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Promis Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an?
Nachrichten Promis Wie fühlt sich Schwerelosigkeit an?
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20:01 10.06.2016
Der erste deutsche Spaziergänger im Weltall: Der ehemalige Astronaut Thomas Reiter hat über 350 Tage in der Umlaufbahn verbracht – und würde mehr Menschen diese Erfahrung wünschen. Quelle: dpa
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Herr Reiter, andere träumen nur davon, Ihnen war es gleich zweimal vergönnt, die unendlichen Weiten des Weltraums zu erleben. Was vermissen Sie am meisten zurück auf der Erde?
Das Gefühl der Schwerelosigkeit, der Blick auf unseren Planeten von außen und die herausragende Aufgabe, im weiten Spektrum von wissenschaftlichen Forschungsthemen die verlängerte Hand, das Auge und der Kopf der Teams zu sein, die diese Experimente vorbereitet haben. Das vermisse ich schon, wenn ich am Schreibtisch sitze.

Verraten Sie uns Nichtastronauten: Wie fühlt es sich an, schwerelos zu sein?
Was dem Gefühl am nächsten kommt, ist das Tauchen. Aber auch dort ist die Schwerkraft noch zu spüren. In der Schwerelosigkeit reichen winzige Kräfte mit der Fingerspitze aus, um durch den Raum zu schweben. Die Tatsache, die dritte Dimension nutzen zu können, vogelgleich, ist ein Menschheitstraum. Oben, unten, kopfüber – das macht alles keinen Unterschied mehr. Die Kombination von diesem überwältigenden Ausblick mit dem Gefühl der Körperlosigkeit, das verstärkt die Wahrnehmung, im Weltraum zu sein, nochmals enorm.

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Blendet man die körperlichen Anstrengungen dabei aus? Wie lange haben Sie gebraucht, um sich an diesen Zustand zu gewöhnen?
Das ging recht schnell. Anfangs hat man ähnliche Symptome wie etwa bei einer Reisekrankheit. Das lässt sich aber ganz gut steuern. Dann beginnt das Genießen. Gleiche Symptome treten übrigens auch auf, wenn man zur Erde zurückkommt. Die ersten Stunden sind wirklich nicht sehr angenehm.

Gibt es auch in Ihrem Leben auf der Erde Momente, in denen Sie sich schwerelos gefühlt haben?
Es gab immer wieder Abschnitte im Leben: eine erfolgreich abgeschlossene Ausbildung, die Hochzeit, die Geburt meiner Söhne – das waren herausragende Momente in meinem Leben. Mit dem Gefühl der Schwerelosigkeit lässt sich das aber nicht eins zu eins vergleichen. Es ist anders. Das erlebt man nur im Weltraum. Dort stellt man eine Verbindung zu den anderen Eindrücken her, die man dort oben sammelt: den Blick auf die Erde – aber insbesondere auch in die entgegengesetzte Richtung, in das All.

Was haben Sie gesehen, als Sie der Erde den Rücken gekehrt haben?
Die Tiefen unserer Galaxie. Das ist überwältigend, dieser Blick wird durch keine Atmosphäre, keine Luftfeuchtigkeit und durch keinen Staub getrübt. Die Sterne funkeln nicht, sie leuchten gestochen scharf. So einen Sternenhimmel sieht man auch in den klarsten Nächten von der Erde nicht. Mich hat sofort das Fernweh erwischt, obwohl ich 400 Kilometer über der Erde schwebte. Wenn man doch nur in diese Richtung weiterfliegen könnte. Man bekommt einen Geschmack von der Unendlichkeit und dieser unglaublichen Vielfalt, die um uns herum herrscht. Und man bekommt ein Gefühl, wie winzig klein die Erde in Wirklichkeit ist.

Andere Perspektive auf den Planeten: Sonnenlicht wird vor Südamerika reflektiert, fotografiert von ESA-Astronautin Samantha Cristoforetti, die 2014 auf der ISS arbeitete. Quelle: ESA / NASA

War Ihnen in diesem Moment bewusst, dass Sie nur einer von wenigen Hundert Menschen sind, die dieses Erlebnis teilen?
Zunächst kommt diese Überwältigung. Mit der Zeit wird einem dann bewusst, was für ein Glück man eigentlich hat, das alles erleben zu dürfen. Ich wünschte mir, dass eher morgen als übermorgen möglichst viele Menschen diesen Blick erleben können. Ich bin fest davon überzeugt, dass das mehr als alles andere dazu beitragen könnte, die Probleme und Konflikte, die wir heute auf der Erde miteinander haben, zu überkommen. Das hört sich ein wenig naiv an, aber ich empfinde das wirklich so.

Verändert dieser Blick von außen den Blick auf die Welt?
Astronauten haben alle ähnliche Erfahrungen gesammelt. Alexander Gerst hat von den Leuchtspuren der Raketen im Israel-Palästina-Konflikt berichtet, die im Dunkeln aufblitzten. Bei meiner ersten Mission tobte der Konflikt auf dem Balkan. Als wir nachts über Europa flogen, war alles hell erleuchtet. Der gesamte Balkan glich einem schwarzen Loch. Mit dem Wissen, was sich dort aktuell zuträgt, geht einem das sehr nahe. Von dort oben sind die Wüsten wunderschön anzuschauen. Als wir über die Sahara flogen, waren wir von dem Farbschauspiel total begeistert. Dann sahen wir Rauchpilze über dem Libanon aufsteigen. Dieser Blick von außen würde den Menschen sicher helfen, ein anderes Verständnis für unseren Planeten und ein Miteinander zu bekommen.

Auf den Raumstationen haben Sie gezeigt, dass ein internationales Miteinander prima funktionieren kann.
Die Zusammenarbeit zwischen den ISS-Partnern – das sind fünf Raumfahrtagenturen, die 16 Nationen repräsentieren –  läuft hervorragend. Gerade in solchen Krisenzeiten, wie wir sie aktuell erleben, ist es umso wichtiger, dass es Beispiele gibt, wie unterschiedliche Nationen, auch wenn sie in anderen Bereichen unterschiedliche Positionen vertreten, gemeinsame Ziele verfolgen können. Das findet in der Öffentlichkeit zu wenig Beachtung. Wir stehen in diesem Jahr vor einer Ministerratskonferenz, auf der die Budgets für die Esa-Programme festgelegt werden. Viele stellen die Frage nach dem Kosten-Nutzen-Verhältnis. Der politische Aspekt dieser Kooperation, und das ist immerhin der auslösende Faktor des Zustandekommens der Zusammenarbeit, wird leider viel zu sehr in den Hintergrund gespielt. Ich halte hingegen die internationale Kooperation neben der Wissenschaft und Innovation für mindestens ebenso wichtig.

Spürte man als Astronaut die irdischen Probleme untereinander?
Konflikte gab es nicht. Man teilt diese Eindrücke im Weltall. Jeder verarbeitet sie anders, bringt sie in einen anderen Kontext. Man kann sich diesem Eindruck, der so weit jenseits des irdischen Erfahrungshorizonts liegt, nicht entziehen. Das geht so weit unter die Haut, in Mark und Bein, das verbindet.

Zu Ihren Aufgaben gehörte es, die schützende Hülle der Raumstation zu verlassen und mehr oder weniger frei durch den Weltraum zu spazieren. Wie war es für Sie, 400 Kilometer über unseren Köpfen nur im Raumanzug zu arbeiten? Hatten Sie Angst?
Wenn man die Möglichkeit hat, nach draußen zu gehen, toppt das noch einmal alles. Näher kann man dem Weltraum nicht kommen. In der Raumstation wird man von der Technik geschützt. Draußen fühlt man sich als Individuum in der Unendlichkeit.

"Näher kann man dem Weltraum nicht kommen": Thomas Reiter während eines knapp sechsstündigen Weltraumspaziergangs auf der ISS im Jahr 2006. Quelle: NASA

Dabei haben Sie aber auch sehen müssen, wie schädlich der Mensch für die Erde ist.
Aus dem Erdorbit erkennt man mit bloßem Auge, wie groß der Einfluss des Menschen auf unsere Umwelt ist.  Es überrascht, wie dünn und zerbrechlich unsere Atmosphäre von dort oben aussieht. Und wenn man in der Zeitung von der Abholzung des Regenwaldes liest, dann ist das gefühlt weit weg. Wenn man aber über Südamerika fliegt, diese riesigen Schneisen erblickt, die in den Regenwald geschlagen werden, dann ist das beängstigend. Es ist so wichtig, unseren eigenen Planeten zu schützen. Die Raumfahrt ist nicht dazu da, um, sobald wir hier alles abgeholzt und vergiftet haben, zum nächsten Planeten zu fliegen, um so weiterzumachen.

Gab es eine ganz besondere Situation, die Ihnen in Erinnerung geblieben ist?
Ich bekam zum ersten Mal den Blick von außen auf die Station und schaute dann auf den Horizont, wo gerade die Sonne aufging. Mir stockte der Atem und ich dachte: Das ist so schön, das kann es eigentlich gar nicht geben. Wenn man sich dann mit dem Rücken der Raumstation zuwendet, in 400 Kilometern Höhe und mit einer Geschwindigkeit von 28 000 Kilometern pro Stunde über die Kontinente schwebt, das kann man gar nicht in Worte fassen. Das ist so weit abseits des Normalen.

In den Science-Fiction-Filmen fällt stets die Ruhe im Weltraum auf. Nichts ist zu hören. Wie erlebten Sie diese Stille im All?
Gar nicht. Man hört permanent im Raumanzug die Ventilation. Auch hat man durch die Funkverbindung ein Rauschen im Ohr. Gleiches gilt in der Raumstation. Aufgrund der Ventilatoren herrschen dort bis zu 72 Dezibel, das kommt lautem Straßenverkehr gleich. Ruhig war es dort oben sicher nicht.

Gab es Momente, in denen Ihnen die Gefahr bewusst wurde, in der Sie sich befanden?
In der Ausbildung wird ein großer Teil der Zeit für den Umgang mit Notsituationen verwendet. Es gibt drei Szenarien: Druckverlust, Feuer und Kontamination der Atmosphäre. Jeder muss genau wissen, was er zu tun hat. Viel Platz für Fehler hat man nicht. Das ist aber nichts, was einem Tag für Tag im Nacken sitzt. Diese Gefahr gehört dazu. Und ich muss zugeben: Als Ingenieur gibt es auch das Interesse an Herausforderungen.

2003 verglühte das Spaceshuttle "Columbia" beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre. Sie waren der nächste Astronaut, der drei Jahre später ins All geschickt werden sollte. Keine leichte Mission.
Ich kam mit meiner Familie gerade vom Einkaufen zurück, und wir hörten in den Nachrichten, dass etwas passiert sein muss. Es war eine Katastrophe. Ich war aber viele Jahre in der Militärfliegerei. Auch dort sind Unfälle passiert. Meine Frau war also mit dieser Situation schon etwas vertraut. Es ist wichtig, die Familie mit einzubinden. Für mich war klar, es wurde alles Menschenmögliche getan, damit so ein Unglück nicht wieder passieren würde. Eine Garantie hat man nie. Beim Start selbst konzentriert man sich auf das, was vor einem liegt. Man weiß auch, dass man sich absolut blind auf seine Kollegen verlassen kann.

Zur Person

Mit Gitarre auf der "Mir": Thomas Reiter während seiner ersten Mission im Jahr 1995. Quelle: ESA

Das Flugobjekt, das Thomas Reiter nicht fliegen kann, muss erst noch gebaut werden. Der Direktor der Europäischen Weltraumorganisation Esa (European Space Agency) für den Bereich bemannte Raumfahrt hat nach seinem Abitur bei der Luftwaffe gedient und im Dezember 1982 sein Studium an der Universität der Bundeswehr in Neubiberg bei München Luft- und Raumfahrttechnik abgeschlossen.

Auf der Sheppard Air Force Base in Texas wurde er zum Jetpiloten ausgebildet, flog außerdem Jagdbomber. Seine Karriere als Astronaut begann am 15. Mai 1992. Reiter, am 23. Mai 1958 geboren und im hessischen Neu-Isenburg aufgewachsen, wurde als Mitglied der zweiten Esa-Crew präsentiert, die ins All fliegen sollte – er setzte sich gegen mehr als 22 000 Bewerber durch.

Bis zu seinem Premierenflug ins All dauerte es bis zum 3. September 1995. Mit zwei Russen flog er vom Weltraumbahnhof in Baikonur zur "Mir" und erfüllte seine Aufgabe als Mitglied der 20. Langzeitbesatzung der Raumstation. Als erster Deutscher schrieb Thomas Reiter, verheiratet mit Consuela und Vater von zwei Söhnen, Geschichte, als er am 20. Oktober 1995 die Raumstation für fünf Stunden verließ und mit 28 000 Kilometern pro Stunde durch den Weltraum spazierte.

Start mit Verzögerungen: Die Crew des Spaceshuttles Discovery inklusive Thomas Reiter (2. v. r.) musste nach dem tragischen Columbia-Unglück lange auf den Flug zur ISS warten. Quelle: NASA / gemeinfrei

Nach 179 Tagen in der Schwerelosigkeit landete Reiter am 29. Februar 1996 wieder auf der Erde. Seine Mission, die "Euromir 95", war die bis dahin längste bemannte Unternehmung im All.
Die Faszination Weltraum trieb Thomas Reiter weiter an, als einer von wenigen Nichtrussen wurde er zum Kommandeur der Sojus-Kapsel ausgebildet. Für seine Leistungen wurde er mit dem Verdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet und erhielt einen Ehrendoktortitel von der Fakultät für Luft- und Raumfahrttechnik der Universität der Bundeswehr München.

Viel wichtiger für ihn aber war seine zweite große Weltraum-Mission, die ihn zur internationalen Raumstation ISS führte. Zunächst war für Herbst 2005 der Start des Spaceshuttles "Discovery" geplant. Allerdings kam es immer wieder zu Verzögerungen. Der Schatten der Spaceshuttle-Katastrophe vom 1. Februar 2003, bei der zwei Frauen und fünf Männer beim Wiedereintritt in die Erdatmosphäre verglühten, wirkte noch immer nach. Es sollte nichts riskiert werden.

Am 4. Juli 2006, dem Unabhängigkeitstag in den USA, gelang von Cape Canaveral in Florida schließlich ein Bilderbuchstart. Zwei Tage später erreichte der Deutsche die ISS und sollte dort bis zum 22. Dezember 2006 bleiben. Nach 350 Tagen, vier Stunden und 55 Minuten im Weltall – davon verbrachte Reiter fast 15 Stunden außerhalb der beiden Raumstationen – hat der beurlaubte Brigadegeneral der Luftwaffe seine Karriere als Astronaut beendet. Zurück bleiben Bilder von seinen Spaziergängen und von seinem Gitarrespiel in der Schwerelosigkeit, für das er sich extra Saiten hat anliefern lassen.

Von Carsten Bergmann

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