Mobbing legalisiere“, und sollte daher aus dem Sportunterricht verbannt werden.

Helga Leineweber vom Institut für Sportdidaktik und Schulsport der Deutschen Sporthochschule in Köln kann dieses Ergebnis nicht so recht nachvollziehen – zumindest, wenn sie an den Sportunterricht an deutschen Schulen denkt. Natürlich komme es immer drauf an, ob man das Spiel als Lehrkraft mit seinen Schülern reflektiert inszeniere, die Studie halte sie aber dennoch für „verbal sehr aufgerüstet“. In ihren Augen sei Völkerball kein „Ballerspiel“. Selbst den Begriff „abwerfen“ könne man im Unterricht gefahrlos einsetzen. Dass man zum Abwerfen besser einen Schaumstoffball anstatt eines harten Volleyballs einsetze, müsse natürlich vorausgesetzt werden.

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Auf die Gestaltung des Unterrichts kommt es an

Ihre Kollegin Meike Breuer von der TU Chemnitz sieht das ähnlich. Die Professorin für Sportdidaktik und Mitherausgeberin der Fachzeitschrift „Sportpädagogik“ vermutet hinter den Studienergebnissen ebenfalls ein unterrichtliches Problem: „Wenn der Lehrer nur den Ball in die Mitte schmeißt und dann die Schüler sich selbst überlässt, dann bekommen diese eine Riesenrolle“, warnt Breuer. In diesem Fall habe das Spiel natürlich ein enormes Ausgrenzungspotenzial. Stattdessen solle man als Sportlehrer besser auf die vielen Variationen des Spiels setzen, bei denen jeder seine Stärken einbringen könne: Matten- und Beschützervölkerball etwa gehörten dazu.

„Wichtig ist, dass das Spiel so variiert wird, dass es gar nicht erst zum Mobbing kommen kann“, sagt auch Sportpsychologe Benjamin Göller. Es einfach aus dem Schulsport zu verbannen und damit eine eigentlich spaßige Aktivität zu verbieten, hält er hingegen für keine gute Lösung. Denn eines dürfe man nicht vergessen: „Mobbing kann in jedem Setting vorkommen, warum sollte man also ausgerechnet Völkerball verbieten?“ Wie auch Breuer und Leineweber sieht er die Pädagogen in der Pflicht: „Es braucht Kreativität und Sensibilität, um derart martialische Situationen bei Sportspielen zu verhindern, wie sie in der Studie aus Kanada beschrieben werden.“

Wählen gehört nicht in den Sportunterricht

Für Breuer etwa fängt das schon beim Zusammenstellen der Mannschaften an: So sei Wählen für sie das unpädagogischste Vorgehen überhaupt. „Ich sage meinen Studenten immer ,Mein Geist wird euch heimsuchen, solltet ihr jemals im Sportunterricht Mannschaften wählen lassen’.“ An die traurigen und beschämten Gesichter derer, die früher im Sportunterricht immer als letztes auf der Bank saßen, weil sie keiner in seiner Mannschaft haben wollte, dürfte sich wohl ebenfalls noch so mancher erinnern. Ganz zu Schweigen von den Betroffenen selbst, die sicher nicht mit behaglichen Gefühlen an ihren Sportunterricht zurückdenken. Das Problem dahinter: „Anders als im Matheunterricht, stehen wir im Sportunterricht als ganze Person im Mittelpunkt und scheitern entsprechend auch als ganze Person.“ Das habe eine andere Qualität, als wenn man einfach nur nicht so gut rechnen könne, gibt Breuer zu Bedenken.

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Gemeinsame Reflexion des Unterrichts ist entscheidend

Deshalb sei es gerade auch im Sportunterricht wichtig, über Gefühlslagen zu sprechen und als Lehrkraft den Unterricht gemeinsam mit den Schülern intensiv zu reflektieren, damit es gar nicht erst zu derartigen Missstimmungen komme. Eine zentrale Frage der gemeinsamen Reflexion könnte laut Leineweber etwa sein: „Mit welchen Regeln können wir das Spiel so gestalten, dass am Ende alle Mitspieler zufrieden sind?“

Der Wettbewerbsgedanke müsse an dieser Stelle allerdings kein schlechter sein, natürlich dürfe es am Ende auch Gewinner und Verlierer geben. „Aber dann sollte man auch darüber sprechen, wie man sich nach einem Sieg oder einer Niederlage fühlt – und das als Lerngelegenheit nutzen.“

Leineweber vermutet, dass es genau diese pädagogische Durchdringung ist, die den Sportunterricht hierzulande von dem in Nordamerika unterscheide. Dort stehe oftmals der Wettbewerbsgedanke allzu sehr im Vordergrund, da der Wettkampfsport viel stärker an die Schulen angebunden sei – auch weil es viel weniger Vereine gäbe.

Von caro/RND

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