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Wirtschaft Vernetzte Batterien: Gemeinsam unter Strom
Nachrichten Wirtschaft Vernetzte Batterien: Gemeinsam unter Strom
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18:01 18.08.2018
Das Start-up Sonnen baut ein Netzwerk aus Batterien auf, die mit erneuerbaren Energien befüllt werden – und liefert damit Antworten auf Probleme, die Energiewendekritiker bisher als unüberwindbar bezeichneten. Quelle: Jacqueline Schulz
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Schkopau

Wildpoldsried im Allgäu. Gerade einmal 2500 Einwohner leben hier. Und doch könnte von diesem unscheinbaren Ort im Grünen eine Revolution ausgehen: eine unscheinbare zwar, aber eine mit gewaltigen Konsequenzen – weg von den großen Energieversorgern, hin zur Selbstversorgung mit erneuerbaren Energien.

Vor acht Jahren gründete sich in Wildpoldsried das Start-up Sonnen. Es stellt schuhregalgroße Batterien her, die erneuerbare Energien bei Bedarf auf- und wieder entladen können. So weit, so gewöhnlich. Ungewöhnlich hingegen ist die Idee, diese Batterien zu vernetzen.

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Denn wer eine Sonnen-Batterie kauft, kann Teil eines Netzwerks werden wie bereits Tausende weitere Batteriebesitzer. Das Prinzip funktioniert vereinfacht gesagt so: Die Batteriebesitzer spenden einander Energie, wenn der eine davon zu viel und der andere davon zu wenig hat.

Gerd Spanier aus Schkopau hat zwei Solaranlagen auf das Dach seines Hauses setzen lassen. Quelle: Jacqueline Schulz

Wie das genau funktioniert, versteht, wer Gerd Spanier im sachsen-anhaltischen Schkopau besucht. Vor anderthalb Jahren schlossen er und seine Frau sich dem Sonnen-Netzwerk an. Zwei Solaranlagen setzten sie sich dazu aufs Dach. Die produzieren reichlich Strom, allerdings meist zu Zeiten, in denen die Spaniers ihn am wenigsten brauchen: vormittags um 11 Uhr zum Beispiel.

In dieser Zeit lädt die Sonne den Akku auf. Die überschüssige Energie speisen die Spaniers ins Sonnen-Netzwerk ein. Aus dem können dann wiederum andere Mitglieder ihren Strom beziehen, wenn sie mehr Energie benötigen, als bei ihnen gerade verfügbar ist. Strom aus dem sonnenreichen Schkopau gelangt so zu anderen Mitgliedern der Gemeinschaft, denen die Sonne gerade keinen Besuch abstattet, solchen im regenreicheren Hamburg beispielsweise.

Die anderen wiederum stellen Strom bereit, wenn über Schkopau gerade die Wolken hängen. Und wenn die Sonne überall in Deutschland schwächelt, helfen Mitglieder der Gemeinschaft aus, die stattdessen Wind- und Biogasenergie erzeugen. So können Haushalte es schaffen, 100 Prozent ihres Strombedarfs aus erneuerbaren Energiequellen zu decken.

Eine ganze Teststadt in Arizona

“Durch die Vernetzung aller Energiequellen produzieren wir zum Beispiel jetzt im Sommer etwa dreimal so viel Energie, wie unsere Haushalte eigentlich benötigen würden“, sagt Christoph Ostermann, einer der beiden Gründer von Sonnen.

In den USA wird Ostermanns Unternehmen bald eine ganze Stadt mit autonomer Energie versorgen. “Wenn die Amerikaner neu bauen, dann machen sie das deutlich umfangreicher als die Deutschen“, sagt er. “Nicht zwei, drei Häuschen, sondern gleich eine ganze Siedlung bauen sie.“ In diesem Fall: Jasper. In Nord-Arizona soll Jasper entstehen. Rund 3000 Häuser bauen die Amerikaner dort, jedes ausgestattet mit Solaranlage und Batterie. Verbunden im Netzwerk versorgen sich die Stromspeicher dann gegenseitig mit Strom.

“Das ist die Stadt der Zukunft“, sagt Sonnen-Co-Geschäftsführer Philipp Schröder. Einst war er Elon Musks Mann für Tesla in Deutschland. Nach seinem Wechsel zu Sonnen sagt er in einer Pressemeldung seinem ehemaligen Arbeitgeber nun den Kampf an: “Dass wir im Heimatmarkt von Tesla dieses Projekt realisieren konnten, zeigt, dass wir technologisch im Bereich Energie an Tesla in den USA vorbeiziehen.“

Mit dem Smartphone hat er Produktion und Verbrauch seines Stroms im Blick. Quelle: Jacqueline Schulz

Ob das wirklich gelingt, wird die Zukunft zeigen. Allerdings liefert das Modell Sonnen tatsächlich Antworten auf Fragen, die Energiewendekritiker bisher als unüberwindbar bezeichneten. So beteiligt sich das Unternehmen auch am Ausgleich von Unregelmäßigkeiten im Stromnetz. Denn je mehr Energie aus erneuerbaren Quellen stammt, desto unregelmäßiger kommt der Strom: Sonne scheint nicht immer gleichmäßig, planbar ist sie schon gar nicht. Gleiches gilt für Wind. Entsprechend gibt es mal viel zu viel und mal viel zu wenig Energie.

Die vernetzten Stromspeicher überall in Deutschland können diesen Wechsel von zu viel zu zu wenig ausgleichen. Und je mehr Batterien es gibt, desto besser gelingt der Ausgleich. Deswegen vernetzt Sonnen mittlerweile nicht nur Ökostromproduzenten miteinander, sondern auch Menschen, die sich entscheiden, allein eine Batterie zu kaufen und sie dem Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Entsprechend können auch Großstädter und Mieter, die kein eigenes Dach haben, Teil des Netzwerks werden.

Stromflatrate für 20 Euro im Monat

Im Gegenzug erhalten sie alle – Stromerzeuger und Batteriebesitzer – eine Stromflatrate: Für 20 Euro im Monat bekommen sie so viel Strom, wie sie durchschnittlich verbrauchen, und dazu noch einen Puffer. Nur wer deutlich überdurchschnittlich Strom verbraucht, muss draufzahlen. Dafür darf Sonnen auf die vernetzten Batterien zugreifen und für das Energiesystem Strom auftanken und abgeben.

Auch für E-Autos hält das Start-up eine Lösung bereit. Diese nämlich brauchen zum Laden mehr Strom als üblich. Schon ab 20, 25 Wagen, die gleichzeitig laden, könnten lokale Stromnetze überfordert sein. Und weil die Arbeitsrhythmen der Deutschen sich ziemlich ähneln, ist dieses Szenario recht wahrscheinlich.

Wer sein Auto mit dem Ladegerät von Sonnen auflädt, ist ebenfalls Teil des Netzwerks. Das sorgt dafür, dass nie zu viele Autos gleichzeitig am Stromnetz “auftanken“. Fahrer müssen dazu einstellen, wann das Auto wieder vollgeladen sein soll. Der Auflader nutzt dann für das E-Auto so viel selbst produzierten Solarstrom wie möglich aus der Sonnen-Batterie. Reicht dieser nicht aus, steht das Netzwerk mit überschüssigem Strom aus erneuerbaren Energien zur Verfügung.

Größtes Hindernis bei der breiten Umsetzung allerdings ist noch immer der Preis. Eine Batterie kostet 4000 Euro – im günstigsten Fall. Quelle: Jacqueline Schulz

Größtes Hindernis bei der breiten Umsetzung allerdings ist noch immer der Preis. Eine Batterie kostet 4000 Euro – im günstigsten Fall. Zwar spricht der Hersteller eine Garantie von mehr als zehn Jahren aus und hat sich die Batterie nach einigen Jahren refinanziert, eine Hürde ist dieser Preis trotzdem.

Für Gerd Spanier aus Schkopau indes waren andere Argumente wichtiger: “Ich habe das aus Überzeugung gemacht. Nicht, weil es sich rechnen soll. Wenn ich in zehn Jahren noch lebe und die Anlage hat sich finanziert, dann ist gut. Wenn nicht, dann auch.“ Immerhin: Für die, die gerade bauen, rechnet es sich, beim Stromteilen mitzumachen. Je länger die Zukunft, desto höher ist der Gewinn. Zumal sich der durchschnittliche Stromverbrauch je Haushalt Schätzungen zufolge noch einmal massiv erhöhen wird.

Spanier hat ein Schild neben seine Batterie gehängt. “Wer will, dass die Welt so bleibt, wie sie ist, will nicht, dass sie bleibt.“ Das Teilen von Strom könnte der Anfang einer Veränderung sein: weg von der Abhängigkeit von den Großen, hin zur energetischen Selbstversorgung.

Von Julius Heinrichs