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Wirtschaft No-Deal-Brexit: Diese Branchen müssen mit gravierenden Folgen rechnen
Nachrichten Wirtschaft No-Deal-Brexit: Diese Branchen müssen mit gravierenden Folgen rechnen
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08:58 23.01.2019
Das No-Deal-Szenario würde vor allem die Autobauer treffen, da sie hochgradig integriert fertigen. Quelle: BMW/dpa
Frankfurt

Der No-Deal-Brexit rückt näher. Für viele Unternehmen werden die Folgen gravierend sein. Die EU-Kommission will mit einem Paket von Notfall-Maßnahmen die schlimmsten Verwerfungen abfedern. Wir erläutern, welche Branchen wie stark betroffen sind.

Luftfahrt: Ein harter Brexit würde die Fliegerei unmittelbar treffen. Passiert bis Ende März gar nichts, wird der Luftverkehr zwischen der Insel und der EU augenblicklich und vollständig zum Erliegen kommen. Denn Großbritannien scheidet dann auch aus dem „einheitlichen europäischen Luftraum“ aus, der gewährleistet, dass Fluggesellschaften aus dem Europäischen Wirtschaftsraum (EWR - EU plus Norwegen, Island, Liechtenstein) überall im EWR ohne Restriktionen nicht agieren können. Um den Kollaps zu vermeiden, hat die Brüsseler Kommission eine auf zwölf Monate befristete Verordnung vorgeschlagen, die zumindest die Flugverbindungen EU-Großbritannien gewährleisten soll.

Airlines wollen Aktionärsstruktur ändern

Das zweite Problem: Innerhalb des künftigen kleineren EWR dürfen nur die Airlines ungehindert agieren, die auch mehrheitlich im Besitz von Investoren aus dem EWR sind. Das ist vor allem für den britischen Billigflieger Easyjet ein großes Problem, denn nach Angaben vom Dienstag werden derzeit nur 49 Prozent der Aktien von Anteilseignern aus dem EWR (ohne Großbritannien) gehalten. Um über die 50-Prozent-Schwelle zu kommen, soll die Aktionärsstruktur verändert werden. Man erwäge, Stimmrechte von Investoren auszusetzen oder sie zu zwingen, die Papiere an EU-Investoren zu verkaufen, so Easyjet.

Ähnliche Probleme haben die Airlines der deutsch-britischen Reisekonzerne TUI und Thomas Cook. Da wird derzeit offenbar viel hinter den Kulissen verhandelt. Eine Cook-Sprecherin teilte am Diensttag auf Anfrage lediglich mit: Man stehe in „engem Dialog mit den zuständigen Behörden in Europa, um sicherzustellen, dass sich unsere Pläne auch bei einem No-Deal-Szenario umsetzen lassen.“ Ein TUI-Sprecher betonte, man vertraue auf die EU-Kommission, die verhindern wolle, dass Flugzeuge am Boden bleiben.

Automobilindustrie: Das No-Deal-Szenario würde vor allem die Autobauer treffen, da sie hochgradig integriert fertigen. Komponenten etwa für Motoren überqueren bis zur Endmontage teilweise mehrfach den Ärmelkanal. Ein harter Brexit würde vor allem bedeuten, dass Zölle bei der Einfuhr in die EU und in das Vereinigte Königreich erhoben würden. Das würde Autos verteuern und außerdem die Transporte von Komponenten behindern. Um die Formalitäten zumindest etwas zu beschleunigen, schlägt die EU-Kommission vor, dass Zollerklärungen möglichst schon im Voraus eingereicht werden sollen. Besonders kompliziert dürfte es dennoch für viele kleinere Firmen werden, die bislang mit Ein- und Ausfuhrbestimmungen keinerlei Erfahrungen haben – mehrere Dutzend deutsche Zulieferer haben auch Produktionsstätten in Großbritannien.

Unsicherheit auf dem britischen Automarkt

Langfristig gehen Experten davon aus, dass viele Autobauer, die jetzt noch auf der Insel aktiv sind, ihre Lieferketten neu stricken und die Fertigung für den europäischen Kontinent auch dorthin verlagern.

Offen ist, wie sich der britische Automarkt verändern wird. Der ist nämlich stark von EU-Importen abhängig. Sie machen gut 80 Prozent der im vergangenen Jahr verkauften 2,3 Millionen Neuwagen aus. Naheliegend ist die immer wieder geäußerte Vermutung, dass entweder das Preisniveau steigen und damit der Absatz sinken wird oder dass die Margen der Hersteller schrumpfen. Beides bekämen BMW, Mercedes und Volkswagen empfindlich zu spüren. Denn fast ein Fünftel der exportierten deutschen Autos geht auf die Insel. 2018 waren es noch knapp 720.000 Fahrzeuge.

Finanzdienstleistungen: Die britische Ökonomie ist stark von der Finanzindustrie abhängig. Bankhäuser aus aller Welt haben in London ihre europäischen Zentralen eingerichtet. Von dort aus wird ein großer Teil der Geschäfte mit der EU gesteuert und abgewickelt. Auch hier erwarten Branchenkenner auf längere Sicht massive Verlagerungen auf das Festland – nach Paris, Frankfurt oder Luxemburg. Denn eine neue Grenze würde auch Kapitalströme massiv behindern. Bei einem No-Deal-Brexit könnte deshalb der Finanzmarkt schnell in Schräglage geraten. Um dies zu verhindern, hat die EU-Kommission befristete Verordnungen vorgeschlagen, um den Handel mit Wertpapieren und deren Abrechnung zwischen EU und UK uneingeschränkt fortführen zu können.

Britische Pharmaindustrie als wichtiger Importeur

Pharma: Auch bei Medikamenten und Produkten der chemischen Industrie ist Großbritannien stark abhängig von Einfuhren vom europäischen Festland. So wird befürchtet, dass auf der Insel Arznei knapp werden könnte. Erheblich weniger kritisch ist die Lage hierzulande, obwohl britische Unternehmen wichtige Importeure sind. Aber die deutsche Pharmabranche hat immer noch 26 weitere EU-Staaten, die bei der Medikamentenbelieferung in die Bresche springen können. Und offensichtlich haben die Unternehmen auch schon vorgesorgt. So meldete kürzlich der Branchenverband VCI, dass 2018 das Handelsvolumen bei chemischen und pharmazeutischen Produkten mit UK um etwa zehn Prozent auf 16 Milliarden Euro eingebrochen ist. Der VCI vermutet, dass die Firmen sich bereits im vorigen Jahr vor allem im Pharmabereich neue Lieferanten auf dem alten Kontinent gesucht haben.

Lebensmittel: Gut ein Viertel der auf der Insel konsumierten Lebensmittel stammt aus der EU. Ein Großteil davon kommt aus Deutschland. Besonders Fleisch, Obst und Gemüse werden im Gesamtwert von mehr als zwei Millionen Euro jährlich exportiert. Zugleich führt Großbritannien bislang drei Viertel seiner Nahrungsmittelproduktion in die EU aus. Hierzulande machen die Importe von der Insel gut eine Milliarde Euro aus. Zölle und Grenzkontrollen werden besonders heftig durchschlagen, weil Nahrungsmittel möglichst schnell in die Regale der Supermärkte müssen und weil die Preise in der Regel sehr knapp kalkuliert sind. Vieles spricht dafür, dass sich hier die Warenströme zumindest teilweise neu organisieren – etwa indem auf der Insel mehr für den Eigenbedarf produziert wird.

Maschinenbau fordert einfache Zollformalitäten

Maschinenbau: Die deutschen Maschinenbauer haben immer wieder vehement vor einem harten Brexit gewarnt. Die Insel ist der fünftwichtigste Absatzmarkt für die Schlüsselbranche. Die gegenseitigen Abhängigkeiten sind besonders stark. 20.000 Beschäftigte arbeiten in britischen Werken deutscher Muttergesellschaften. Zugleich sind 16.000 Frauen und Männer hierzulande bei Unternehmen aus UK angestellt. Doch seit dem Brexit-Referendum ist der Handel mit Maschinen und Anlagen zwischen Deutschland und dem Vereinigten Königreich rückläufig. Um zu retten, was zu retten ist, fordert die hiesige Lobby VDMA neben vereinfachten Zollformalitäten, dass so schnell wie möglich ein Vereinbarungen über Normen und technische Standrads getroffen werden. Denn dies ist im Maschinenbau entscheidend, um auf einem ausländischen Markt überhaupt agieren zu können.

Währung: Viele Volkswirte vertreten die These, dass das Maß der Verwerfungen bei einem No Deal stark von der Entwicklung der Währungen abhängig ist. Stürzt das britische Pfund nach dem Brexit ab, können britische Exporteure ihre Produkte in der EU billiger verkaufen, was die neuen Zölle zumindest zum Teil kompensieren kann. Ein schwaches Pfund hätte aber für den Handel in die entgegengesetzte Richtung auch den entgegengesetzten Effekt – hiesige Exportunternehmen kämen massiv unter Druck.

Die Folgen für die deutsche Konjunktur und damit für Arbeitsplätze können gravierend sein. Indes geben sich viele Investmentbanker derzeit eher optimistisch. Unter anderem auch die Leute von Goldman Sachs: Die Entwicklungen der vergangenen Tage deuteten auf einen späteren, einen weicheren oder sogar auf gar keinen Brexit hin, sagte Währungsexperte Zach Pandl dem Finanzdienst Bloomberg. Er geht deshalb davon aus, dass das britische Pfund in diesem Jahr sogar stärker als alle anderen Währungen der zehn reichsten Industriestaaten zulegen wird.

Von Frank-Thomas Wenzel

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