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Wissen Brustkrebs-Bluttest: Hat das Uniklinikum Heidelberg junge Forscher abgezockt?
Nachrichten Wissen Brustkrebs-Bluttest: Hat das Uniklinikum Heidelberg junge Forscher abgezockt?
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15:58 04.04.2019
Dieses Foto gehörte zur PR-Kampagne: Prof. Sarah Schott und Prof. Christof Sohn von der Universitäts-Frauenklinik des Universitätsklinikums Heidelberg Quelle: Foto: Uniklinikum Heidelberg
Berlin/Heidelberg

Als „Meilenstein“ mit baldiger Marktreife pries der Chef der Heidelberger Frauenklinik einen Test zur Krebsfrüherkennung an – seither reißt die Kritik an Christof Sohns PR-Kampagne nicht ab. Viel zu früh sei der Bluttest auf Brustkrebs der Öffentlichkeit präsentiert worden, urteilt die Fachwelt. Die Frage nach den wirtschaftlichen Hintergründen wird lauter. „Wenn aus wirtschaftlichen Interessen unüberprüfbare Ergebnisse an die Öffentlichkeit gegeben und damit ungerechtfertigte Erwartungen geweckt werden, wirft das einen Schatten auf das Image der Forschung“, sagt der Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft, Johannes Bruns.

Christof Sohn ist laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ (RNZ) zu gut vier Prozent an dem Unternehmen Heiscreeen, einer Ausgründung der Uniklinik zur Vermarktung des Bluttests, beteiligt. Noch mehr Anteile hält er demnach bei der Heiscreen NKY GmbH zur Vermarktung des Tests in China. Auch Oberärztin und Projektleiterin Sarah Schott ist bei beiden Firmen mit im Boot. Ein undurchschaubares Firmengeflecht um die Vermarktung des Tests ist entstanden. In dem Bereich locken Milliardengewinne.

Sorgte PR-Aktion für beachtlichen Aktienkurs-Anstieg?

Wie die RNZ unter Berufung auf interne Kreise schreibt, fliegen die beiden Leiter der Brustkrebs-Studie, Sohn und Schott, regelmäßig nach China – und unterschreiben dabei offenbar im Namen des Uniklinikums Kooperationsvereinbarungen. Möglicherweise habe es für die PR-Aktion Absprachen des Uniklinikums mit der chinesischen Partnerfirma gegeben.

Nachdem das Uniklinikum am 21. Februar die Meldung vom „marktfähigen Bluttest für Brustkrebs“ veröffentlicht hatte und ein weltweites Echo auslöste, sei die Aktie der chinesischen Firma NKY Medical, die den Brustkrebs-Bluttest in China vermarkten soll, gestiegen – um bis zu 55 Prozent, schreibt das Blatt.

„Wirtschaftliche Interessen in den Vordergrund gestellt“

„Wenn Geld und Wissenschaft in einer Hand zusammenkommen, stellt sich schon die Frage nach Interessenkonflikten“, sagt Bruns. Die Deutsche Krebshilfe sieht das ähnlich. Ihr Vorstandsvorsitzender Gerd Nettekoven sagte der „Neuen Osnabrücker Zeitung“, Sohn stelle offensichtlich wirtschaftliche Interessen in unverantwortlicher Weise vor das Wohl der betroffenen Frauen.

Während Sohn sich als Entdecker des Tests gibt, könnten die ursprünglichen Entwickler leer ausgehen: Den Forschern um Rongxi Yang haben Uniklinik und Technologie Transfer Heidelberg GmbH laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ womöglich ihren finanziellen Anspruch auf einen Teil der Erlöse aus der Verwertung des Bluttests verwehrt.

Heidelberger GmbH soll Entwickler ausgebremst haben

Die jungen Wissenschaftler waren 2016 für ihre Forschung zu einem „hoch zuverlässigen und präzisen diagnostischen Test für die Erkennung von Brustkrebs in einem äußerst frühen Stadium“ von Bundeswirtschaftsministerium und EU gefördert worden. Das Programm soll Existenzgründungen unterstützen.

Im Frühjahr 2017 stand eine Firmengründung kurz bevor – wurde aber laut „Rhein-Neckar-Zeitung“ von der Technologie Transfer Heidelberg GmbH, einer Tochter des Uniklinikums zur Vermarktung wissenschaftlicher Erkenntnisse aus der Medizin, vereitelt.

Bluttest im Labor des Universitätsklinikums Heidelberg. Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

Uniklinik verweist auf Kommission – und schweigt

Weder von dem Unternehmen noch von der Uniklinik und dem Chef der Frauenklinik sind derzeit Stellungnahmen zu den Vorwürfen zu erhalten. Kliniksprecherin Doris Rübsam-Brodkorb verweist auf die Aufarbeitung durch eine Kommission, die Matthias Kleiner, Präsident der Leibniz-Gemeinschaft, leiten wird. Die weitere Zusammensetzung und die Fristen seien noch unklar.

Auf Sicht Bruns’ von der Krebsgesellschaft sind Ausgründungen aus Unikliniken ein zweischneidiges Schwert: „Mit zu frühen Ausgründungen tut man sich keinen Gefallen.“ Wissenschaftler, die bislang frei forschen konnten, müssten auf einmal wirtschaftlichen Zwängen gehorchen, etwa um Investoren anzuziehen.

„Wir brauchen zuverlässige Regeln“

Die Universität sieht allein die Klinik in der Verantwortung für die PR-Aktion Sohns. „Das ist keine Angelegenheit der Universität“, sagt Uni-Sprecherin Marietta Fuhrmann-Koch. Zu hinterfragen sei aber, ob die Regeln zur guten wissenschaftlichen Praxis angepasst werden müssten. „Es wird für die Wissenschaft immer bedeutsamer, ihre Ergebnisse in die Gesellschaft zu tragen. Wir brauchen daher an den Schnittstellen von Forschung, Wissenstransfer und Vermarktung von Wissen verlässliche Regeln.“

Fachgesellschaften, Mediziner und Statistiker hatten das Vorgehen Sohns heftig kritisiert. Üblich sei vor einer Information der Öffentlichkeit eine Publikation in einem Fachjournal, wo Studien von Gutachtern bewertet würden, erklärt Bruns. Zu dem Brustkrebs lägen keine solchen Daten vor. Sich der kritischen Fachwelt zu stellen, sei aber ein wichtiges Mittel zur Qualitätssicherung. Sohn habe mit seiner Art der Kommunikation nicht nur der Wissenschaft, sondern auch sich selbst geschadet. Wenn er mit verwertbaren Ergebnissen in drei vier Jahren an die Öffentlichkeit trete, werde er womöglich nicht mehr ernst genommen.

„Sensation aus Heidelberg“: PR-Offensive ging weiter

Ende Februar hatte die Heidelberger Uniklinik den Krebs-Bluttest von der „Bild“-Zeitung als „Weltsensation“ feiern lassen und eine PR-Kampagne ins Rollen gebracht.

Über Wochen hagelte es Kritik am Vorgehen der Heidelberger Mediziner. Daraufhin entschuldigte sich die Uniklinik. Mit der PR-Offensive war damit aber offenbar noch nicht Schluss. Noch einen Monat nach dem „Bild“-Artikel erschien ein weiterer Jubelbericht, diesmal als Titelgeschichte im „Fokus“. Immerhin war die Rede nun nicht mehr von einer Weltsensation, sondern von der „Sensation aus Heidelberg“.

Von RND/dpa/Julia Giertz/Sonja Fröhlich

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