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09:16 18.07.2019
Leistungsdruck, sozialer Stress: Viele Faktoren tragen dazu bei, dass bei immer mehr Jugendlichen Burnout diagnostiziert wird. Quelle: Christin Klose/dpa
Hamburg

Ein Burnout bei meinem Kind? Für viele Eltern klingt das erst einmal ungewohnt. Das Erschöpfungssyndrom assoziieren die meisten mit einem ausgebrannten Manager, nicht mit einer 14-jährigen Schülerin. Doch die Stressbelastungen auf Jugendliche nehmen zu – sogar Kinder im Grundschulalter werden bereits mit Erschöpfungssymptomen behandelt.

Leistungsdruck: Immer mehr Jugendliche sind ausgebrannt

„Für Eltern ist es ungewohnt, dass auch ihr Kind depressive Stimmungen haben kann. Bei uns sind Depressionen von Kindern und Jugendlichen aber täglich Brot“, erklärt Michael Schulte-Markwort. Er ist ärztlicher Leiter des Zentrums für Psychosoziale Medizin am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. Erschöpfungssyndrome wie Burnout tauchen bei Jugendlichen immer häufiger auf, sagen die Experten. Ein großer Faktor ist die Schule. Inklusive Hausaufgaben und Lernen kommen viele Schüler auf eine 40-Stunden-Woche, sagt Schulte-Markwort. „Die Leistungsanforderungen sind gestiegen: Viele Schüler glauben, ein Abiturschnitt über 1,5 wäre nichts mehr wert.“

Sozialer Stress durch Smartphones und soziale Medien

Auch sozialer Stress spielt bei den Jugendlichen eine große Rolle. Junge Leute suchen Akzeptanz, vergleichen sich untereinander. Dazu tragen vor allem soziale Netzwerke bei. „Ständige Bewertung in allen Bereichen ist eine enorme Belastung“, erklärt Gabriele Bringer, Geschäftsführerin des Stresszentrums Berlin. Generell seien Smartphones ein wichtiger Faktor, findet Bringer. Sie sorgen für ständige Ablenkung und Reizüberforderung bei den Jugendlichen. Gerade Lernen fällt Jugendlichen deshalb schwer. Auch weil viele nie gelernt haben, richtig zu lernen. Das sorgt für Frustration.

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Zukunftsängste und fehlende Vorbilder

Hinzu kommt, dass sich junge Leute generell in einer geistigen und körperlichen Umbruchphase befinden, auch über die Pubertät hinaus. „Jugendliche haben nicht immer Zugang zur eigenen Gefühlswelt“, erklärt Gabriele Bringer. Wie geht es nach dem Schulabschluss weiter? Was will ich mit meinem Leben anfangen? Klare Leitbilder oder soziale Vorbilder gibt es bei diesen Fragen inzwischen kaum noch. Diesen ganzen Stress wissen viele Jugendliche nicht richtig zu verarbeiten.

Burnout kommt schleichend mit Vorwarnungen

Das Problem: Ein Erschöpfungssyndrom beginnt schleichend. Familie und Freunde und auch Betroffene selbst merken das nicht sofort. Ein Burnout beginnt in der Regel mit Schlaf- und Konzentrationsstörungen, Muskelverspannungen und Leistungseinbrüchen. Auch starke Bauch- und Kopfschmerzen können in diesem Zusammenhang auftreten. „Oft arbeiten die Jugendlichen dann noch mehr. Das kann in einer völligen Erschöpfungsdepression münden“, erklärt Michael Schulte-Markwort.

Auch Boreout ist eine Gefahr für Jugendliche

Eine „Schwester“ der Burnout ist der Boreout, die sogenannte Unterforderungsdepression. Auch sie kann Schülern schwer zusetzen, bei denen etwa eine Hochbegabung nicht erkannt wird. Eine konstante Unterforderung kann sich durch dieselben Symptome äußern wie ein Burnout.

Woran Sie eine Depression erkennen, lesen Sie hier.

Veränderung: Jugendliche verschließen sich

Oft verändert sich der Stoffwechsel der Jugendlichen. Das beeinträchtigt ihren Gehirnstoffwechsel und sorgt für depressionsartige Symptome, also beispielsweise Niedergeschlagenheit oder sogar selbstverletzendes Verhalten. Viele Jugendliche driften zudem ab: Sie riegeln sich ab, konsumieren möglicherweise Drogen oder verbringen zu viel Zeit am Computer.

Betroffene sollten sich früh Hilfe holen

Damit es nicht so weit kommt, sollten sich Jugendliche früh Hilfe holen. Die erste Anlaufstelle ist die Familie. Doch nicht immer fällt es den jungen Leuten leicht, sich zu öffnen. Auch ein Beratungslehrer oder andere Hilfsstellen können ein guter Ansprechpartner sein. Der erste Schritt ist dann, die Belastungen in der Umgebungen zu analysieren. Welche Dinge stören mich? Was kann man ändern?

Stressreduzierung: Probleme erkennen und sich ihnen stellen

„Es ist wichtig, nicht einfach weniger zu machen. Denn es gibt guten Stress und schlechten Stress. Den Spaß, zum Beispiel das Instrument oder Sporttraining, sollte man nicht streichen“, betont Schulte-Markwort. Einige Menschen müssen ganz individuell komplett neue Strategien entwickeln, um den Alltag entspannter zu bewältigen. Wer privat nicht weiterkommt oder bereits starke Probleme hat, sollte sich deshalb um professionelle Hilfe bemühen, zum Beispiel von Psychologen. Überhaupt ist es wichtig, sich den Problemen zu stellen, damit der Stress schnell nachlässt. „Früh erkannt dauert ein Burnout etwa drei Monate an. Es kann sich in manchen Fällen aber auch zwei bis drei Jahre hinziehen“, erklärt Gabriele Bringer.

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Prävention: Stabiles soziales Umfeld und körperlicher Ausgleich

Wirklich verhindern lässt sich ein Burnout bei Jugendlichen nur bedingt. Wichtig ist ein gutes Verhältnis zu den Eltern. Gerade zu Beginn von neuen Lebensabschnitten, zum Beispiel nach dem Umzug in die erste eigene Wohnung. „Auch ein echter Freundeskreis ist Gold wert – real und nicht nur im Internet. Wer schnell neue Freunde findet, hat ein geringeres Risiko für Burnout“, sagt Gabriele Bringer. Grundsätzlich ist aber nicht jedes Stress- oder Erschöpfungsgefühl gleich ein Burnout. Oft kann es sich kurzfristige Probleme handeln. Körperlicher und sozialer Ausgleich zum Stress im Alltag sind deshalb immer wichtig.

Hier gibt es Hilfe

Die Telefonseelsorge ist unter der Rufnummer (08 00) 111 0 111 sowie (08 00) 111 0 222 oder 116 123 rund um die Uhr zu erreichen. Beratung via Chat, Mail und vor Ort: https://www.telefonseelsorge.de

Eine Online-Beratung für Kinder und Jugendliche bietet:https://www.nummergegenkummer.de

Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe hat ein Info-Telefon Depression eingerichtet. Erreichbar unter (08 00) 33 44 5 33 am Mo., Di. und Do. 13-17 Uhr sowie Mi. und Fr., 8.30–12.30 Uhr

Ambulante Behandlung in dringenden medizinischen Fällen: Ärztlicher Bereitschaftsdienst der Kassenärztlichen Vereinigungen, telefonisch erreichbar unter 116 117 (rund um die Uhr)

Meldung von lebensbedrohlichen Notfällen: Rettungsdienst, telefonisch erreichbar unter 112 (rund um die Uhr)

Von RND/dpa

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