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Promis Porsche oder Polo, Herr Lindner?
Nachrichten Promis Porsche oder Polo, Herr Lindner?
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22:14 21.08.2015
Der 36-jährige Christian Lindner ist seit Dezember 2013 der Bundesvorsitzende der FDP. Quelle: dpa
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Herr Lindner, welches Auto fahren Sie?
Ich besitze einen klassischen Porsche, der so alt ist wie ich selbst. Meine Frau und ich haben damit schon an Oldtimer-Rallyes teilgenommen. Das ist also kein Auto für den Alltag, sondern eine Leidenschaft. Leider komme ich zu selten dazu.

Stimmt es, dass Ihr erstes Wort als Kleinkind „Auto“ war?
So erzählt man es zumindest in meiner Familie. Auf jeden Fall haben mich Autos immer fasziniert – bis heute. Das ist das Kind im Manne, das immer noch von alten Autos träumt, gern um sie herumschleicht und sie sich anhört.

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Sie hören Autos lieber, als sie zu fahren?
Am liebsten Hören beim Fahren. Das ist ein sinnlicher Eindruck – gerade bei alten Fahrzeugen. Damals, ich sage vor 1990, waren Autos noch echter Maschinenbau. Die Karosserien hatten noch einen anderen künstlerischen Anspruch, das war Metallverarbeitung, nicht gepresstes Plastik. Die alten Maschinen mit Vergaser und Luft- statt Wasserkühlung hören sich einfach ganz anders an. Bei den neuen Motoren und digitalen Cockpits erkennt man ja nur noch am Gefühl in der Magengrube, ob man in einem Auto sitzt oder vor der Sony Playstation.

Gibt es eine Automarke, in die Sie nicht einsteigen würden?
Nein. Es gibt in jeder Marke ein spannendes Modell. Sie könnten mir eine Marke zurufen, und ich könnte Ihnen ein wegweisendes nennen.

Mazda.
Oh! Ein Wankelmotor-Sportwagen der Baureihe RX7 in mehreren Generationen. Sie wissen, in Deutschland hat Felix Wankel einen Motor mit rotierenden Kolben entwickelt, der fast nicht zum Einsatz kam. Mazda hat diese Technologie erhalten.

Citroën?
Da denkt man sofort an die DS – eine Ikone.

Audi?
Da würde ich den Sport quattro nehmen – ein unter der Ägide von Ferdinand Piëch entwickelter Rennwagen mit kurzem Radstand und Vierradantrieb. Eigentlich ein Homologationsfahrzeug für den Rallyesport, von dem nur wenige auf die Straße gekommen sind. Ein starkes, aber leider unbezahlbares Objekt. Sie sehen, von mir können Sie Gebrauchtwagen kaufen ...

Autos haben auch immer ein gewisses Image. Sie sind schon zum Zivildienst mit dem Porsche gefahren.
Mir geht es nicht um Image, sondern um den Boxermotor im Heck. Ich bin noch als Schüler bei meinen Eltern ausgezogen, habe mich selbstständig gemacht und war dann bald in der Lage, mir von meinem selbst erarbeiteten Geld einen Traum zu erfüllen.

Porsche- oder Polo-Fahrer: Wem vertrauen die Bürger mehr?
Ich rate dazu, mehr auf das Gesagte als das Gefahrene zu schauen. Als Imageberater würden Sie wohl zu Audi raten, da man damit nicht aneckt. Ich habe mich davon freigemacht. Neid ist mir auch gegenüber anderen fremd. Wenn Menschen viel mehr Geld als ich für automobiles Kulturgut zahlen können – toll! Dahinter stehen schließlich zumeist Leistung und Risikobereitschaft.

Sie waren schon oft im Leben risikobereit. Sie haben zwei Firmen gegründet. Einmal sehr erfolgreich, einmal sind Sie pleitegegangen. Was waren das für Firmen?
Die erste Firma war eine Werbeagentur, die ich mit 18 Jahren gegründet habe. Ich habe damals vor allem regionale Telefongesellschaften an den Markt geführt. Das war sieben Jahre sehr erfolgreich. Zur Hochphase der Internetblase im Jahr 2000 war ich dann auch etwa ein Jahr an einem Start-up beteiligt. Dessen Idee war, im Internet per natürlicher Sprache und mit einem menschlichen Gegenüber zu navigieren. Apple-Nutzer kennen so etwas Ähnliches heute als Siri.

Was ist schiefgelaufen?
Es war insgesamt eine Zeit unausgereifter Technologien und unausgereifter Märkte. Man muss in Erinnerung rufen: Start-up-Unternehmen sind wirtschaftliche Experimente, das ist nicht vergleichbar mit der Eröffnung eines Sanitärfachgeschäfts. Deshalb werden sie mit sogenanntem Risikokapital finanziert. Bei unserem Start im Mai 2000 gab es solche Investoren noch, Wochen später nicht mehr. Da war die New-Economy-Blase geplatzt.

Damals war neben privatem Kapital auch öffentliches Geld der KfW im Spiel. Das wird Ihnen heute vorgeworfen.
Nein, ich selbst hatte keinerlei Geschäftsbeziehung zur KfW und habe kein öffentliches Geld erhalten. Unser privater Geldgeber hat sich nach den üblichen Regeln unter anderem über die KfW refinanziert, weil der Staat damals das private Kapital zur Gründung von Start-ups mit einem Hebel ausstatten wollte. Unser Investor arbeitet bis heute mit der Förderbank zusammen und hat in den letzten 15 Jahren zahlreiche Projekte erfolgreich abgeschlossen.

Auch als Politiker haben Sie Rückschritte erlitten. Sie waren mit 32 Generalsekretär und sind 2011, mitten in der Krise der FDP, zurückgetreten. War das eine mutige oder eine mutlose Entscheidung?
Ich sehe das gar nicht als Rückschritt, weil es mich in meiner persönlichen Unabhängigkeit weitergebracht hat, diese harte Entscheidung damals zu treffen. Ich war zuvor fünf Jahre Generalsekretär in Nordrhein-Westfalen für Andreas Pinkwart. In Berlin hat mich Guido Westerwelle dann mit diesem Amt betraut. Nach sieben Jahren und beim dritten Vorsitzenden wurde es schwierig.

Mit Philipp Rösler.
Generalsekretär einer Partei sollte nur sein, wer Kurs und Person des Vorsitzenden vorbehaltlos unterstützen kann. Kann man das nicht, dann tut man der Partei, dem Vorsitzenden und sich selbst keinen Gefallen. Man gibt das Amt frei.

Was war das für ein Gefühl? Haben Sie überlegt, etwas ganz anderes zu machen?
Nein, ich wollte in der Politik bleiben. Parlamentarier zu sein begeistert mich. Mir war aber schon vor meinem Rücktritt klar, dass es für mich leichter sein würde, in der Spitze der Partei zu verbleiben, als neu in der mittleren Bank der Fraktion anzufangen. Dennoch habe ich mich befreit gefühlt, als ich nicht mehr in Loyalitätskonflikten war.

Wussten Sie, dass Sie zurückkehren würden?
Nein, da gab es keine Sicherheiten und es war volles Risiko. Ich habe ja auch keine Gründe konkretisiert, weil ich niemandem schaden wollte. Daran halte ich bis heute fest. Es wollte dann das Schicksal so, dass der Landtag in Düsseldorf aufgelöst wurde und ich von meiner Landespartei gebeten wurde, als Spitzenkandidat in die Landespolitik zurückzukehren. In Nordrhein-Westfalen haben wir dann 2012 gezeigt, welches Profil wir uns für die Freien Demokraten vorstellen: Vertrauen auf die Eigenverantwortung der Menschen, wirtschaftliche Vernunft und starke Bildung.

Ihr Vorgänger hat immer gesagt, er wolle mit 45 die Politik verlassen. Haben Sie auch eine Restlaufzeit?
Wenn man die Politik nicht als Beruf, sondern als persönliche Leidenschaft begreift, kann man doch nicht im Vorlauf sagen, dann und dann gehe ich. Ich jedenfalls könnte das mit einem politischen Gestaltungsanspruch und einer Leidenschaft für die Aufgabe nicht vereinbaren. Ich mache das ja, weil ich bestimmte Werte in der Politik halten will, und nicht, weil ich keinen anderen Job fände.

Gibt es denn ein bestes Alter für Politiker?
Sicherlich gibt es innerhalb einer Biografie ein optimales Alter, wo der Gestaltungsanspruch, Dinge umstürzen zu wollen, und Erfahrung, Überblick und Routine sich die Waage halten.

Haben Sie diesen Punkt schon erreicht?
Ich hoffe, dass mir weitere Entwicklungschancen offenstehen. Jede andere Antwort wäre mit 36 Jahren auch vermessen oder einfältig oder beides.

Und SPD-Chef Sigmar Gabriel, den Sie vor drei Jahren noch als „pubertierenden Schulhofschläger“ bezeichneten, hat er dieses Alter erreicht?
Der Vizekanzler ist regelrecht juvenil in der Art, in der er mit vielen sachlichen Wendungen und Kurswechseln eines der höchsten Staatsämter ausübt.

Ihre Partei wirbt neuerdings mit dem Slogan "German Mut". Gibt es auch zu viel Mut? Übermut?
Ja, ich denke schon. Zur Courage gehört auch immer die Demut. Demut vor anderen, die schon Großes geschaffen haben, Demut vor der Größe von Aufgaben, Demut vor den Grenzen der eigenen Fähigkeiten. Mut ohne das Gegengewicht der Demut schlägt um in Übermut oder gar Hochmut.

Besteht darin die große Kunst des Lebens, in der Balance?
Mut und Demut, Freiheit und Verantwortung, auch Macht und Verantwortung. Das gehört immer zusammen. Der Philosoph Hans Jonas hat das gesagt: Je größer die Macht, desto größer die Verantwortung. Das ist wie bei Rennfahrern. Zu viel Risiko führt zu Leichtsinn und Fahrlässigkeit. Davor würde ich warnen. Aber wer nur das Risiko sieht und nicht den Mut hat, sich zu bewegen, der ist auch nicht im Gleichgewicht. Unser Land tendiert sehr stark dazu, das Gleichgewicht zu verlieren in Richtung einer Art Wohlfühlstagnation oder Angststarre. Beides führt zu Bewegungslosigkeit. Das ist in einer schnell wandelnden Welt gefährlich.

Sie sagten schon 2006, Sie arbeiteten an Ihrer Dissertation. Wird die noch fertig?
Ich hätte das sehr gern gemacht, aber es kam immer die Politik dazwischen. Das Projekt ruht in Frieden. Mein Vater hat mit 60 Jahren nach einem Berufsleben als Lehrer in Mathematik-Didaktik promoviert. Also wer weiß, was noch passiert.

Interview: Dirk Schmaler

Zur Person

Christian Lindner ist definitiv ein Frühstarter. Schon während der Schulzeit baute er als Unternehmensberater seine erste eigene Firma auf. Im Jahr 2000 zog er mit nur 21 Jahren als jüngster Abgeordneter in der Geschichte Nordrhein-Westfalens ins Landesparlament ein und wurde 2004 Generalsekretär der FDP in NRW. Bereits fünf Jahre später ließ er sich in den Bundestag wählen und wurde dort aus dem Stand Generalsekretär der Regierungspartei FDP.

Die große Krise der Liberalen 2013 schaute sich Lindner aber lieber aus der sicheren Entfernung Düsseldorfs an. Nach Meinungsverschiedenheiten mit Parteichef Philipp Rösler war er 2011 vom Amt des Generalsekretärs zurückgetreten und führte die FDP in Nordrhein-Westfalen in den Wahlkampf.

Nach der grandios verlorenen Bundestagswahl 2013 lief dann aber alles auf den gebürtigen Wuppertaler und FDP-Fraktionschef in Düsseldorf hinaus. Seitdem ist Lindners Projekt die Wiederauferstehung der Liberalen auch im Bund. Der heute 36-Jährige verordnete der FDP eine neue Bescheidenheit, eine neue Farbe (Magenta) und Spitzenkandidatinnen wie Katja Suding in Hamburg, die der FDP ein frisches Image verpassten. Nun liegt der Fokus auf dem Jahr 2017. Dann will Lindner, der mit der "Zeit"-Journalistin Dagmar Rosenfeld-Lindner verheiratet ist, die FDP zurück in den Bundestag führen.

Die Chancen stehen zumindest besser als noch vor zwei Jahren. In bundesweiten Umfragen liegt die Partei derzeit wieder bei etwa 5 Prozent. Wichtiger für die FDP, die 2013 schlicht als „unwählbar“ galt, ist allerdings eine andere Zahl, die kürzlich vom Meinungsforschungsinstitut Allensbach erhoben wurde: Demnach antworten immerhin wieder 20 Prozent der Deutschen auf die Frage, ob sie sich vorstellen könnten, demnächst FDP zu wählen, mit Ja. Christian Lindner bleibt trotzdem seiner Strategie treu – Demut: „Wir freuen uns über eine Stimmungsaufhellung, das ist klar. Aber wir haben Bodenhaftung. Die verbesserten Umfragen lassen uns eher noch konzentrierter arbeiten.“

Von Dirk Schmaler