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Politik Zurück ins Land der Täter – Die Geschichte von Rabbiner Walter Rothschild
Nachrichten Politik Zurück ins Land der Täter – Die Geschichte von Rabbiner Walter Rothschild
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00:40 05.09.2019
Walter Rothschild, Rabbiner und Autor, vor einem privaten Schabbatgottesdienst im Garten von Bekannten. Quelle: Gregor Fischer

Walter Rothschild hat schon vieles hinter sich. Er hat in Großbritannien, Österreich, Polen, den Niederlanden und Deutschland gelebt. Er war Gemeinderabbiner in Yorkshire, Wien und ein Jahr lang in der Karibik. Er leitete an der Evangelischen Hochschule Berlin einige Jahre einen Kurs mit dem Titel „Bibel für Masochisten“. Er gibt vierteljährlich ein Heft zur Geschichte des Eisenbahnwesens im Mittleren Osten heraus, das Abonnenten in Australien hat. Er schreibt Geschichten, Lehrbücher, Geschichtsbücher, Biografien, Lieder, Gedichte und Gebete. „Weltbürger, Autor, Eisenbahnspezialist und Kabarettist“ steht auf dem Flyer für sein Bühnenprogramm, „Rabbiner Dr. Walter Rothschild, Institut für jüdische Besserwissenschaft“ auf seiner Visitenkarte.

Walter Rothschild steht im Schlafzimmer seiner alten Berliner Altbauwohnung wie ein Bibliothekar in eigener Sache. Riesige Regale deckenhoch gefüllt mit Akten, Büchern, Ordnern. Es sind nicht die Unterlagen all seiner Aktivitäten, es ist seine Familiengeschichte, die er dort aufhebt.

Inzwischen wieder Deutscher: Walter Rothschild, Rabbiner und Autor, im Wohnzimmer seiner Wohnung in Berlin. Quelle: Gregor Fischer

Rothschild ist Sohn eines aus Deutschland ausgebürgerten Juden. Seine Familie hatte seinen Vater damals, als die Nationalsozialisten in Deutschland den Vernichtungskrieg gegen die Juden begonnen hatten, nach Großbritannien geschickt. In Sicherheit. Von dort aus startete 1954 auch Walter Rothschild ins Leben. Als gebürtiger Brite, gefühlter Europäer und seit 20 Jahren als Wahlberliner mit britischem Pass. Nun allerdings wollte Walter Rothschild nach all den Jahren den deutschen Pass beantragen und deutscher Staatsbürger werden. Im Land der Täter. Aber eben auch im Land seines Großvaters. Der war schon vier Jahre tot, als Walter Rothschild 1954 im britischen Bradford geboren wurde. „Aber ich fühle mich mit diesem Kerl verbunden“, sagt er, „ich trage ja seinen Namen.“ Und er fühlt sich mit Deutschland verbunden.

Es ist eine pragmatische Entscheidung, der drohende Brexit macht ihm Sorgen. Das vor allem. Und er lebt seit vielen Jahren in Berlin. Seine Vorfahren sind Deutsche.

Doch Einbürgerungen für Angehörige von NS-Opfern sind rechtlich nicht ganz einfach. In vielen Fällen, die weniger eindeutig sind als die des Berliner Rabbis, war bislang eine Einbürgerung nicht möglich.

Im Grundgesetz in Artikel 116, Absatz 2, ist das so festgehalten: „Frühere deutsche Staatsangehörige, denen zwischen dem 30. Januar 1933 und dem 8. Mai 1945 die Staatsangehörigkeit aus politischen, rassischen oder religiösen Gründen entzogen worden ist, und ihre Abkömmlinge sind auf Antrag wieder einzubürgern.“

Die Praxis schloss viele aus

In der Praxis galt das bislang allerdings nicht für Exilanten, die zwar vor dem Nazi-Regime geflohen, aber nicht explizit ausgebürgert worden sind und irgendwo „freiwillig“ eine andere Staatsbürgerschaft angenommen haben. Zehntausende Menschen wurden bis Kriegsende ausgebürgert, pedantisch aufgeführt in den 359 Ausbürgerungslisten, die ab 1933 regelmäßig im „Deutschen Reichsanzeiger“ veröffentlicht wurden. Hunderttausende Juden verließen Deutschland aber auch auf eigene Faust, wenn sie konnten, versteckten sich überall auf der Welt, bauten sich neue Leben auf, Existenzen im Exil.

Die Einbürgerungsregel gilt auch nicht für Kinder ausgebürgerter Mütter, da die Staatsbürgerschaft nach damaligem Recht nur durch den Vater erworben werden konnte. Und sie gilt nicht für uneheliche Kinder ausgebürgerter Väter, da sie schlicht nicht als deren Kinder anerkannt wurden. Das soll sich nun ändern. Gestern trat ein neuer Erlass dazu in Kraft. Bereits in der Sommerpause verkündete der Parlamentarische Staatssekretär im Innenministerium, Günter Krings (CDU), man wolle dieses bürokratische Verfahren für Holocaust-Opfer und deren Nachfahren nun, 74 Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs, vereinfachen.

Der Brexit lässt Anträge steigen

Auch weil die Nachfrage deutlich gestiegen ist. Einer der Hauptgründe in dieser Zeit ist angesichts der schrecklichen Verbrechen vergleichsweise sehr pragmatisch. Der drohende Austritt Großbritanniens aus der EU hat viele vom NS-Regime Verfolgte mit britischem Pass beunruhigt. Nach dem Brexit-Referendum stieg die Zahl der Anträge auf Einbürgerung in Deutschland: Laut Bundesinnenministerium waren es 2015 noch 43, 2018 insgesamt 1506 Anträge von Briten. Einer davon war von Walter Rothschild.

Gottesdienst im Garten: Walter Rothschild liest vor Freunden und Bekannten Gebete und Gesangstexte vor. Quelle: Gregor Fischer

Der Rabbi steht in seiner Wohnung und hält die vergilbte Geburtsurkunde seines Großvaters in den Händen: Walter Fritz Louis Rothschild, geboren am 18. Dezember 1890 in Hannover. Er zeigt die Urkunde für das „Ehrenkreuz für Kriegsteilnehmer“ im Namen von Reichspräsident Hindenburg. Und er hält sein politisches Todesurteil hoch: die „Niedersächsische Tageszeitung“ vom 22. Januar 1933, Hakenkreuz-Adler auf dem Titel, ein offener Brief im Lokalteil. „Wir verbitten es uns, daß man Vollblut- und Halbblutjuden als Richter über deutsche Menschen einsetzt“, heißt es dort.

Sein Großvater, Amtsgerichtsrat in Hannover, verliert seine Arbeit, sein Haus, sein Ansehen. Er flieht mit der Familie nach Baden-Baden, kommt 1938 ins KZ Dachau, kann sich von dort freikaufen, sagt sein Enkel. Ein Jahr später, kurz vor Kriegsausbruch, schickt Walter Fritz Louis Rothschild seinen 16 Jahre alten Sohn Edgar nach England. „Man musste die richtigen Leute kennen“, sagt Walter Rothschild. Für seinen Vater also geht es als Teenager mit dem Zug über Paris nach Bradford in Nordengland. Die Wege, die weiteren Stationen in seinem Leben, all das hat der Rabbiner mit seinen beiden Schwestern viel später rekonstruiert, vor etwa zehn Jahren erst, als sie Koffer voller Briefe, Tagebücher und Dokumente im Haus der Eltern fanden.

Seit er denken kann, verbrachte die Familie die Ferien in Deutschland. Ferien in Deutschland? Dem Land der Täter? Als jüdische Familie? „Sie machen denselben Fehler wie alle“, antwortet Rothschild leicht resigniert und seufzt. „Es gibt nicht die Deutschen! Heute nicht und damals nicht. Es gab Nazis, und es gab nette Deutsche, auch solche, die helfen wollten.“ Also besuchten die Rothschilds Sommer für Sommer die netten Deutschen, fuhren nach Hallwangen, Ebersteinburg, immer entlang der Schwarzwaldhochstraße. Er spricht diese Orte mit einem herrlichen britischen Akzent, aber doch so akkurat aus, dass allein dafür die deutsche Staatsangehörigkeit gerechtfertigt erscheint.

Er liebt Märklin, trotz Auschwitz

Mit Deutschland verbindet er viel Schönes. Auch sein Vater habe nie ganz mit den Deutschen gebrochen, er sprach zwar den Rest seines Lebens Englisch, spielte aber weiter Beethoven und Brahms am Klavier. „Seine Heimat war deutsch“, sagt Walter Rothschild, „seine Modelleisenbahnen von Märklin waren deutsch. Er liebte deutsche Eisenbahnen, und bevor Sie fragen: Ja, trotz der Deportationszüge für Juden.“

Vieles nimmt Rothschild mit Humor, aus Tragik schafft er Komik, macht Kabarett ebenso gern wie Trauerfeiern. Er ist ein Mann der Extreme, mit extrem britischem Humor. „Vorsicht bissiger Rabbiner“ steht auf dem Türschild im Wohnungseingang.

In einem Interview mit dem Deutschlandfunk sagte er einmal, natürlich nehme er den Holocaust ernst. „Ich bin geprägt davon. Ich bin mehrmals nach Auschwitz gereist mit Gruppen und so weiter. Aber wenn ich sage: Ich fahre häufig nach Auschwitz, aber immer mit einer Rückfahrkarte – ist es ein Witz oder nicht?“

In zwei Gemeinden verlor er seine Stelle, manchen sei er dann doch zu direkt, sagt er. Seitdem ist er freiberuflich Rabbiner und Komiker. „Ich wäre hier auch als Brite gestorben“, sagt er. „Aber der Brexit machte einen Strich durch die Rechnung.“ Bleibe ich krankenversichert, fragte er sich, bekomme ich die staatliche Rente? Kann ich noch frei reisen, Mutter und Schwestern in England besuchen?

„Ich hatte ein Riesenglück“

Also fuhr er zum Rathaus Schöneberg und füllte den Antrag auf Einbürgerung gemäß Artikel 116 Absatz 2, Satz 1 des Grundgesetzes aus. Dem Bundesverwaltungsamt in Köln musste er dann nachweisen, wer er ist, wer sein Vater war, sein Großvater – und was ihnen passiert ist. „Ich hatte ein Riesenglück, dass alle Papiere da waren“, sagt Rothschild. Sogar die Ausbürgerung seines Großvaters war in der im „Reichsanzeiger“ veröffentlichten Liste vermerkt, die Gedenkstätte Dachau hatte ihm einen Auszug schicken können. Ein halbes Jahr und 63 Euro später war er deutscher Staatsangehöriger.

Ob die Erleichterung der Einbürgerung nicht ein bisschen spät kommt? „Die meisten, die einen deutschen Pass haben wollen, werden schon einen haben“, sagt Rothschild. Die, die in Amerika ein neues Leben gefunden haben, brauchten ihn wohl nicht. Wichtig sei es vielmehr für die jungen Leute, die Enkel und Urenkel, die mobil sein wollen, Europäer. „Grenzen sind doch ein rein künstliches Produkt“, sagt Rothschild und meint damit vermutlich nicht nur die auf den Landkarten.

Von Julia Rathcke/RND

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