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Wirtschaft Wachstum sinkt: Deutsche Wirtschaft schaltet einen Gang zurück
Nachrichten Wirtschaft Wachstum sinkt: Deutsche Wirtschaft schaltet einen Gang zurück
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13:55 15.01.2019
Im Container-Hafen von Bremerhaven wären sinkende Exporte deutlich zu spüren.
Im Container-Hafen von Bremerhaven wären sinkende Exporte deutlich zu spüren. Quelle: Carmen Jaspersen/dpa
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Berlin/Frankfurt

Dämpfer für die erfolgsverwöhnte deutsche Wirtschaft: Mit 1,5 Prozent fiel das Wachstum 2018 so gering aus wie seit fünf Jahren nicht. Vor allem internationale Handelskonflikte und Probleme der Autoindustrie bremsten Europas größte Volkswirtschaft. Der von manchen Ökonomen befürchtete Absturz in die Rezession zum Jahresende blieb ersten Schätzungen zufolge aber aus.

Das Statistische Bundesamt rechnet nach Angaben vom Dienstag nach der Delle im dritten Quartal mit einer Erholung im Zeitraum Oktober bis einschließlich Dezember. Für 2019 erwarten Volkswirte eine Fortsetzung des seit nunmehr neun Jahren anhaltenden Aufschwungs in Deutschland. Davon profitierte im vergangenen Jahr auch der Fiskus mit sprudelnden Einnahmen und einem Rekordüberschuss.

DIW: „Normalisierung nach einer Hochkonjunktur“

In der zweiten Jahreshälfte verlangsamte sich das Wachstumstempo zwar spürbar, aber die Wirtschaft dürfte im Schlussquartal wieder zugelegt haben. In einer ersten Schätzung gehen die Wiesbadener Statistiker von einem „leichten Plus“ für das vierte Quartal im Vergleich zum Vorquartal aus. Im dritten Vierteljahr war das Bruttoinlandsprodukt (BIP) um 0,2 Prozent geschrumpft. Bei zwei Quartalen in Folge mit sinkender Wirtschaftsleistung sprechen Ökonomen von einer Rezession.

„Trotz des schwachen Jahresabschlusses konnte eine technische Rezession gerade noch vermieden werden“, resümierte der Chefökonom des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), Claus Michelsen. Er wertet die jüngste Entwicklung als Normalisierung nach einer Periode der Hochkonjunktur. Obwohl 2018 deutlich hinter den Boomjahren 2016 und 2017 zurückblieb, lag das Wachstum weiterhin über dem Zehn-Jahresdurchschnitt von 1,2 Prozent.

IMK: Keine Angst vor Rezession

„Wir sehen zwar ein spürbar verlangsamtes konjunkturelles Tempo, aber keine Rezession“, befand auch Gustav Horn, wissenschaftlicher Direktor des Instituts für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) der Hans-Böckler-Stiftung.

Wie es genau weitergeht, hängt von einer Reihe von Unwägbarkeiten ab: „Sollten die Risiken - ein ungeordneter Brexit, eine neuerliche Staatsschuldenkrise im Euroraum oder ein Handelskrieg zwischen den USA und anderen Volkswirtschaften - ausbleiben, ist auch in diesem Jahr mit einer ordentlichen Wachstumsrate zu rechnen“, prognostizierte DIW-Volkswirt Michelsen. Ökonomen trauen der weltweit viertgrößten Volkswirtschaft im laufenden Jahr ein Plus zwischen 1,2 Prozent und 1,8 Prozent zu.

Privater Konsum wächst langsamer

Die Unternehmen selbst sehen sich vor steigenden Herausforderungen: „Die rosigen Wachstumszeiten der vergangenen zehn Jahre laufen aus. Das Umfeld wird rauer und verlangt den Unternehmen erhebliche Anstrengungen ab, um ihre Wettbewerbsposition zu halten“, erläuterte der Präsident des Außenhandelsverbandes BGA, Holger Bingmann. „Es wäre daher ein wichtiges Signal, dass sich die Politik wieder stärker um die wirtschaftliche Entwicklung und Standortfragen kümmert.“

Mehr als in den Vorjahren musste sich die Wirtschaft 2018 auf die innerdeutsche Nachfrage verlassen – vor allem auf die Kauflust der Verbraucher. Allerdings fiel der Zuwachs der privaten Konsumausgaben (plus 1,0 Prozent) deutlich geringer aus als in den vergangenen drei Jahren. Der private Konsum macht gut die Hälfte des BIP aus.

Hinzu kamen gestiegene Investitionen vieler Unternehmen in Ausrüstungen, Bauten und sonstige Anlagen sowie der Bauboom. Auch die Konsumausgaben des Staates, zu denen soziale Sachleistungen und Gehälter der Mitarbeiter zählen, legten dem Bundesamt zufolge zu.

Arbeitsmarkt stützt die Nachfrage

Die Kauflaune der Verbraucher hängt mit der historisch günstigen Lage auf dem Arbeitsmarkt zusammen. 2018 wurde die Wirtschaftsleistung von rund 44,8 Millionen Erwerbstätigen erbracht, etwa 562.000 mehr als im Jahr davor, wie die Statistiker in Berlin erklärten: „Gleichzeitig waren auf dem deutschen Arbeitsmarkt so viele Stellen unbesetzt wie noch nie.“

Der Außenhandel fiel als Wachstumstreiber aus. Nach den vorläufigen Berechnungen stieg der Export von Waren und Dienstleistungen zwar auch 2018, aber mit plus 2,4 Prozent nicht mehr so stark wie in den Vorjahren. Die Importe legten zudem mit plus 3,4 Prozent kräftiger zu, so dass der Außenbeitrag unter dem Strich negativ ausfiel.

Trumps Handelsstreit ist großes Risiko

Die von US-Präsident Donald Trump angeheizten Handelskonflikte belasten das Exportgeschäft, wenngleich sich nicht beziffern lässt, wie stark dieser Effekt zu Buche schlägt. Hinzu kamen Probleme der Autoindustrie bei der Einführung des neuen Abgas- und Verbrauchsstandards WLTP. Die Hersteller mussten deswegen zeitweise ihre Produktion drosseln. Das hatte die Wirtschaftsentwicklung im dritten Quartal ebenso belastet wie das Niedrigwasser wegen der Sommerhitze, das den Transport etlicher Güter behinderte.

Von der seit Jahren positiven Konjunktur und den anhaltend niedrigen Zinsen profitiert weiterhin auch der Fiskus. Der deutsche Staat konnte nach Berechnungen der Statistiker 2018 zum fünften Mal in Folge mehr Geld einnehmen als ausgeben. Der Überschuss von Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen machte unter dem Strich 1,7 Prozent des BIP aus, nach 1,0 Prozent im Vorjahr. Er stieg auf den Rekordwert von rund 59,2 Milliarden Euro. Ein wenn auch minimales Defizit hatte Deutschland zuletzt 2013 verbucht.

Von RND/dpa