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Wissen Designer-Babys: Wann sind Eingriffe ins Erbgut gerechtfertigt?
Nachrichten Wissen Designer-Babys: Wann sind Eingriffe ins Erbgut gerechtfertigt?
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18:23 09.05.2019
Eine Mikroplatte mit Embryonen, denen eine Genschere injiziert wurde. Quelle: Mark Schiefelbein/AP/dpa
Berlin

Der Fall hatte weltweit für Entsetzen gesorgt: Im November vergangenen Jahres hatte der chinesische Wissenschaftler He Jiankui die Geburt von Lulu und Nana verkündet. Denn die Zwillingsmädchen sind, seinen Angaben nach, die ersten genmanipulierten Babys der Welt. Ziel des Gen-Experiments sei es gewesen, sagte Jiankui damals, die Kinder lebenslang vor einer Ansteckung mit HIV zu schützen. Wissenschaftler und Ethiker jedoch kritisierten den Eingriff als „unverantwortliche Menschenversuche“ – auch, weil Jiankui mit seinen Experimenten vorgeprescht war und dabei allein und illegal gehandelt hatte.

Zur Keimbahn gehören neben den Keimzellen (Spermien und Eizellen) auch alle ihre Vorläuferzellen, einschließlich der frühen Embryozellen. Das besondere an einem Keimbahneingriff ist daher, dass die Veränderung auch an die Nachkommen weitergegeben werden. Sie findet sich in jeder Zelle des Körpers.

Ethikrat: Derzeit sind Eingriffe unzulässig

Ist so ein Keimbahneingriff jemals zulässig – und wenn ja, unter welchen Umständen? Der Deutsche Ethikrat hat sich nun ausgiebig mit dieser Frage befasst. Er kommt zu dem Ergebnis: Derzeit sind solche Eingriffe wegen ihrer unabsehbaren Risiken unverantwortlich. Tatsächlich ist unklar, welche möglichen Folgen der Einsatz Genschere Crispr/Cas an den chinesischen Zwillingen haben könnte.

Doch der Ethikrat lehnt Keimbahneingriffe nicht grundsätzlich ab: Voraussetzung müsste dann jedoch eine hinreichende Sicherheit und Wirksamkeit sein, teilte das Gremium mit.

Drei Anwendungsgebiete denkbar

Auch wenn die Technologie noch nicht ausgereift ist: Der Fall aus China zeigt, dass sich grundsätzlich schon heute die DNA von Menschen verändern lässt und so auch menschliche Eigenschaften manipulierbar wären. Der Vorgang erhöhe, so der Ethikrat, die „Dringlichkeit einer Verständigung“ – selbst wenn die Einführung in der medizinischen Praxis noch in ferner Zukunft liege.

Lesen Sie hier:
Gentechnik: Das ist CRISPR

Sollte die – ausgereifte – Technologie eines Tages zur Anwendung kommen, dann seien mindestens drei Gebiete denkbar, so der Ethikrat: Um genetisch bedingte Krankheiten zu vermeiden, Risiken für eine bestimmte Krankheit zu reduzieren oder um Menschen mit ihren Fähigkeiten und Eigenschaften gezielt zu optimieren.

Nicht nur Chancen und Risiken abwägen

Nicht alle Mitglieder des Ethikrates halten Keimbahneingriffe überhaupt für sinnvoll. Doch es gibt eine große Mehrheit im Gremium, die eine Weiterentwicklung zur Vermeidung oder Verringerung von Krankheiten als legitimes Ziel erachtet. So arbeiten zum Beispiel Forscher daran, durch gezielte Veränderungen im Erbgut schwere Erbkrankheiten wie Mukoviszidose zu vermeiden.

Um zu beurteilen, ob Keimbahneingriffe gerechtfertigt sind, sollte man jedoch nicht nur Chancen und Risiken abwägen, so das Gremium. Als Orientierung sollten auch ethische Maßstäbe wie zum Beispiel Menschenwürde, der Lebensschutz, Freiheit, Natürlichkeit, das Vermeiden von Schädigungen, Gerechtigkeit, Solidarität und Verantwortung dienen.

Im März hatte Biowissenschaftler und Ethiker aus sieben Ländern einen weltweit befristeten Verzicht auf die Schaffung von Designer-Babys gefordert. Auch der deutsche Ethikrat forderte Bundesregierung und Bundestag in einer Stellungnahme nun dazu auf, sich für einen verbindlichen internationalen Stopp klinischer Anwendungen beim Menschen einzusetzen. In Deutschland sei eine grundlegende Debatte über das Thema nötig.

Von RND/asu

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