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Wissen Die ungeschminkte Wahrheit über den weiblichen Zyklus
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17:38 04.07.2017
Wenn es um das Thema weiblicher Zyklus geht, nehmen Luisa Stömer (links) und Eva Wünsch kein Blatt vor den Mund. Quelle: gu
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Hannover

Für viele ist der weibliche Zyklus immer noch ein Tabuthema. Eva Wünsch und Luisa Stömer (beide 25) haben sich der ersten Monatsblutung, dem Thema Verhütung und der Menopause mit einer Art Nachschlagewerk genähert – mit viel unverkrampftem Witz und echter Offenheit.

Sie haben zusammen studiert. Haben Sie da eines Tages zusammen in der Uni-Cafeteria gesessen, hatten zeitgleich Ihre Tage und dachten: Das ist ein Thema, das wir vertiefen müssen?

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Luisa Stömer (lacht): Es war so ähnlich. Wir haben ja beide Illustration und Grafikdesign studiert. Für unsere Bachelor-Arbeit wollten wir ein Thema finden, bei dem wir Gestaltung und Wissenschaft verbinden können. Zeitgleich ging es bei uns beiden, im Gespräch mit unseren Müttern oder in Mädchenrunden, immer wieder um unsere Körper und um unsere Zyklen. Ganz viele in unserem Freundeskreis haben die Pille abgesetzt. Und da muss man sich zwangsläufig die Frage stellen, wie man das anders hinbekommt, nicht schwanger zu werden. Das alles war in dieser Zeit sehr präsent. Und Eva und ich saßen uns dann letztlich in der Bibliothek gegenüber und haben gemeinsam beschlossen, dass wir ein Buch darüber machen müssen, was im weiblichen Zyklus wie eine Rolle spielt. Weil wir selbst gemerkt haben: Wir haben keine Ahnung! Die Aufklärung, die in unserem Leben bisher stattgefunden hat, ist nicht hängen geblieben. Im Internet suchten wir uns einen Wolf und fanden nicht, was wir suchten – und so ging es los.

Woher kommen nun die ganzen Informationen für „Ebbe & Blut?“?

Eva Wünsch: Es gibt extrem viele Bücher, die sich mit dem weiblichen Zyklus befassen. Aber die meisten sind medizinische Fachbücher. Oder es sind Bücher für junge Mädchen, die das erste Mal ihre Tage haben, und in denen alles sehr kindlich dargestellt wird. Und dann gibt es auch ganz viel über die Menopause. Aber es gibt nicht das eine Buch, das auch noch ansprechend gestaltet ist und das man gerne mal auf dem Tisch liegen lässt, ohne sich zu schämen. Es war uns ganz wichtig, das Buch so zu machen, dass man sich über dieses Buch auch freut.

Warum sollte ich mich auf über 200 Seiten mit dem weiblichen Zyklus beschäftigen?

Luisa Stömer: Weil der weibliche Zyklus nicht nur existenziell für unsere Unterbäuche ist, sondern – was wir vorher nicht wussten – durch seine Hormone, seine Auswüchse, seine Schwankungen unglaublich präsent ist und das weibliche Leben beeinflusst. Der Zyklus ist nicht nur die Periode, die wir einmal im Monat bekommen und sehen, sondern er greift auf ganz unterschiedliche Ebenen des Frauseins über. Am Anfang des Buches beschäftigen wir uns mit dem Monatszyklus und danach geht es zum Beispiel auch darum, wie der Zyklus Einfluss auf die Psyche nimmt, auf Stimmungen und auf Verstimmungen. Wie man sich zyklusgerecht ernähren kann. Was es für Hilfsmittel gegen Schmerzen gibt. Dann gibt es einen ganz großen Teil, der sich mit Verhütungsmethoden befasst. Weil wir es für sehr wichtig befunden haben, uns damit auseinanderzusetzen, was wir eigentlich machen, wenn wir uns nicht durch ein Hormonpräparat unseren Zyklus aus der Hand nehmen lassen. Und so sind 270 Seiten zusammengekommen.

Eva Wünsch und Luisa Stömer kommen aus der Nähe von Nürnberg. Beide haben an der TH Nürnberg Grafikdesign und Illustration studiert und dort 2016 ihren Abschluss gemacht. Während ihres Studiums haben sie gemeinsam das Konzept zu „Ebbe & Blut. Alles über die gezeiten des weiblichen Zyklus“ entwickelt Quelle: Gräfe und Unzer Verlag

Warum haben so viele Menschen Hemmungen, über das Thema Zyklus zu sprechen?

Eva Wünsch: Ich glaube, das fängt schon ganz früh an, wenn man das erste Mal seine Tage hat. Dann fehlt schon da ganz oft der offene Umgang damit. Dass mal wirklich jemand genau erklärt, warum etwas so ist, wie es ist. Und auch mal das Blut konkret beschreibt. Ich denke, da hat sich jeder schon mal gewundert, wie es bei ihm aussieht …

Luisa Stömer: … oder auch über die Menge des Blutes.

Eva Wünsch: Wenn nie einer offen mit dir darüber redet, dann kannst du ja nur verklemmt damit umgehen.

Luisa Stömer: Und was die Menstruation geschichtlich betrifft, wird sie seit Jahrhunderten als die Schwäche der Frau dargestellt. Das Menstruationsblut wird als toxisch dargestellt, als etwas Unreines. Viele Frauen müssen auch heute noch in bestimmten Kulturkreisen oder Religionen ihr Haus für die Dauer ihrer Menstruation verlassen, dürfen bestimmte Nahrungsmittel nicht zubereiten. Sie dürfen nicht berührt werden.

Der männliche Körper wurde früher schon als der vollkommene dargestellt, weil er sich nicht einmal im Monat einer bestimmten Körperflüssigkeit entledigen musste – das wurde immer als Manko des Frauenkörpers angesehen. Und so aufgeklärt wir auch scheinen mögen: Es sitzt immer noch in den Köpfen. Und wir Frauen werden darauf getrimmt, dass man uns ja nichts anmerkt in unseren Reaktionen. Die Menstruation wird immer als etwas dargestellt, das eigentlich nicht stattfinden sollte.

Wie stehen Männer zum Thema Zyklus?

Eva Wünsch: Viele sind sehr neugierig und haben gar keine großen Hemmungen. Teilweise sind es eher die Frauen, die das Gefühl haben, dass nicht darüber gesprochen werden soll.

Luisa Stömer: Aus unserer Erfahrung lässt sich sagen: Je mehr man Partner, Männer oder Freunde in die Pflicht nimmt und sagt: „Hey, pass auf. Ich habe meine Tage und deshalb geht es mir so oder so.“ – Je mehr man also die Männer miteinbezieht, desto häufiger kommt diese Offenheit auch zurück.

Gibt es ein spezielles Thema, das Ihnen besonders am Herzen liegt?

Eva Wünsch: Wir haben in dem Buch ganz viele Zitate aus unserem Umfeld rund um die Frage: Was fällt euch ein zum Thema „weiblicher Zyklus“ ein? Was da zurückgekommen ist, das war für uns beide sehr bewegend, auch weil viele Leute total persönliche Sachen erzählt haben. Und diese Zitate sind die Stimme der Generation, in der wir jetzt leben und die auch sehr viel zu sagen hat.

Luisa Stömer: Wichtig für mich ist auch, dass ich als erwachsene Frau, die vielleicht irgendwann ein Kind haben will, jetzt ein ganz anderes Standing habe. Ich habe das Gefühl, dass ich mich mit meiner Fruchtbarkeit und auch mit all den negativen Auswirkungen, die so ein Zyklus natürlich haben kann, annehmen kann. Es geht ja nicht darum, etwas zu glorifizieren, was auch negative Seiten hat. Es nervt oft, ist auch unansehnlich und schmerzhaft. Aber ich möchte mich auf Augenhöhe mit allen anderen Menschen fühlen. Ich bin eine fruchtbare Frau und ich weiß, wieso. Dieses Buch hat es geschafft, dass ich Freundschaft mit mir geschlossen habe.

Von Andrea Mayer-Halm/RND

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