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Wissen Schalter im Kopf: Hirnimplantate für Drogensüchtige?
Nachrichten Wissen Schalter im Kopf: Hirnimplantate für Drogensüchtige?
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06:00 10.05.2019
Ein Patient im Ruijin Hospital in Shangai, kurz nach seiner Operation, bei der sein Gehirn mit Elektroden bestückt wurde. Quelle: AP/Erika Kinetz
Shanghai

Seit 2011 hatte Yan synthetische Drogen genommen. Sein Leben war außer Kontrolle geraten. Deswegen willigte er ein, sich von Ärzten ein winziges Loch durch den Schädel bohren zu lassen. Sein Gehirn wurde bei der Operation mit Elektroden bestückt. Diese sollen ihm nun dabei helfen, die eigene Sucht zu bekämpfen – und zwar, im wahrsten Sinne des Wortes, durch Umlegen eines Schalters.

Die als Tiefe Hirnstimulation bekannte Technik kommt seit Jahren etwa bei Bewegungsstörungen wie Parkinson zum Einsatz. Forscher in China wollen die Potenziale nun auch in anderen Bereichen nutzen. Am Ruijin-Krankenhaus in Shanghai werden die „Hirnschrittmacher“ an Methamphetamin-Konsumenten getestet. Yan, der aus Sorge um seinen Job nur seinen Vornamen nennen will, war im Rahmen einer klinischen Studie der erste Patient.

Viele Länder skeptisch – außer West Virginia

Die Implantate können bis zu 100.000 Dollar kosten. Dies ist jedoch nicht der einzige Grund, warum Experimente an Menschen mit Drogenproblemen bisher selten zustande kamen. Zumindest in westlichen Ländern scheiterten derartige Projekte meist an den komplexen ethischen, sozialen und wissenschaftlichen Fragestellungen, die mit physischen Eingriffen ins Gehirn verbunden sind.

Angesichts der zunehmenden Zahl von Medikamenten-Abhängigen in den USA scheinen einige Experten das Verhältnis von Chancen und Risiken allerdings unter einem neuen Licht zu betrachten. Eine ähnliche Operation wie die, der sich der Chinese Yan unterzogen hat, könnte daher bald auch an amerikanischen Opioid-Süchtigen getestet werden. Die US-Arzneimittelbehörde FDA gab im Februar grünes Licht für eine Versuchsreihe im Staat West Virginia.

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Ehemalige Verfahren aus China schüren Skepsis

Weltweit gibt es laut Informationen der amerikanischen Behörden derzeit acht Versuche mit der Tiefen Hirnstimulation an Suchtpatienten. Sechs davon laufen in China – und einige Experten sind schon deswegen skeptisch. Denn einst wurde dort bei der Behandlung von Heroin-Konsumenten oft gezielt etwas Hirngewebe zerstört. Viele der Patienten litten später an Stimmungsschwankungen, Gedächtnisverlust oder Sexualstörungen. Daraufhin stoppte das Gesundheitsministerium in Peking das Verfahren 2004 in den meisten Kliniken.

Neun Jahre später berichtete dann ein Militärkrankenhaus in Xi’an, von 1167 der auf diese Art behandelten Patienten habe etwa die Hälfte mindestens fünf Jahre lang keine Drogen mehr genommen. Vor diesem Hintergrund werden in China nun große Hoffnungen in die Tiefe Hirnstimulation gesteckt – zumal bei diesem Verfahren keine Zellen zerstört werden, sondern lediglich ein theoretisch sogar reversibler Eingriff erfolgt.

Kritiker: Fantastisch, aber derzeit unrealistisch

Kritiker wenden jedoch ein, die Technik sei unausgereift und ignoriere die komplexen biologischen, sozialen und psychologischen Faktoren, die bei einer Sucht eine Rolle spielten. Tatsächlich ist die Wirkungsweise der Tiefen Hirnstimulation im Detail noch gar nicht wissenschaftlich erforscht. Viele internationale Experten äußern zudem generelle Vorbehalte gegenüber Qualität und ethischen Rahmenbedingungen bei klinischen Studien in China.

„Es wäre fantastisch, wenn es eine Möglichkeit gäbe, einfach einen Schalter umzulegen. Aber im Moment ist das wohl unrealistisch“, sagt Adrian Carter, Leiter der Gruppe Neurowissenschaften und Gesellschaft an der Monash University im australischen Melbourne. „Das Forcieren einer solchen Vorstellung ist mit großen Risiken verbunden.“ Gerade wegen der Opioid-Krise in den USA werden effektive Lösungen allerdings mehr gebraucht denn je. Mehr als eine halbe Million Amerikaner sind in den zehn Jahren bis 2017 an den Folgen von Überdosen gestorben.

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US-Labore stellten Versuche wieder ein

Mindestens zwei amerikanische Labore haben klinische Studien, bei denen Tiefe Hirnstimulation zur Behandlung von Alkoholabhängigkeit getestet werden sollte, trotzdem wieder eingestellt. „Der Mangel an wissenschaftlicher Eindeutigkeit, das wichtige aber strenge Regulierungssystem sowie die hohen Kosten und Risiken der Operation machen klinische Versuche mit Tiefer Hirnstimulation im Hinblick auf Sucht in den USA derzeit schwierig“, sagt Dr. Emad Eskandar vom Albert Einstein College of Medicine in New York.

Der chinesische Hersteller Scene Ray hat im eigenen Land inzwischen die Zulassung seiner Geräte zur Tiefen Hirnstimulation auch für den Einsatz bei Opioid-Sucht beantragt. Zugleich stellt das Unternehmen die Finanzierung für Versuche mit 60 Probanden bereit. In den USA habe die FDA einen Antrag auf eine klinische Studie abgelehnt, sagt Scene-Ray-Chef Ning Yihua.

Was macht diese Maschine in seinem Kopf?

Ein Antrag der West Virginia University wurde hingegen bewilligt. Dr. Ali Rezai, Leiter des an der Universität angesiedelten Rockefeller Neuroscience Institute, hofft auf einen Beginn des Projekts im Juni. „Die Leute sterben“, sagt er. „Ihr Leben ist zerstört.“ Der Grund dafür sei ein Problem im Gehirn. Und da müssten alle Möglichkeiten ausgelotet werden.

Auch das Leben des Chinesen Yan lag bis vor Kurzem in Trümmern. Nach Jahren der Drogensucht hatte er nicht nur seine Frau und sein Geld verloren, sondern vor allem seine Selbstachtung. Auf der Suche nach Hilfe stieß er schließlich auf das Ruijin-Krankenhaus. Die neue Maschine in seinem Kopf bezeichnet er zumindest jetzt – sechs Monate nach der Operation – als geradezu magisch. „Sie steuert dein Glück, deinen Ärger, deine Trauer und deine Freude“, sagt er. Gleichzeitig greift er aber auch immer wieder an das Kabel, das über seinen Nacken zu Elektroden in seinem Hirn führt, und fragt sich: Was macht diese Maschine in seinem Kopf.

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Von RND/AP

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