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22:10 13.09.2019
Denkmal von Alexander von Humboldt in Berlin Quelle: imago stock&people

Viele haben schon danach getrachtet, Alexander von Humboldt für ihre Zwecke einzuspannen. Vor ein paar Jahren etwa wurde er in Daniel Kehlmanns Bestsellerverfilmung „Die Vermessung der Welt“ (2005) als verschrobener Forscher vorgeführt, der sich von Menschenfressern zum Grillabend einladen ließ und als wahrer Datennerd unterwegs war.

Der weltreisende Naturforscher hat aber auch schon weniger amüsante Indienstnahmen über sich ergehen lassen müssen, besonders im 20. Jahrhundert: Die Nationalsozialisten etwa versuchten, ihn als „Herrenmenschen“ zu etikettieren, der bei der Welteroberung schon mal ganze Arbeit geleistet hatte.

Man sollte also vorsichtig sein, Humboldt als Vordenker einer wie auch immer gearteten Gegenwart zu erklären. Und doch: Heute ist er als Leitfigur für eine genauso ökologische wie kosmopolitische Sicht der Welt plausibel.

Humboldt dachte die ganze Welt zusammen

Zum 250. Geburtstag am 14. September blickt man verblüfft auf die Aktualität dieses Universalgelehrten. Man muss nur mal die Bemerkung zitieren, die er seinem imposanten Hauptwerk „Kosmos“ vorausschickte: „Ich habe den tollen Einfall, die ganze materielle Welt, alles was wir heute von den Erscheinungen der Himmelsräume, von den Nebelsternen bis zur Geographie der Moose auf den Granitfelsen wissen, alles in einem Werke darzustellen, und in einem Werke, das zugleich in lebendiger Sprache anregt und das Gemüth ergötzt. Jede große und wichtige Idee, die irgendwo aufglimmt, muß neben den Thatsachen hier verzeichnet sein.“

Da denkt sich jemand die ganze Welt zusammen – egal wie unwirtlich die Situation ist, in der er sie erkundet, zum Beispiel bei der Besteigung des 6310 Meter hohen Vulkangipfels Chimborazo in Südamerika.

Am 23. Juni 1802 ist es so weit: Die einheimischen Träger sind ermattet weiter unten zurückgeblieben. Humboldt und sein Gefährte, der Botaniker Aimé Bonpland, bluten aus dem Zahnfleisch, ihnen ist schlecht in dieser Höhe, aber Humboldt hält im preußischen Gehrock, ohne Handschuhe und mit aufgeschlitzten Schuhen durch – er sammelt und misst, um ja die größeren Zusammenhänge nicht aus dem Blick zu verlieren.

Charles Darwin hatte Humboldts Schriften in seiner engen Kabine

Ganz auf den Gipfel haben sie es damals nicht geschafft, trotzdem: Das war ein Höhenweltrekord, von dem Reinhold Messner noch heute schwärmt.

Manchmal war es auch schwierig mit den Notizen: „Man kann die Feder nicht ruhig halten, so wüthend schmerzt das Gift der Insekten“, schrieb er, als Moskitoschwärme den Himmel verdunkelten. „Alle unsere Arbeit musste daher beim Feuer, in einer indianischen Hütte, vorgenommen werden, wo kein Sonnenstrahl eindringt, und in welcher man auf dem Bauche kriechen muss. Hier aber erstickt man wieder vor Rauch.“

Viele haben Humboldt gewürdigt, auch Charles Darwin, der 1831 auf der „HMS Beagle“ Humboldts Schriften in seiner engen Kabine verstaut hatte. Am meisten aber verehren ihn wohl bis heute die Südamerikaner. Sie lobpreisen ihn als den eigentlichen Entdecker ihres Kontinents, der nicht wie die Konquistadoren kam, um sie auszuplündern.

In Ecuadors Hauptstadt Quito steht im Museum ein Klappbett in einer Vitrine, als handele es sich um eine wertvolle Reliquie. Auf dieser zerschlissenen Pritsche soll das Haupt Humboldts im tiefsten Dschungel geruht haben. „Vier Monate schliefen wir in den Wäldern, nichts genießend als Reis, Ameisen und bisweilen Affen“, schrieb er. Bewaffnet mit Sextanten, Fernrohren und Mikroskopen – insgesamt schleppte er 42 wissenschaftliche Instrumente mit sich herum – katalogisierte er begeistert Steine, Tiere und Pflanzen.

Ein aktuelles Zitat: „Der Mensch vergewaltigt die Natur“

Bis hinunter nach Lima reiste er, auch nach Kuba und nach Washington als Gast des amerikanischen Präsidenten Thomas Jefferson. Als er schon knapp 60 Jahre alt war und damit ein Greis für damalige Verhältnisse, brach er noch einmal bis nach Sibirien und an die Grenze des chinesischen Reichs auf. Und immer suchte er in kleinen Dingen die großen Verbindungen. Humboldt schuf ein internationales wissenschaftliches Netzwerk. Seine Korrespondenz ging weit über Europa hinaus, seine Texte wurden genauso in New York wie in Moskau, in Caracas wie auch in Bombay gedruckt.

Humboldts Biografin Andrea Wulf („Alexander von Humboldt und die Erfindung der Natur“) sieht im 1859 gestorbenen Humboldt einen Visionär, einen Vordenker der Umweltbewegung. Er wäre ihrer Ansicht nach schockiert, müsste er heute mit ansehen, wie wir unseren Planeten verwüsten. Der Forschungsreisende Humboldt wurde Zeuge, wie das Bewässerungssystem von Mexiko City anderen Tälern das notwendige Nass abgrub. In sein Notizbuch schrieb er: „Der Mensch vergewaltigt die Natur.“

Von hier bis zu der Erkenntnis, dass die globale Umweltzerstörung unsere Existenz gefährdet, ist es ein kleiner Schritt. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier wandelte Anfang des Jahres auf Humboldts Spuren durch Südamerika und pries ihn als jemanden, der die Vernetztheit allen Lebens erkannt habe. „Alles ist Wechselwirkung“, zitierte er Humboldt.

Der Forscher reiste als politisch denkender Mensch, der sich nicht zum Herrn über andere aufschwang, auch nicht über die indigenen Völker, wie es heute viele immer noch tun, wenn sie in Brasilien Raubbau am Regenwald betreiben. Humboldt befragte neugierig alle, denen er begegnete – wohl wissend, dass sie die eigentlichen Experten waren und er der Lernende.

Humboldt engagierte sich gegen Unterdrückung

Neugier und Wissensgier als ultimative Antriebskraft des Menschen: Vielleicht wären das auch wirksame Gegenmittel gegen all die digitalen Blasen, in denen wir heute schweben.

Den europäischen Kolonialisten hielt Humboldt vor: „Sich darüber streiten, welche Nation die Schwarzen mit mehr Humanität behandelt, heißt, sich über das Wort Humanität lustig zu machen und fragen, ob es angenehmer ist, sich den Bauch aufschlitzen zu lassen oder geschunden zu werden.“

Auch in Europa bezog er Front gegen Unterdrückung. Er stritt für die jüdische Emanzipation, engagierte sich für die vom hannoverschen König wegen ihres Eintretens für die Verfassung entlassenen Germanisten Jacob und Wilhelm Grimm. Er verfocht die Ideale der Französischen Revolution, seit er 1790 zusammen mit Georg Forster – noch so ein Weltreisender, zusammen mit Kapitän Cook – in Paris Zeuge des Umsturzes war.

Je länger man sich mit Alexander von Humboldt befasst, desto stärker möchte man sich auf ihn berufen. In einer Zeit, in der rund um den Globus Nationalisten triumphieren, Rassisten spalten und Populisten die Klimakatastrophe leugnen, können wir einen wie ihn gut gebrauchen.

Von Stefan Stosch/RND

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